Mikael Krogerus
19.02.2010 | 12:00 7

Mehr schlimm geht nicht in zwei Stunden

52 Filme - 52 Wochen Ein Film über eine übergewichtige 16-Jährige, die von ihrem Vater missbraucht wird und ein behindertes Kind hat, wird für 6 Oscars nominiert? Das musste unser Kolumnist sehen

Was habe ich gesehen?
Precious– Das Leben ist kostbar (2009), Laufzeit: 110 min. Regie: Lee Daniels

Oscarnominierungen: 6 (Bester Film, Beste Regie, Beste Hauptdarstellerin, Beste Nebendarstellerin, Bester Schnitt, Bestes adaptiertes Drehbuch)

Warum habe ich es gesehen?
Der Film gilt in den USA als heimlicher Oscarfavorit: Falls es Gerechtigkeit gibt, dann müsste Precious gewinnen, ein Film, in dem es keine Gerechtigkeit gibt. Auch interessant: der Film ist noch immer nicht in den deutschen Kinos. Viele Verleiher glaubten wohl, das Thema verkaufe sich nicht gut. Angeblich soll er am 25. März anlaufen.

Worum geht es?
Die 16-jährige Clairee „Precious“ Jones (Gabourey Sidibe) ist übergewichtig, Mutter einer Fünfjährigen mit Down-Syndrom (Spitzname „Mongo“) und wieder schwanger. Precious wird seelisch und körperlich mißhandelt von ihrer Mutter (Mo’Nique), seit ihrem dritten Lebensjahr sexuell mißbraucht von ihrem Vater, der auch der Vater ihrer Kinder ist. Sie ist Analphabetin. Und, wie sich rausstellt, vermutlich auch noch HIV-positiv. Die Familie lebt in Harlem in einer völlig verwahrlosten Wohnung. Der Fernseher läuft den ganzen Tag. Mehr schlimm geht nicht in zwei Stunden.

Was bleibt?
Dass es dem absurderweise sehr ästhetisierten Film irgendwie gelingt, eine Geschichte zu erzählen, die mehr ist als bloß ein voyeuristisches Horror-Exempel für mißbrauchte Frauen aus prekarisierten Verhältnissen. Das liegt, vermute ich, an der literarischen Vorlage von Sapphire. Die wenigen, vernuschelten, slangdurchtränkten Worte, die Precious in dem Film spricht, sind von einer solchen Direktheit und Kraft , dass man während des Films weniger an „die Verhinderung von Teenagerschwangerschaften“ und „Bildungspläne für das abgehängte Prekariat“ und anderen neoliberal-moralisierenden Disziplinierungs-Quatsch denkt, sondern an Precious, das 16-jährige Mädchen, dass seinen Weg geht. Der Film ist immer wieder hart an der Grenze zum Sozialkitsch, als ob Ken Loach einen Werbekameramann an seiner Seite gehabt hätte. Was ihn rettet, ist wohl die schauspielerische Leistung. Precious ist so fett, dass ihre Gesichtszüge kaum mehr eine Regung zulassen. Oft rätselt man, ob die Augen überhaupt geöffnet sind. Aber mit den wenigen Gesichtsausdrücken, die ihr möglich sind, erzählt sie den ganzen Film.

Was bleibt, ist der Blick auf die Mehrfachdiskriminierung schwarzer Frauen: also die Verschränkung von sexistischer, rassistischer und sozialer Gewalt. Gut, dass solche Geschichten erzählt werden. Es ist ein Standpunkt, den wir nicht kennen (können) aus eigener Erfahrung, und der uns deshalb über Erzählungen vermittelt werden muss.

Diese Figur wäre ich gern:
Am ehesten noch eines der Mädchen aus Precious' Sonderschulklasse – die einzigen gutgelaunten Figuren in den 110 Minuten.

In dieser Szene konnte ich nicht hinsehen:
Precious kommt mir ihrem zweiten Kind zurück aus dem Krankenhaus. Die Mutter sitzt wie immer vor dem Fernseher, bellt: Wo warst du? Dann fragt sie, ob sie das Baby halten dürfe? Precious willigt ein nach kurzem Zögern. Die Mutter (Großmutter) hält ihr Enkel im Arm und bitte Precious, etwas zu trinken aus der Küche zu holen. Kaum dreht sich Precious um, wirft die Mutter das 3-Tage-alte Baby auf den Boden.

Der typische Dialog:
Zwischen der Mutter und der Tochter entspannt sich ein furchtbares Eifersuchtsdrama um den gewalttätigen Ehemann/Vater – die Mutter erträgt es nicht, dass ihr Mann die Tochter und nicht sie sexuell begehrt.
Precious: (Murmelt irgendwas).
Mutter: „Just because you give him more children than I you think you something special? Fuck you and fuck him.“

Erinnert an:Die Farbe Lila und manche Szenen aus Trainspotting.

Was sehe ich als nächstes?
For Your Eyes Only von John Glen mit Roger Moore als James Bond

Nachdem er ein Jahr lang jede Woche ein Buch gelesen hat, sieht sich unser Kolumnist Mikael Krogerus künftig jede Woche einen Film an. Letzte Woche: )

Kommentare (7)

Avatar
Ehemaliger Nutzer 19.02.2010 | 14:16

Precious habe ich selbst noch nicht gesehen. Aber zu Ihrem Film nächste Woche kann ich Sie schon jetzt bedauern. Da gibt es wahrlich bessere Bond-Filme, denn »James Bond 007 – In tödlicher Mission« glaubt auf ziemlich mittelmässige Weise Elemente aus anderen Bondfilmen und Bondbüchern zusammen, obwohl die Anfangssequenz und die Diebstahlsicherung an Bonds Auto doch sehr lustig sind. Ich hatte ja gestern schon überlegt, Ihnen einen Bondfilm zu empfehlen, aber das ist keine so leichte Aufgabe.

Mikael Krogerus 19.02.2010 | 14:34

Ja, das ist so eine Sache mit den besten Bonds… Meine derzeitige, leicht verhandelbare Top 5: 5.Octopussy (ich bin ein bekennder Roger-Moore-Fan), 4. Goldfinger. 3. Diamonds are forever. 2. Im Dienste ihrer Majestät (Lazenby wurde völlig zu unrecht unterschätzt) 1. From Russia with love. (die Craig-Filme halte ich für völlig indiskutabel).
For yours eyes only wollte ich in einem anderen Zusammenhang mal sehen. Aber dazu nächste Woche mehr.

Avatar
Ehemaliger Nutzer 19.02.2010 | 15:04

Hehe. Wenn ich jetzt Zeit hätte, dann könnten wir eine zünftige Debatte über Roger Moore als Bond führen oder was denn bitteschön Diamantenfieber auf Ihrer Liste verloren hat (allein schon die Namen zweier Bond-Girls: »Bambi« und »Klopfer« plus zwei Schurken, die homophobe Ressentiments verkörpern) und dass Sie überdies den Craig-Filmen unrecht tun.

Aber mit »Im Geheimdienst Ihrer Majestät« haben Sie vollkommen recht, schon alleine wegen Diana Rigg, und »Goldfinger« darf natürlich auf keiner Liste fehlen.

Bliebe nur noch eins: »Nun sag, wie hältst du's mit Timothy Dalton und Pierce Brosnan?«

Nun denn ich warte einfach mal gespannt auf Ihre Bond-Rezension. Ich hoffe die ist dann nicht »for your eyes only«.

Mikael Krogerus 19.02.2010 | 19:14

Dalton und Brosnan? Riesenfrage. Wenn man gesund ist und keine größeren Probleme in der Beziehung und im Job hat, läuft es ja praktisch auf diese Frage hinaus. Dalton war sicherlich der Bond, der Ian Flemings Figur am nächsten kam (vor allem in License to kill), viel näher auf jeden Fall als der dümmliche Craig. Ein Superagent zwar, aber kein Supermensch, nicht unbezwingbar. Auch sein Auftakt, The Living Daylight, war ein eigentlich ein spannender Film, wenn ich mich recht erinnere, warum kam Dalton nicht durch? War er zu sehr 1980er, um gegen den Schönling Pierce Brosnan zu bestehen? War die Ian Flemming-Figur eben doch ganz anders konzipiert als der Leinwand-Bond? Brosnans "Goldeneye" fand ich damals groß; möchte aber zu bedenken geben, dass ich damals eine Menge groß fand, was tatsächlich Mist war. Die späteren Brosnans waren langweilig, aber immerhin nicht stillos – ich denke er litt ein wenig unter schwachen Drehbüchern. Craig aber, wie gesagt, eine Katastrophe. Wie steht es mit Ihnen und den späten Bonds? (die anderen großen Fragen des Lebens: War Diamantenfieber wirklich so schlecht? Was war schlimmer: Moonraker oder A view to a kill? – ein andern Mal)

oca 19.02.2010 | 19:40

>>...dass man während des Films weniger an „die Verhinderung von Teenagerschwangerschaften“ und „Bildungspläne für das abgehängte Prekariat“ und anderen neoliberal-moralisierenden Disziplinierungs-Quatsch denkt...

Das ist die treffendste Kritik politischer Ideologie in einem beiläufigen Halbsatz in einer Filmbesprechung, an die ich mich erinnern kann. Respekt!

Was Sie über den Inhalt des Films sagen, ist allerdings so heftig, dass mir Precious' Standpunkt wahrscheinlich unvermittelt bleiben wird. Sie haben sich den belanglosen James Bond wirklich verdient.

Avatar
Ehemaliger Nutzer 19.02.2010 | 22:57

Ja Moonraker und View To A Kill vertagen wir besser auf nächste Woche. Nun zu den vielen anderen Fragen.

Living Daylights war natürlich wieder mal ein Film mit einem schönen Spionageplot (wie From Russia With Love), weil agentische Täuschungsmanöver immer wieder eine zentrale Rolle in der Geschichte einnehmen. Vor allem hat er mit der Cello-Schlittenfahrt noch etwas Humor zu bieten, wo »Licence To Kill« doch sehr ernst daherkommt. Eigentlich sollte ja Brosnan schon für diese Filme verpflichtet werden, konnte aber wegen der Fernsehserie Remington Steele nicht. Ende der 80er gab es dann auch einen Generationswechsel beim Produktionsteam, weshalb man dann wohl auch endlich auf Brosnan zurückgriff, dessen Griff zu Krawatte in »Goldeneye« (im Panzer) und »The World Is Not Enough« (im Speedboot unter Wasser) zu meinen Lieblingsmomenten gehört. Dies sind dann wohl auch die besseren Brosnan-Filme, denn durchwachsen sind seit »Goldfinger« so ziemlich alle Bonds. So fängt »Die Another Day« richtig toll an und wird zum Schluss einfach nur noch lächerlich.

Deshalb finde ich Daniel Craig, durch den Kontrast zu seinen drei Vorgängern, im Gegensatz zu Ihnen, übrigens richtig toll. Das was Sie ihm als dümmlich attestieren, sehe ich als authentische Unerfahrenheit des Jungsporns, den M noch so einiges beibringen muss. Vor allem bringt er durch die Rohe Effizienz wieder einen Schuss glaubhafte Hinterhältigkeit in die Figur ein, wie man Sie seit »Dr. No« und der Schlägerei im Zug in »From Russia With Love«, aufgrund des Altherrenhumors von Roger Moore, nicht mehr so gesehen hat, obwohl Moore eigentlich gerade deshalb zynischer war.

Ach ja, so'n ganz doller Schreiber war der Flemming übrigens auch nich' - aber mit Ihren 52 Büchern sind Sie ja schon durch.