Einer von 21 Millionen

Sprache Viele sprechen von „Migrationshintergrund“. Doch das wird der Vielfalt der Menschen nicht gerecht. Wäre etwas anderes besser?

Ich bin einer von über 21 Millionen hier mit Migrationshintergrund. 21.000.000! Das ist gut jeder und jede Vierte, hat das Statistische Bundesamt am 28. Juli verlautbart, dem Tag, an dem wir den 81. Geburtstag meiner Mutter gefeiert haben. Sie ist in Berlin geboren. Ihre Eltern: deutsch. Sehr. Meinen Migrationshintergrund habe ich durch meinen Vater. Im Oktober 1940 wurde er geboren, in einem Dorf auf einer dalmatinischen Insel. Gerade noch erstes Jugoslawien, dann von Mussolini annektiert, später zweites Jugoslawien. Da gefiel es ihm nicht. So kletterte irgendwann ein 20-Jähriger über einen Zaun zwischen Istrien und Friaul, lief und lief, bekam in der ersten Kneipe auf dem Weg einen Schnaps aufs Haus, bevor ihn die Polizei mitnahm. Kam nach Deutschland, traf meine Mutter, gründete mit ihr eine Familie. Zwei Söhne.

„Ausländer“ waren andere

Mein Vater, mein Bruder und ich sind drei von gut zehn Millionen mit Migrationshintergrund und deutschem Pass. Mein Vater hat ihn erst seit den frühen nuller Jahren. Warum? Davon ließe sich erzählen. Mir ist erst spät aufgegangen, dass ich ein Mensch mit Migrationshintergrund bin. Das war vor ein paar Jahren, bei einer Stellenausschreibung: Personen mit Migrationshintergrund würden im Bewerbungsverfahren bevorzugt. Ich musste googeln. Siehe da: „Eine Person hat einen Migrationshintergrund, wenn sie selbst oder mindestens ein Elternteil nicht mit deutscher Staatsangehörigkeit geboren wurde.“ Diesen Hintergrund hatte ich. Den Job nicht.

Erfunden wurde der „Migrationshintergrund“ als demografische Größe mit dem Mikrozensus 2005. Bei dieser „kleinen Volkszählung“ wurden erstmals auch Informationen zur Zuwanderung, Staatsangehörigkeit und Einwanderung abgefragt. Doch schon in den 1990ern fand man mit ihm eine begriffliche Lösung für ein verzwicktes Problem. Mit dem Zusammenbruch der kommunistischen Systeme Osteuropas kamen plötzlich sehr viele ins Land, die als deutsche „Volkszugehörige“ sofort Staatsbürger wurden. Viele von ihnen waren in mancher Hinsicht gar nicht so verschieden von Zuwanderern, die als Ausländer nach Deutschland gekommen waren. Nicht alle Volksdeutschen etwa sprachen fließend Deutsch. Mein kroatischer Vater auch nicht. „Kotelett, aber warm“, erzählt er, habe er in Duisburg im Schnellimbiss immer bestellt. Der junge Hilfsarbeiter hatte noch Probleme mit den deutschen Adjektiv-Endungen.

Der Neologismus „Migrationshintergrund“ schlug zwei Fliegen mit einer Klappe: Denn er passte auch bei denen, die als Ausländer gekommen waren und eingebürgert wurden. Einmal sprach ich mit einem „Russlanddeutschen“, dessen traurige Augen ich noch vor mir sehe. „In Kasachstan“, sagte der, „ waren wir immer die Deutschen. Hier sind wir die Russen.“ Ein Deutscher mit Migrationshintergrund. Der Mann mit dem ernsten Blick blieb für die meisten hier vor allem eins: kein Deutscher. Aber war mein Zweifeln an meinem eigenen Migrationshintergrund nicht bereits Beweis genug, dass die gut gemeinte begriffliche Lösung nicht unbedingt der Weisheit letzter Schluss war? Was mein Zweifel verbarg, war doch eigentlich das hier: Kein Deutscher? Ich doch nicht! Denn „Ausländer“, das waren andere.

In dem kleinen Kaff am Niederrhein, wo ich aufwuchs, waren das meist Türken. Oder die Neue in der Schule, irgendwo aus Nahost (ich weiß wirklich nicht mehr, woher), mit der in der großen Pause dann alle spielen wollten, angeführt von der rotbackigen, katholischen Heike, in die ich verknallt war.

Fremd fühlte ich mich nie in Deutschland, warum auch? In Kroatien, im Sommer, aber umso mehr. Wie das wehtat, der „Švabo“ zu sein! Das hatte mit meinem Geburtsort zu tun. Mit meiner deutschen Mutter. Aber auch mit meinem Vater, dessen schönen südslawischen Akzent, mit dem er sein bald nahezu perfektes Deutsch immer noch spricht, ich erst mit acht oder neun so richtig wahrnahm. Er sprach eben wie mein Vater. Und war kein Gastarbeiter, sondern politischer Emigrant, studiert hatte der hier, sogar promoviert, anders als so viele „Jugos“. Ich war privilegiert.

Die Geschichten von Arbeitsmigration, die etwa Aras Ören in seiner Berliner Trilogie erzählt, die vom rassistischen Morden, die vernimmt, wer einmal der Aufführung der NSU-Monologe beiwohnen konnte, erzählen freilich etwas ganz anderes. Der „komische Anton“ zu sein, nach meinem zweiten, leichter auszusprechenden Vornamen, den ich von meinem Olivenbauer-Großvater und nicht vom kroatischen Ustaša-Führer habe, das war mir doch egal. Selbst als es im Geschichtsunterricht mal von einem Mitschüler hieß : „Jeder Tritt ein Britt, jede Granat ein Kroat“ ... der hatte eben einen sehr alten, sehr deutschen Vater. Mit Fronterfahrung.

Migrationshintergrund haben, Hand aufs Herz, für mich noch immer nur andere. Kann der Mikrozensus sagen, was er will. Gemeint ist in öffentlichen Debatten ja oft auch ein bestimmter Hintergrund, selbst wenn das nicht dazugesagt wird. Meiner ist das nicht. Auch nicht der meiner Ami-Freunde, die in Berlin-Kreuzkölln wohnen, schreiben oder Kunst machen. Nicht der Hintergrund der Israelis , Bolivianer oder Franzosen, die ich hier kenne. Sicher nicht der meines Schweizer Kollegen.

Jenseits von Stellenmarkt und Diversity-PR kommt Migrationshintergrund nur dann zur Sprache, wenn es Probleme gibt. Köln, Stuttgart oder Frankfurt, da tritt er in den Vordergrund. Wird gefragt, wie viele von denen Migrationshintergrund haben, die dort auffällig wurden, so ist die Frage nicht einmal die, ob da „Ausländer“ dabei waren. Niemand interessiert sich für Austauschstudenten oder Au-pairs. Für Staatsangehörigkeit auch nicht. „Wie viele waren jung, muslimisch, männlich?“ Das ist die Frage. Und nach ihrer Beantwortung ist das Interesse an den Geschichten derer, die diesen Hintergrund haben, gleich null – null Interesse also an genau dem Hintergrund, nach dem vordergründig gefragt wurde. Dass die Empirie solches Fragen manchmal ins Recht setzt – geschenkt.

Denn der Begriff ist ruiniert. Und die Sache zum Problem verengt. „Migrationshintergrund“ trifft weder 21 Millionen, noch taugt es als Erklärung für Devianz. Eine Alternative muss her. Aber hilft bereits ein neues Wort? Die taz veranstaltete einmal eine Umfrage: „Neudeutscher“ gewann, bewegte sich aber ganz auf der symbolischen Ebene. „Antivergreisungshelfer“ und „Buntmacher“ gingen weiter, weil diese Vorschläge auf die gesellschaftliche Rolle derer zielten, denen sie einen neuen Namen geben wollten. Ein bisschen sponti klang das allerdings. Eher provo war dagegen jüngst der Vorschlag des Journalisten Hasnain Kazim, geboren in Oldenburg, aufgewachsen in Hollern-Twielenfleth: „Migrationsvorteil“. Wenn ich so nachdenke: anderthalbsprachig aufgewachsen, immer ein Ferienziel, positiv diskriminiert im öffentlichen Dienst – okay. Ist aber nicht die Realität aller. Und ein Fall von „Wir drehen den Spieß jetzt mal um“. Klappte schon bei den „alten weißen Männern“ nicht, im Rahmen des Gehabten weiterzuwurschteln und zu vergessen, dass zweimal „falsch“ nie einmal „richtig“ ergibt. „Migrationserbe“ böte ein neues Framing, meint der Schriftsteller A. Kadir Özdemir, in der Türkei geboren, in Braunschweig aufgewachsen.

Land mit Migrationserfahrung

„Erbe“, da wird’s praktisch, impliziere „die Gemachtheit, die Hinterlassenschaft früherer Debatten, das Werk und die Tradition anderer, die mit ihren Debatten über Migration, über (gemachte) Differenzen einen Schneeball zu einer Lawine gerollt haben“. Das Bild vom Schneeball, von vielen Händen zur Lawine gerollt, gefällt mir. Doch ich sähe es gerne durch ein anderes, weniger katastrophisches, ersetzt: Walter Benjamin spricht davon, dass die Spur des Erzählenden wie die Spur der Töpferhand an der Tonschale hafte. Erzählen heißt für ihn, Erfahrungen austauschen zu können.

Anders als Özdemir, der meint, man könne nur von eigener Erfahrung sprechen, würde ich lieber von „Migrationserfahrung“ sprechen hören, ein Begriff der in der Diskussion gelegentlich fällt. Noch lieber: die Migrationserfahrung erzählt bekommen. Denn Erzählen, das ist etwas Praktisches, was das Leben formt und weitergegeben wird: Die Erzählung „senkt die Sache in das Leben des Berichtenden ein, um sie wieder aus ihm hervorzuholen“, schreibt Benjamin. Erzählen, sagt er, ist ein Vorschlag, „die Fortsetzung einer (eben sich abrollenden) Geschichte angehend“. Ein Land als „eben sich abrollende Geschichte“: was für ein Bild! Erzählt und weitererzählt von Männern, Frauen, Schwestern und Brüdern, Fremden und Vertrauten. Nicht von 21 Millionen erkennungsdienstlich zementierten Identitäten. Zigmillionen offene Geschichten. Ein ganzes Land mit Migrationserfahrung.

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06:00 14.08.2020
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Ausgabe 39/2020

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