Gaia gegen Globus

Anthropozän Bruno Latour will als Wissenschaftssoziologe die Ökologie repolitisieren. Das ist nicht schön, aber wahrscheinlich notwendig
Gaia gegen Globus
Grünes Denken nach dem Menschen: Bruno Latour
Foto: Manuel Braun/Holberg Prize

Der Mensch erscheint im Holozän. Wer sich an die grafischen Darstellungen der Erdzeitalter erinnert, wie es sie im Geografieunterricht und sicher auch in manchem Jugendzimmer zu bestaunen gab, wird wahrscheinlich noch heute Ehrfurcht vor der langen Zeitspanne empfinden, in der es unseren blauen Planeten vor der Existenz von Menschen schon gab. Bei den Jahrmillionen, in denen die Geologie die Erdgeschichte misst, nehmen sich die knapp 12.000 Jahre Menschenzeit tatsächlich reichlich mickrig aus. Verständlich auch, dass vielen vor allem in Zeiten des Kalten und der Gefahr eines atomaren Weltkrieges das Dasein des Menschen auf der Erde oft wie ein sehr fragiles, leicht zu beendendes Gastspiel erscheinen musste.

Nicht, dass sich das geändert hätte. Überhaupt gar nichts garantiert, dass ein schnelles Ende der Spezies nicht in Sicht wäre. Und zumindest erschwerte Daseinsbedingungen sind in Sicht. Aber das sind nun solche, die nicht nur den Homo sapiens und sein Überleben betreffen. Wenn heute „die lange Geschichte der Planeten und die kurze der Menschen in dasselbe Diagramm eingebaut werden“, schreibt der französische Wissenschaftshistoriker und Philosoph Bruno Latour in seinem neuen Buch Kampf um Gaia, dann geschieht das nicht, „wie es früher geschah, um die Bedeutungslosigkeit der Menschheit angesichts der immensen Erdgeschichte zu betonen, sondern im Gegenteil: um derselben Menschheit die Last einer noch nie dagewesenen geologischen Kraft aufzubürden.“ Die Rede ist vom „Anthropozän“, jenem neuen Erdzeitalter, das zwar noch nicht offiziell, das heißt von der Geological Society of London zur aktuellen geochronologischen Epoche ausgerufen worden ist. Für seine Sinnfälligkeit gibt es aber gravierende Hinweise: Rapide Erderwärmung, das massenweise Aussterben von Tier- und Pflanzenarten, Sedimente im ewigen Eis und in Gesteinsschichten, Ozeane schließlich, die vor Plastikpartikeln und Übersäuerung nur so strotzen, legen beredtes Zeugnis davon ab, dass die noch junge Spezies Mensch Spuren auf der Erde hinterlassen hat, die in alle Ewigkeit lesbar bleiben werden.

Alles neu macht der Mensch, die Nachsilbe „-zän“ signalisiert es. Denn er, der sich im Anthropozän vom Zwerg, der er zu sein glaubte, in einen „riesenhaften Atlas“ verwandelt sieht, wie Latour sagt, hat nicht nur massiv Spuren hinterlassen, sondern auch eine Veränderung des Planeten angestoßen, die sich schon jetzt nicht mehr rückgängig machen lässt. Dabei spielt es keine Rolle, dass der Mensch selbst Betroffener ist und sich blauäugig in diese Situation begeben hat: „Die Revolution wurde durch uns, aber ohne uns entfesselt, in einer schrecklich nahen Vergangenheit, deren wir uns zu spät bewusst werden!“ Das zum Titan mutierte Ungeziefer Mensch: „Solange es nicht zu einer globalen Katastrophe kommt – einem Meteoriteneinschlag, einem neuen Weltkrieg oder einer verheerenden Pandemie etwa –, wird die Menschheit über Jahrtausende hinaus einen maßgeblichen ökologischen Faktor darstellen“, schreibt der niederländische Atmosphärenforscher und Nobelpreisträger Paul Crutzen, einer der Väter des Begriffs Anthropozän. Er macht deutlich, dass so etwas wie ein alle Menschen vernichtender Weltkrieg nicht das größte Problem wäre, zumindest global betrachtet. Kein Problem für die Welt selbst jedenfalls. Aber die globale Betrachtung der Veränderungen, die sich auf und innerhalb des Planeten vollziehen, mit Menschenaugen ist Latour zufolge schon das Problem.

Crutzen selbst spricht von einer „gewaltigen Aufgabe“ für Wissenschaftler und Ingenieure: „Sie müssen der Gesellschaft den Weg in Richtung eines ökologisch nachhaltigen Managements des Planeten im Zeitalter des Anthropozäns weisen. Das erfordert angemessenes menschliches Verhalten auf allen Ebenen und möglicherweise auch großangelegte Geoengineering-Projekte, zum Beispiel ‚Optimierung‘ des Klimas.“

Unbeseeltes Objekt

Nicht nur, dass der Wissenschaftssoziologe das Geoengineering anders als der Naturwissenschaftler als „Albtraum“ betrachtet. Dass die Erde wie eine Maschine oder ein Raumschiff sei, selbst eines „ohne Notausgang“, ist für Latour eine Absurdität. Ein Re-Engineering schließt er deshalb aus. Allein schon die Idee aber, dass der Planet Erde als ganzer betrachtet werden und einem „Management“ unterzogen werden könne, lehnt Latour vehement ab: „Wer den irdischen Globus von oben zu sehen wähnt, hält sich für GOTT – und da GOTT natürlich die ERDE so nicht sieht, ist die globale Sicht zugleich unwahr und gottlos“, schreibt Latour nicht ohne religiöse Untertöne, die sich durch alle acht Vorlesungen des Buches ziehen und denen zu folgen auch für selbsterklärte Materialisten lohnenswert sein könnte.

Den Globus als Ganzes sehen zu können, ihn verwalten und steuern zu wollen, setzt für Latour voraus, eine Trennung zwischen Kultur und Natur fortzuschreiben, die, wenn nicht Teil des Problems, so doch einen Teil der Verhinderung einer Lösung darstellt. Herkömmliche Wissenschaften genauso wie Religionen folgen dieser Trennung, indem sie Natur entweder als unbeseeltes Objekt oder als von einer Schöpferseele animiert begreifen. Um diesem ‚zu viel‘ oder ‚zu wenig‘ an Lebendigkeit in der Welt nicht auf den Leim zu gehen, möchte Latour den Begriff der Natur ersetzen. Hierbei bedient er sich beim englischen Geophysiologen James Lovelock. Der hatte sich zusammen mit der amerikanischen Mikrobiologin Lynn Margulis ab den 1960er Jahren gefragt, „inwiefern die Erde tätig ist und ihr doch nicht eine Seele zuzurechnen“ sei: „Lässt sich behaupten, dass sie auf die Handlungen der Menschen zurückwirkt?“

Die Gaia-Hypothese versteht die Erde als dynamisches System, in dem Wirkmächte auf Wirkmächte reagieren. Gaia – benannt nach der antiken Erdmutter – war im Gegensatz zu bunt-ökologischen Hippie-Träumen seit den 1960ern nie die nette und fürsorgliche Mama, als die sie von Berkeley bis Kreuzberg gelten mochte. Ein Blick auf die Untaten, die sie in der griechischen Mythologie vor allem ihren nächsten Nachkommen antun lässt, genügt. Anders als manche meinen, verstehen die Autoren der nach ihr benannten These Gaia, also die Erde, auch nicht als große Steurerin. Auch das ist schon in der antiken Gestalt angelegt: Gaia macht, dass andere handeln, handeln tun diese aber selbsttätig. Wenn Latour nun von Gaia oder der Erde spricht, setzt er sie dem Globus oder der Welt entgegen, von der viele Anthropozän-Theoretiker glauben, dass ein Management des Planeten sie aus der Misere retten würde. Das hat Konsequenzen: Steht für die Menschen, die noch die ganze Erdkugel in den Blick nehmen, diese außerhalb ihrer selbst, befinden sich die, die Gaia ins Antlitz schauen – „Erdverbundene“ nennt sie Latour –, inmitten eines Kampfes um die Erde selbst.

Die Ersteren sehen sich als Alleinverantwortliche für die Gefahren, die mit dem Anthropozän verbunden sind. Dagegen wissen Latours Erdverbundene besser Bescheid: Die Erdgeschichte gleicht ihnen zufolge einem „allgemeinen Kriegszustand“ zwischen Kräften, seien es menschliche oder andere. Beweis für die Existenz dieser Kräfte, Beweis für die Gaia-Hypothese sind die entfesselten Kräfte des Anthropozäns selbst. Und, so denkt Latour weiter in seinem Versuch, die Ökologie zu repolitisieren: Nur das Bewusstsein, dass ein Kriegszustand zumindest potenziell herrscht – das Wissen um einen möglichen Feind, Stichwortgeber ist hier selbstredend Carl Schmitt –, lässt auch eine wechselseitige Verhandlung der Gründe, für die man Krieg zu führen bereit ist, zu. „Territorien“ heißen diese Gründe hier. Wer sich bei den Begrifflichkeiten nun mitten in einem Werbeclip der Identitären fühlt, an Blut und Boden denkt, wird eines Besseren belehrt: Diese Territorien ähneln nicht den Geografiekarten unserer Klassenzimmer, sagt Latour. Vielmehr müssen sie als überlappend gedacht werden, neben, unter und über den nationalen die der Ozeane, des Grundwasserspiegels und andere. Erst wenn die Kämpfe ausgefochten, die Territorien verteidigt werden, wird Ökologie zur Politik und nicht zum Geschäft eines Managements, das von Gründen, für die man Krieg zu führen bereit ist, gar nichts wissen kann.

Info

Kampf um Gaia. Acht Vorträge über das neue Klimaregime Bruno Latour Achim Ruser, Bernd Schwibs (Übers.), Suhrkamp Insel 2017, 512 S., 32 €

06:00 05.07.2017
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