1:1 für Christian Lindner

Scheitern … Ein schönes Tor von Christian Lindner, doch bestenfalls der Ausgleichstreffer ...
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Da hatte er sich mal richtig was von der Seele geredet, der derzeitige FDP-Vorsitzende Christian Lindner. Auf einen Zwischenruf des SPD-Fraktionschef Volker Münchow im Landtag von Nordrhein-Westfalen, der damit auf Lindners gescheitertes Start-up Moomax zu Zeiten der New Economy Anfang des Jahrtausends angespielt hatte, zieht Lindner aus dem Stand fast drei Minuten kräftig vom Leder, teilt insbesondere in Richtung SPD aus und schließt diese Spontaneinlage mit einem "Das hat Spaß gemacht ab." Innerhalb eines Tages entwickelt sich der YouTube-Clip zum Internet-Renner. So weit, so wenig aussagend.

Wo Lindner Recht, hat er Recht

Lindner – und vor ihm offenbar auch schon NRW-Ministerpräsidentin Hannelore Kraft – spricht im Grunde das an, was man als "Kultur des Scheiterns" bezeichnen kann. Im Gegensatz zur amerikanischen Kultur – wenn man diversen Umfragen, Studien, etc. Glauben schenken kann – gilt in Deutschland Scheitern immer noch als Makel im Lebenslauf, während es in den Staaten auch als wichtiger Teil der Lebenserfahrung angesehen wird, an dem man wachsen kann. In Deutschland gilt der Spruch „Wer den Schaden hat, braucht für den Spott nicht zu sorgen“. Nicht selten hat man zudem wohl nicht selten das Gefühl, dass die Bedenkenträger erst ein Projekt zerreden, es dann behindern und wenn's schief geht, oft ein lakonisches "Hab ich doch gleich gesagt." nachschieben. Freilich weiß man als Außenstehender selten, ob die Bedenken berechtigt waren oder nicht. Manche Projekte sind in der Tat von vornherein zum Scheitern verurteilt. Doch auch da weiß keiner, ob das nicht vielleicht auch gut so ist für die Entwicklung dieses oder jenes Menschen. Die Frage besteht wohl nur darin, ob man sich an einem solchen Projekt beteiligt oder einfach raushält.

Wo auch Lindner sich ein Eigentor schoss

Lindner nutzt also Münchows Einwurf und verwandelt diese erfolgreich zum Tor – zack ins Dreiangel. Die Masse jubelt: "Was für ein Tor – Wahnsinn!" Dabei hatte keiner mitbekommen, dass Münchow und Lindner im selben Team spielten und Hannelore Kraft im Tor stand. Denn Lindners gescheitertes Start-Up wurde – wenn man diesem Artikel aus dem Handelsblatt glaubt – teilweise mit staatlichen Geldern gefördert. Am Ende wurde es ein kleineres Millionengrab, das wohl dennoch eher zahm ausfällt gegenüber so mancher politisch und wirtschaftlich erzeugten Millionen- oder Milliardengrube "sponsored by Steuerzahler“.
Danach dachte sich Lindner vermutlich irgendwann, dass eine Karriere in der Politik irgendwie sicherer wäre und stieg in der FDP auf; im Gegensatz zu Münchow, der erst nach einer offenbar erfolgreichen Karriere verstärkt in die Politik ging, wie aus diesem STERN-Artikel hervorgeht. Das Hin- und Her, wer nun mehr auf Staatskosten lebt oder gelebt hat, dürfte wohl insgesamt eher zu Ungunsten Lindners ausfallen. Bestenfalls war's der Ausgleichstreffer zum 1:1. Doch das rutschte im Torjubel vermutlich bei den meisten durch.

Eine Frage des Stils?

Nichtsdestotrotz ist es eine Frage des Wie? –konkret: wie kritisiere ich andere? Münzbergs Einwurf war für ihn nichts besonderes – es war nicht der erste und vermutlich auch nicht der letzte, selbst wenn er sich ab jetzt wahrscheinlich erst einmal etwas zurückhält. Zudem gehören solche Einwürfe offenbar zum politischen Procedere und bei manchen Parlamentariern kann man sich des Eindrucks nicht erwehren, dass sie solche Einwürfe als ihre parlamentarische Hauptaufgabe ansehen. Was allerdings auch wieder verständlich ist, denn solche Sitzungen sind vermutlich sterbenslangweilig, weil eh alles schon vorher besprochen worden ist und die Reden nur die Ansprache ans bzw. fürs Volk sind. Vor- und hinterher trinken die Genossen allesamt wieder zusammen Kaffee in der Landtags-Caféteria. Freilich nicht alle mit allen, doch die menschlichen Sympathien verlaufen oft nicht entlang der Parteigrenzen, sondern quer hindurch.

Kleiner Einwurf am Rande: am witzigsten fand ich diesbezüglich mal eine Geschichte eines mit mir befreundeten Mitglieds der Linkspartei, der mal mit einem CDUler zusammen auf ein Rammstein-Konzert gegangen war ... letzterer in Lederjacke, beide waren damals schon über 50.

Was bleibt?

Alles in allem kann man Münchow und Lindner wohl nur dankbar sein, denn das Hauptthema bleibt: wie gehen wir mit Scheitern um? Mit dem anderer Menschen ... und primär mit dem eigenen? Wo ist der Mittelweg zwischen Einfach-drauf-los und Aus-Angst-gar-nichts-machen, zwischen Risiko und Sicherheit?

Einen Königsweg gibt es nicht, doch letztlich geht's wohl schlicht und ergreifend um die Akzeptanz des Scheiterns. Denn nur wer etwas akzeptiert, lernt auch mit seinen Ängsten umzugehen. Und was ist schon ein scheinbar erfolgreiches Leben, wenn man tagtäglich unter der Angst leidet, dass es mal ganz schnell wieder bergab gehen kann?

Insofern, last but not least … noch etwas Lyrisches zum Thema:

Doch Scheitern macht‘ mich nur gescheiter.
Drum stand ich auf, ging einfach weiter,
Denn: lieber Erster … als bester Zweiter.


Michael Winkler, Dresden

11:11 05.02.2015
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