Ganz sicher nicht nichts

#aufschrei Sexismus Subjektives vorläufiges Resümee
Bei diesem Beitrag handelt es sich um ein Blog aus der Freitag-Community

Vorausgeschickt: an der Sexismus-Debatte beim Freitag habe ich mich nicht beteiligt und hier auch kaum einen der vielen Blogs gelesen. Sondern mich bei Zeitonline rumgetrieben, da es mir dort weit nötiger erschien. Keine Ahnung, ob das tatsächlich zutreffend war - unter Linken ist ja die Auffassung recht verbreitet, die Gleichstellung der Frau käme erst nach der Weltrevolution und ihre Unterdrückung sei ohnehin nur ein Nebenwiderspruch. Und nicht eine Frage der Menschenrechte.

Was mich im Rahmen der Diskussionen erstaunte, war die verbreitete männliche Wahrnehmung, die bei Twitter, alltagssexismus.de und andernorts veröffentlichten Erfahrungen von Frauen mit Sexismus seien ein Angriff auf alle Männer.

Das noch einmal zum ganz langsam auf der Zunge zergehen lassen: wenn zehntausende einzelner Frauen ihre üblen Erfahrungen mit einzelnen Männern veröffentlichen, fühlen sich alle Männer angegriffen und müssen schleunigst zur Verbrüder(le)ung schreiten, schließlich ein Auch-Penis-Träger. Das ist natürlich fantastisch dummer Unsinn, wie die Seltenheit von pauschalem Männerhaß in den Erfahrungsberichten und die zahllosen Tweets von Männern und diverse Blogs und Artikel zeigen, exemplarisch Christian Fischer Herr Kaliban Malte Welding CuriOusities Markus C. Schulte von Drach (Supermänner<3)

Erstaunlich fand ich auch die Wahrnehmung, Laura Himmelreich oder jede andere Frau sei nach einer - vergleichsweise - sexistischen Petitesse zwingend ein *Opfer* (dazu unten mehr) und hätte ein ganzes Jahr nach Feststellung ihrer Dirndl-Tauglichkeit ihr Kissen naßgeweint, um mit letzter Kraft, Träne und Tinte den Sternartikel zu veröffentlichen, in einer Kombination von später Genugtuung und öffentlicher Selbsttherapie. Ich war, gelinde gesagt, überrascht, wie viel Unkenntnis von der Arbeit in Redaktionen besteht - als ob eine junge Journalistin entscheiden würde, wann was wo und warum veröffentlicht wird.

Damit zu den Medien und der nächsten Erstaunlichkeit:

Es war noch! nie! da!, daß so gut wie alle Leitmedien tages-, nein, geradezu stundenaktuell ein Twitter-Thema aufgriffen. In höchst unterschiedlicher Qualität, das Fernsehen, seufz - Inkompetenz, Anmaßung und Dummheit auf allen Kanälen (hier eine Petition an die Öffentlich-Rechtlichen). Bei den Printmedien gab es gönnerhaft-selbstverliebte Statements wie das von Jakob Augstein und dem von ihm klug gefundenen Claudius Seidel. Es gab dumm-bösartige wie das von Bettina Röhl und Birgit Kelle. Es gab themenverfehlende und das Selbstbild schonende wie die von Nina Pauer und Lisa Caspari, die sich nicht entblödete, von sexualisierter Gewalt Betroffene als hysterisch zu bezeichen, um sich selbst nur ja von den *Opfern* abzugrenzen. Es gab viele andere mehr, nur wenige darunter klug.

Womit ich bei einer weiteren Erstaunlichkeit wäre:

Dem *Opfer* und seiner Rezeption. Das möchte ja niemand gern sein. Niemand wird gern vom Subjekt zu jemandes Objekt gemacht, niemand ist gern sprach-, macht-, würde- und hilflos. *Opfer* ist ein Schimpfwort, *Opfer* werden gemieden, als wären sie ansteckend. Umso erstaunlicher, bei wie vielen erfolgreichen, starken und toughen Frauen gut verpackte und weit nach untenhinten geschobene sexistische Übergriffe durch die Lektüre der Erfahrungen anderer Frauen wieder auf die Füße fielen. Beispielhaft dafür die Kaltmamsell und Dr. Mutti (beide extrem lesenswert). Überhaupt hat die Blogosphere die Printmedien aber sowas von an Qualität überboten (s.a. Blogsammlung im Infokasten).

Damit zum Allererstaunlichsten, -tollsten und -großartigsten:

Allein durch die Veröffentlichung von zehntausenden Erfahrungen mit Sexismus hat, glaube ich, etwas sehr Wichtiges stattgefunden. Nicht nur, daß meist Frauen extrem Schambesetztes publik gemacht und sich dadurch ermächtigt haben, nein:

Sexismus ist keine Privatsache mehr!

Jede/r ist aufgerufen, sich gegen Sexismus und Gewalt einzusetzen. Niemand kann sich mehr darauf berufen, von nichts gewußt und einen beobachteten Übergriff für ein Privatproblem gehalten zu haben.

Vertrauen Sie Ihrem Gefühl. Niemand erwartet Heldentaten, es reicht, die eigene Meinung zu sagen. Oder zu fragen, ob jemand, auf den man einen Übergriff vermutet, sich noch wohl fühlt oder ob man andernfalls irgendwie helfen kann. Oder Umstehende zu aktivieren oder irgendwelchen Lärm zu machen oder oder oder. Es ist fast das Schlimmste an sexistischen und anderen Übergriffen, daß es bisher kaum jemanden interessiert hat, viel zu selten jemand für ein Opfer einsteht. Das ist seit #aufschrei so nicht mehr möglich. Nicht, wenn Konsens darüber besteht, daß auf Menschen nicht sexistisch oder sonstwie übergegriffen wird und Herrenwitze nicht wirklich witzig sind.

Am 14. Februar ist 1 Billion Rising, nicht bloß Valentinstag.


Maike Hank Normal ist das nicht

Annett Meiritz Man liest ja so einiges über Sie

Ursula Kosser Hammelsprünge (falls irgendjemand Zweifel am Sexismus gegen Frauen in Politik und Journalismus vor Laura Himmelreich hegt)

#aufschrei sogar in der NYT

Was mich so aufregt

#aufschrei erklärt in 28 Tweets

Dr. Mutti Mein später Aufschrei

Vorspeisenplatte Confession Time

Malte Welding Männer, gebt die Herrschaft auf!

Kaliban Männer und Frauen und all der Scheiß

Gespräch mit Barbara Vinken (falls irgendwer glaubt, Dekolletées würden verboten)

Ein Blog von vielen Zeitreise mit dem ZDF

Dicke lesenswerte Blogsammlung bei kleinerdrei

Alltagssexismus

Bei Hollaback unter Punkt 3 ein paar Tips, was jede/r tun kann

Markus C. Schulte von Drach Keine Frage des Dekolletés

22:15 02.02.2013
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.

Kommentare 541

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