Gelungener Flop

Alltagskino Unser Filmkolumnist mag erfolglose Action-Filme, die ihn überraschen. Und er ist fasziniert von Stars, bei denen etwas schiefgeht

Was habe ich gesehen?
„Sorcerer“, 1977, Laufzeit: 121 min, von Wiliam Friedkin.

Warum habe ich es gesehen?
Eine der vielen Unterfangen dieser Kolumne ist es, den besten Action-Film aller Zeiten zu küren. Die Frage ist tiefgründiger als sie klingt. Action war – und ist, übrigens, neben Spannung und Sex – die Antriebsfeder aller Filmschaffenden. An einer guten Actionszene, so hört, wer mit Film-Regisseuren mal Trinken war, zeigt sich der Könner. Kürzlich schrieb ich, wenn man schon viele Actionfilme gesehen hat, erahne man oft die Handlung, und trotzdem war ich von ConAir' s superidiotischer Trivialität unangenehm überrascht. Sorcerer nun ist ganz anders: immer wenn man denkt, man wisse, was kommt, liegt man falsch. Es geht sehr langsam los (gutes Zeichen), die Charaktere sind nur angedeutet und deshalb ist ihre Handlung oft nicht nachvollziehbar (schlechtes Zeichen), es gibt keine Frauen (gutes Zeichen), die superteure Produktion (schlechtes Zeichen) kommt rüber wie ein B-Film (gutes Zeichen). Es ist klar, was passieren wird (schlechtes Zeichen); es passiert aber nicht und als es dann doch passierte, hatte man vergessen, dass es passieren würde (gutes Zeichen).

Worum geht es?
Fünf flüchtige Verbrecher landen unabhängig voneinander in einem gottverlassenen venezolanischen Dorf, in dem alle für eine ausländische Ölfirma arbeiten. Als ein Ölfeld Feuer fängt und nur durch eine Sprengung gelöscht werden kann, wird den vier Abenteurern (einer legt den anderen um, also werden aus den fünf nur noch vier) ein Angebot gemacht: sie erhalten eine große Summe Geld, wenn sie zwei LKWs beladen mit Nitroglyzerin durch den Dschungel zur Feuerquelle fahren. Das Dynamit „schwitzt“ wegen unsachgemäßer Lagerung. (Ich weiß nicht, ob es nur ein Trick des Drehbuchautors war, aber im Film ist es mit „schwitzendem“ Nitro so: bei der leichtesten Erschütterung fliegt alles in die Luft). Wir begleiten die vier auf ihrer fegefeuerartigen Reise zum Feuer. Aus Feinden werden Freunde. Aus Alpträumen Wirklichkeit. Drei sterben.

Was bleibt?
Regisseur Friedkin war auf dem Höhepunkt seiner Karriere, hatte gerade French Connection und The Exorzist abgedreht, als er sich an ein recht banales Remake des Klassikers Wages of Fear machte. Sorcerer sollte die Krönung werden, es wurde: einer der größten Flops der 1970er-Jahre. Friedkin war damals wohl bereits größenwahnsinnig, er wollte für die Hauptrolle Steve McQueen, Jack Nicholson, Kris Kristofferson, Paul Newman oder Gene Hackman. Er bekam Roy Scheider. Das ist ungefähr so wie Schalkes aktuelle Einkaufspolitik: man will Ballack, Klas-Jan Huntelaar oder Stefan Kießling. Gekommen ist bislang der 34-jährige Hans Sarpei. Andererseits: ich liebe Roy Scheider. Scheider spielt lakonisch, ausdrucksarm, langsam. Sein Schauspiel ist mehr Schau als Spiel. Er sieht aus wie Terence Hill ohne die Faxen. Er war die ursprüngliche Besetzung für Don Corleone in Der Pate, bevor Marlon Brando zusagte. Roy Scheider als der Pate? Unmöglich! Oder doch nicht?! Denken Sie mal drüber nach.

In den Kinos war der recht konventionelle Actionfilm chancenlos gegen den gleichzeitig angelaufenen überpotenten Star Wars. Für Friedkin war das eine Schmach, von der er sich nicht mehr erholen sollte. Ich mag Stars, die fallen. Mir gefiel Muhammed Ali nach der Manila-Pleite; ich sympathisiere mit den grottenschlechten französischen Millionärskickern, die bei der WM 2010 zu reich waren, um sich zu bewegen und für ihren Hochmut bitter bestraft wurden.

Diese Frage stellt der Film:
Geht es Ihnen so schlecht, dass Sie Ihren Tod in Kauf nehmen würden für eine Besserung?

Der Film in einem Satz:
Wir scheitern nicht an den Niederlagen, die wir erleiden, sondern an den Konflikten, die wir nicht austragen.

Was sehe ich als nächstes?
Der weiße Hai, Steven Spielberg.

Unser Kolumnist Mikael Krogerus sieht sich jede Woche eine DVD an oder auch mal eine ganze TV-Serie. fragte er sich: Wer hat Angst vor Coppola Street View?Vergangene Woche

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13:20 27.08.2010
Geschrieben von

Ausgabe 39/2020

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