Männer baggern wie blöde

Essay Unser Autor stammt aus Schweden. Er sagt, der Alltagssexismus deutscher Männer wäre dort undenkbar
Mikael Krogerus | Ausgabe 16/2013 281
Männer baggern wie blöde
Wir wollen Herbert Grönemeyer!
Foto: Moment / Agentur Focus

Für einen Schweden in Deutschland war das einzig wirklich Erstaunliche an der „#aufschrei“-Debatte: dass ihr so erstaunt wart. Dachtet ihr, in einem gleichberechtigten Land zu leben? Wart ihr tatsächlich der Ansicht, Sexismus sei in Deutschland längst Geschichte?

Mal abgesehen von den naheliegenden Dingen – die fehlenden Kita-Plätze, das unentschlossene Verhältnis deutscher Arbeitgeber (und Väter) zur Elternzeit, das noch immer nicht durchgesetzte Prostitutionsverbot, die Ablehnung der Frauenquote –, abgesehen also von jenen Themen, mit denen sich Deutschland heute herumschlägt und die in Schweden vor 40 Jahren geklärt wurden, ist euer Land geprägt von einem Alltagssexismus, den es in Schweden nicht gibt. Der dort undenkbar ist. Und der jedem, der länger hier verweilt, unweigerlich auffällt.

Wenn ich von Alltagssexismus spreche, dann meine ich nicht sexuelle Gewalt – denn Vergewaltigungen und Übergriffe gibt es auch in Schweden. Stieg Larssons Bücher waren Fiktionen, beruhten aber auf realen Vorbildern. Nein, die Rede ist hier eher von Gesten, Blicken, Unterstellungen.

Der unverhohlen anzügliche Ton gegenüber Kellnerinnen. Die Selbstverständlichkeit, mit der Männer im Flugzeug oder im Kino beide Armlehnen für sich beanspruchen. Der breitbeinige, selbstverliebte Welterklärungsfimmel, sowohl in der schenkelklopfenden Stammtisch-Form als auch in der intellektuellen Variante à la Frank Schirrmacher. Das Festhalten an der Vorstellung, Männer stünden für das Aktive, Frauen für das Passive. Die Tatsache, dass Frauen als Expertinnen meistens nur zu „Frauenthemen“ ernst genommen werden, Männer aber zu allem etwas zu sagen haben.

Dass im Geschichtsbuch meines Sohnes die Entwicklung des Menschen als Entwicklung des Mannes abgebildet ist; dass keine Zeitung bisher selbstverständlich das Binnen-I benutzt, geschweige denn, dass es in öffentlichen Ansprachen üblich wäre; dass über verweiblichte Schulen geklagt wird, aber kaum ein deutscher Mann sich bequemt, den anstrengenden Lehr- oder Kinderbetreuungsberuf zu ergreifen.

Der andere hat nie recht

Wenn ich von Alltagssexismus spreche, dann meine ich damit, dass die Meinungsbildungskultur hier von einer Weltmännischkeit dominiert wird, die niemals Fehler eingesteht, nie zweifelt, nie Unsicherheit oder Ratlosigkeit eingesteht. Ich meine diese überhebliche Selbstgenügsamkeit der Männer, in der keine Frauen vorkommen, es sei denn, sie sind Kanzlerin oder Opfer. In der Frauen keine Rolle spielen, weil die Männer inhaltlich längst alle Debatten selbst besetzt haben.

Gleichzeitig scheinen diese Männer überzeugt, die Gleichberechtigung schon verwirklicht zu haben, weshalb sich der Alltagssexismus umso ungestörter ausbreiten kann. In Deutschland, so mein Eindruck, sind es die Alphatiere mit Machtwillen und Selbstbehauptung, die es weit bringen – öffentliche (weibliche) Gegenentwürfe sind mir nicht aufgefallen. Die Wissenschaft hat einen Begriff für eine Welt, die sich nur um Männer dreht: Homosozialität.

Das ist die sexistische Öffentlichkeit Deutschlands, und in der gelten Leute wie Brüderle als „normal“. Ein ältlicher Spitzenpolitiker, der einer jungen Journalistin an der Bar Anzüglichkeiten zuraunt? Das wäre in Schweden undenkbar. Genau genommen ist die ganze Figur Brüderle undenkbar. Warum?

Um die Frage zu beantworten, lohnt es sich, einen Blick auf ein schönes Schwarz-Weiß-Foto aus den dreißiger Jahren zu werfen. Das Bild hing bei meiner Großmutter im Wohnzimmer, und es zeigte ein schwedisches Ehepaar, Alva und Gunnar Myrdal. Die schwedische Philosophin und spätere Nobelpreisträgerin Alva Myrdal formulierte bereits in den Dreißigern ihre Vorstellung von einer Familie mit gleichberechtigten PartnerInnen. Gleichheit definierte sie als gesellschaftliches Ziel. Und sie lebte das mit ihrem Mann auch so vor. Alva und Gunnar Myrdal waren wortgewaltig, attraktiv, kosmopolitisch, intellektuell, cool.

Man muss sich das vor Augen führen: Während Deutschland im Faschismus versank, waren die Trendsetter Schwedens ein feministisches Paar. Heute arbeiten mehr als 80 Prozent aller schwedischen Frauen Vollzeit. Und obwohl es keine Quote gibt, bekleiden Frauen die Hälfte aller öffentlichen Ämter. Eine Reihe von Studien hat sich mit der positiven Einstellung der schwedischen Männer zur Gleichberechtigung beschäftigt und kam bereits in den Achtzigern zu dem Schluss: Ein Drittel der schwedischen Männer ist profeministisch eingestellt, ein Drittel traditionell und ein Drittel hat keine Meinung. Anders als in Deutschland gab es also schon früh eine große Männergruppe. Die Folge: Ein „feministischer Mann“ ist heute in Schweden kein Widerspruch in sich.

Einer der Ersten war Olof Palme. Der 1986 ermordete Ministerpräsident war ein Machtpolitiker, dem Steuerhinterziehung und illegale Machenschaften nachgesagt werden, aber er war auch ein Antimann, der im Elite-Internat wegen seiner körperlichen Schwächlichkeit gemobbt wurde, der früh dem Militär und der Aristokratie entsagte und sich gleichzeitig für die Gleichstellung aussprach.

Die wichtigen Gesetzesänderungen – vom Recht auf Abtreibung bis zur Abschaffung des Ehegattensplittings – setzte er Anfang der Siebziger durch. Legendär wurde seine Rede im Jahr 1972 vor dem Parteikongress, in der er eine rigorose Abkehr von traditionellen Geschlechterrollen forderte.

Schweden hat heute, als einziges Land neben Norwegen, einen Staatsfeminismus. Alle politischen Beschlüsse müssen unter Beachtung eines Gleichberechtigungsparagrafen und in Zukunft auch eines Vielfaltsparagrafen gefällt werden. Schwedens konservativer Ministerpräsident Fredrik Reinfeldt ist kein lupenreiner Feminist, aber die Gesetzeslage zwingt ihn, sein Handeln ständig mit Verweisen auf die Gleichstellungspolitik zu legitimieren. Gleichstellung hat den Status eines Menschenrechts.

Es gehört zur Ironie der Geschichte, dass jede Bewegung eine Gegenbewegung provoziert. Und so können all die Gleichstellungsanekdoten nicht darüber hinwegtäuschen, dass auch Schweden mit einer Sexismusdebatte zu kämpfen hat. Sie hat wenig mit Herrenwitzen zu tun, aber viel mit moderner Männlichkeit.

Und so fing es an: Ein seriöses Institut publizierte eine Studie, die feststellte, dass Frauen jeden Tag 106 Minuten darauf verwenden, einzukaufen, Essen zu kochen und aufzuräumen, während Männer für Hausarbeit täglich nur 69 Minuten investieren. Eine Journalistin schrieb daraufhin, dass ihr Land noch lange nicht „gleichberechtigt“ sei. Dass Männer zwar Hausarbeit mitmachen, aber nicht wirklich die Verantwortung übernahmen.

Die Empörung war heftig. Das Wort „Männer-Hass“ machte die Runde. Antifeministische Blogger, die bislang in den Untiefen des Netzes vor sich hin gehetzt hatten, waren plötzlich gern gesehene Talkshowgäste und nutzten die unverhoffte Öffentlichkeit, um Öl ins Feuer zu gießen.

Der Bestseller „Min Kamp“

Es verwundert nicht, dass zeitgleich ein sechsbändiges Mammutwerk mit dem provokanten Titel Min Kamp zum meistgelesenen Buch der letzten zehn Jahre avancierte (auf Deutsch sind die ersten Bände Sterben und Lieben erschienen). Der 44-jährige Karl Ove Knausgård, ein in Schweden lebender Norweger, verhandelt auf über 3.000 radikalautobiografischen Seiten seinen „Kampf“, Schriftsteller zu werden. Sein Hadern ist eng verknüpft mit seiner Vorstellung, ein freier, wilder Mann sein zu wollen. Und seiner Angst, das nicht sein zu können. Genauer: nicht sein zu dürfen.

Mit hypnotisierender Genauigkeit beschreibt Knausgård seine Angst, zwischen Spielplatz und Krabbelgruppe seine „Männlichkeit“ zu verlieren. Er sehnt sich nach Freiheit und Unabhängigkeit, ist aber gefangen in den Pflichten des gleichberechtigten Familienalltags. Er will ausbrechen, kann sich aber nicht auflehnen, weil Schweden ein politisch korrektes „Scheißland“ ist. Knausgård traf einen Nerv.

Viele Schweden fühlten sich angesprochen. Auch die von Knausgård ausführlich beschriebene temporäre Flucht vor der Verantwortungsüberforderung ist für die meisten skandinavischen Männer nichts Unbekanntes: der Vollrausch. Im Rausch ist Karl Ove ein Mann, der seinen eigenen Weg geht, der sich nichts sagen lässt, dem es egal ist, was andere denken. Knausgård und seine Leser begehen dabei aber einen simplen Denkfehler: Sie verwechseln Verantwortungslosigkeit mit Unabhängigkeit. Der Held in Knausgårds Buch ist ein Cowboy im Familienvaterkostüm. Min Kamp kündet von der spätpubertären Sehnsucht des Mannes, einer als zu anstrengend empfundenen Sozialität den Rücken zu kehren.

Es gibt eine merkwürdige Gleichzeitigkeit von Fortschritt und Rückschritt in Schweden. Während schwedische JournalistInnen über die deutsche Sexismusdebatte lächeln, feiern sie Knausgård wie einen Messias. Während schwedische Männer ihren gleichberechtigten Dienst tun, lesen sie abends heimlich im Bett Min Kamp. Während man überall in Schweden das Ende einer patriarchalen Männlichkeit beobachten kann, werden die wenigen, die diese noch behaupten, verehrt wie Halbgötter.

Mikael Krogerus, geboren 1976 in Stockholm, lebte lange in Berlin, wo er u.a. für den Freitag schrieb. Nun wohnt er mit seiner Familie in der Schweiz. Dieser Essay ist dem Band Es reicht entnommen. Alice Schwarzer (Hrsg.) Es reicht! Gegen Sexismus im Beruf KiWi 2013, 176 S., 8,99 €. Erschienen am 18. April

 

 

09:00 22.04.2013
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