Ersatzopfer

Kommentar I Es ist schon verständlich, dass die Oppositionsparteien den Rücktritt des Bundesverkehrsministers gefordert haben. Wolfgang Tiefensees Kritik an den ...

Es ist schon verständlich, dass die Oppositionsparteien den Rücktritt des Bundesverkehrsministers gefordert haben. Wolfgang Tiefensees Kritik an den "Bonuszahlungen" der Deutschen Bahn kam reichlich spät, und er wusste vielleicht früher von ihnen, als er zugibt. Aber man wundert sich doch, wenn man sieht, wie alle über den Minister herfallen, während die Bahn unbehelligt bleibt. Der Aufsichtsrat hatte im Juni beschlossen, sich beim Börsengang einen kräftigen Schluck aus der Profitflasche zu genehmigen. Bahnchef Mehdorn zum Beispiel will sich 1,4 Millionen Euro schenken. Tiefensees Staatssekretär Matthias von Randow hatte zugestimmt. Nun hat der Minister den Skandal zwar erst nach dem Ausbruch der Finanzkrise als solchen empfunden. Aber spät ist doch besser als gar nicht. Man mag seinen Rücktritt bejahen, aber warum richtet sich nicht die vierfache Wut gegen Mehdorn? Der konnte es sich nach einer Woche Zuwarten sogar leisten, den Chor der Tiefensee-Kritiker zu verstärken; Vergütungsangelegenheiten gehörten doch nicht in die Öffentlichkeit, jammerte er. So läuft das bei einem Machtgefälle: Man scheut sich, den Mächtigen anzugreifen, und findet ein Ersatzopfer.

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