Maximilian Runge

Studium der Philosophie und Germanistik in Kiel, seit 2019 in der Finanzbranche tätig. Sieht Humanismus als Verantwortung. Liebt Zusammenhänge.
Maximilian Runge
RE: Über Inflation und ihre Ursachen | 27.06.2021 | 21:19

"Ich bin wahrlich kein Experte, aber ein Kapitalismus mit Negativzinsen, der mir als der Weisheit letzter Schuss verkauft werden soll..."

Auch mir erscheinen negative Zinsen langfristig ungesund für eine Volkswirtschaft zu sein; deshalb geht es ja gerade darum, Auswege aus dem Zinstief zu finden! Aber solange sich die Euroländer allein über den Bankensektor refinanzieren müssen, bleibt der EZB (wie bereits an anderer Stelle beschrieben) nichts anderes übrig, als die Kreditwürdigkeit der Staaten durch die Anleihekaufprogramme künstlich zu manipulieren. Entweder also findet ein Schuldenschnitt zwischen EZB und Euroländern (Verringerung der nominalen Staatsdefizite) oder zwischen EZB und Bankensektor (Verringerung der Zentralbankgeldmenge) statt, sodass die Zinsen wieder steigen können - oder aber wir werden uns noch sehr lange fragen, wann denn endlich diese niedrigen Zinsen passé sind.

Es geht nur eines von beiden: Eine "marktkonforme" Finanzierung von Staaten mit einer nicht-marktkonformen Bonitätsbewertung von ihnen (europäischer Status quo), oder aber eine "nicht-marktkonforme", da über die Zentralbank mögliche Staatsfinanzierung mit marktkonformer Bonitätsbewertung (wie in Kanada zu sehen, dessen Staatsanleihen immer noch top bewertet sind).

RE: Über den Irrsinn eines sparenden Staates | 27.06.2021 | 09:53

Erst einmal vielen Dank für Ihr Lob!

Ob es denn aber wirklich sinnvoll ist, dass Griechenland wichtige Teile seiner eigenen Infrastruktur verscherbeln musste, bleibt m. E. höchst fraglich. Vor allem, weil diese als "Privatisierung" getarnten Verkäufe de facto keine Privatisierungen waren: Der Hafen von Piräus ging an den chinesischen Staatskonzern Cosco, die TrainOSE ging an den italienischen Staatskonzern Ferrovie Dello Stato Italiane, 14 griechische Flughäfen (darunter diejenigen von Rhodos, Korfu und Lesbos) gingen an die zu 52 Prozent der öffentlichen Hand Deutschlands gehörende Fraport AG. Die Gewinne aus dem laufenden Betrieb dieser kritischen Infrastrukturen wären im Kontext des aktuellen Geldregimes für Griechenland extrem wichtig gewesen, um sich langfristig sanieren zu können; aber die Plünderung dieses von den Griechen ursprünglich erschaffenen Sachvermögens ist halt der Preis dafür, wenn man auf die Hilfe der "Wertegemeinschaft" Europas angewiesen ist.

RE: Über den Irrsinn eines sparenden Staates | 26.06.2021 | 19:34

"Wenn die von Ihnen geforderte Fiskalpolitik funktionieren soll: Warum sind da nicht schon andere, gerne auch Entwicklungsländer drauf gekommen? Sind die so doof oder gibt es da doch noch andere Gründe?"

Diese umfangreiche Frage haben bereits andere Leute beantwortet, daher verlinke ich lediglich die entsprechenden Texte auf den Seiten der Pufendorf-Gesellschaft und der Rosa-Luxemburg-Stiftung.

Die wichtigsten Gründe scheinen mir zu sein:

- die internationale "Entwicklungshilfe" führt häufig zu einer Verschuldung in Fremdwährung

- die eigenen Währungen werden häufig fest an den US-Dollar gekoppelt und sind somit nicht souverän

- die mit der Entwicklungshilfe einhergehenden Strukturreformen propagieren einseitig neoklassische Konzepte volkswirtschaftlicher Zusammenhänge

- Entwicklungshilfe und Strukturreformen zielen nicht auf eine Stärkung des Binnenmarktes ab, sondern auf die Ermöglichung der Expansion ausländischer Konzerne

RE: Über den Irrsinn eines sparenden Staates | 26.06.2021 | 16:57

Sie schreiben manches Mal auch nicht gerade wenig, das setzt die Messlatte ein wenig höher ;-)

Ich weiß nun nicht genau, was Sie an Italien kritisieren, aber was dieses Land angeht, so schrieb Jens Berger vor drei Jahren auf den NachDenkSeiten einmal etwas sehr Kluges:

"Hätte Italien von 2008 (Beginn der Eurokrise) bis heute kein Null-Wachstum, sondern ein normales Wirtschaftswachstum von 2,0% vermelden können, würde es heute keine Staatsschuldenquote von 133%, sondern eine Quote von 102% aufweisen und damit seinen ,Konsolidierungskurs' fortsetzen, der um die Jahrtausendwende herum begann. Italien hat kein Schulden-, sondern ein Wachstumsproblem."

Und viele andere Euroländer haben dasselbe Problem, weil die Staaten aufgrund einer fragwürdigen Vorstellung von Wirtschaftlichkeit, die auf der fragwürdigen Konstruktion des Eurosystems fußt, viel zu wenig investieren. Dabei gibt der Staat sein Geld doch nicht als Selbstzweck aus! Investiert er, so schafft er damit echtes volkswirtschaftliches Sachvermögen wie Häuser, Straßen, Schienen und Brücken, die Unternehmen in ihrer Geschäftstätigkeit unterstützen und noch von unseren Kindeskindern benutzt werden; zahlt er Löhne und Sozialleistungen, so schöpft er Kaufkraft, die größtenteils als Nachfrage von Gütern und Dienstleistungen zurück in den Wirtschaftskreislauf fließt und damit für Wachstum und Prosperität sorgt. Wenn der Staat Geld ausgibt, kommt das also prinzipiell der gesamten Volkswirtschaft zugute.

Warum macht man das also nicht einfach? Weil die fiskal- und geldpolitischen Regeln der Eurozone diesen Maßnahmen zum Nutzen aller im Wege stehen. Dennoch weigern sich viele ÖkonomInnen und WirtschaftsjournalistInnen in Deutschland, anzuerkennen, dass die Übernahme etwa des kanadischen oder des US-amerikanischen Geldregimes, wo die Zentralbank regulär oder notfalls einen Teil der Staatsanleihen direkt erwerben darf, nicht den Zusammenbruch des Wirtschaftsraumes bedeutet. Da muss man sich doch die Frage stellen: Hängt das womöglich mit einer zu einseitigen und verengten universitären Ausbildung an den betriebs- und volkswirtschaftlichen Fakultäten in Deutschland zusammen?

RE: Über den Irrsinn eines sparenden Staates | 26.06.2021 | 14:41

Vielen Dank für das Lob, aber Gott bewahre: Autoren wie Dirk Ehnts, Maurice Höfgen und Michael Paetz sind die deutschsprachigen Vordenker der MMT, nicht ich. Ich beschäftige mich lediglich als interessierter Philosoph mit volkswirtschaftlichen Zusammenhängen und reproduziere aus der Vielzahl der theoretischen Zugänge dasjenige, was mir am einleuchtendsten und logisch nachvollziehbarsten erscheint. Ich kann nichts dafür, dass mich die gängigen neoklassischen Konzepte des Geldschöpfungsmultiplikators, der geldmengenverursachten Inflation und des ausgeglichenen Staatshaushaltes nicht überzeugen. Wenn diese argumentativ schwachen ökonomischen Modelle wirklich alles sind, was unsere liberal-demokratische Hochkultur an wirtschaftlichem Verständnis hervorgebracht hat, dann ist das ein intellektuelles Armutszeugnis. Aber zum Glück ist die Ökonomik ja eine wertneutrale, weitgefächerte und ohne jedes Vorurteil belastete Wissenschaft, in der es einzig und allein um die Beobachtung der Wirklichkeit und ihrer schlüssigen Beschreibung geht ;-)

RE: Über den Irrsinn eines sparenden Staates | 26.06.2021 | 10:43

Natürlich sind die Zinsen in Europa auch deshalb niedrig, damit sich Staaten mit hoher Schuldenquote wie Griechenland weiter refinanzieren können, obwohl das die EZB offiziell bestreitet. Aber die Schuldenquote Griechenlands ist eben auch deshalb so hoch, weil die international aufgezwungene Sparpolitik das griechische BIP von 352 Mrd. Euro (2008) auf 193 Mrd. Euro (2016) um insgesamt 45 Prozent massiv eingebrochen ist. Schaut man sich die Chronologie der Finanz- und Schuldenkrise an, so ist das ständig wiederkehrende fundamentale Problem, dass die EZB - anders als in Kanada und den USA - den Euroländern keine direkten Kredite vergeben darf:

1) Die Pleite von Lehman Brothers 2008 führt zur europäischen Bankenkrise. Die Staaten schnüren große "Rettungspakete" und entschulden eine Vielzahl von Banken, die in den Jahren zuvor bewusst immer höhere Risiken bei der Kreditvergabe eingegangen sind. Auf diese Weise gehen die Schulden des Bankensektors auf die Euroländer über, aus privaten Schulden werden staatliche Schulden? Die Begünstigten dieser Maßnahmen sind in so gut wie allen Fällen die Gläubiger der rekapitalisierten Banken, meist selbst internationale Finanzinstitute. Da sich die Staaten in der Eurozone nur über den Bankensektor refinanzieren dürfen, hatte man die Angst vor einer Pleitewelle europäischer Banken verbreitet, wodurch das ganze Eurosystem zusammenbrechen würde. Könnten sich die Euroländer aber direkt über die EZB refinanzieren, so wären die Insolvenzen einiger Banken egal gewesen, und sie wären auch marktkonform gewesen, denn: Zu einer Marktwirtschaft gehört auch die Insolvenz von privatwirtschaftlich geführten Unternehmen, die sich verspekuliert haben. Statt "Bankenrettungen" wären also eigentlich Schuldenschnitte und -erlasse zulasten der Großgläubiger (bail-in) zu vereinbaren gewesen.

2) Im Zuge der staatlichen Umschuldungsmaßnahmen vom Bankensektor auf den Staat stiegen die Staatsschuldenquoten massiv an, sodass Ende 2009 die Bonität Griechenlands aus der Perspektive des Finanzsektors herabgestuft werden musste. Da die Euroländer durch den Maastricht-Vertrag dazu gezwungen werden, sich beim Bankensektor zu verschulden, führte das zur griechischen Staatsschuldenkrise, in deren Zuge die Troika aus Europäischer Kommission, IWF und EZB sich entschied, nun den griechischen Staat mit staatlichen Kreditprogrammen zu "unterstützen", während die EZB durch die ersten Kaufprogramme von Eurostaatsanleihen deren Ausfallrisiko quasi abschaffte. Es folgen Jahre beispielloser Erpressungspolitik, die den demokratischen Willen der griechischen Bevölkerung systematisch umgeht, den Aufstieg der rechtsextremen "Goldenen Morgenröte" begünstigt und die Suizidrate in Griechenland massiv erhöht. Was man stattdessen hätte tun können: Den Staatsbankrott Griechenlands ausrufen, wodurch es wiederum zu einem (sehr wahrscheinlich tragbaren) Schuldenschnitt zulasten des europäischen Bankensektors gekommen und Griechenland schon sehr viel früher wieder auf die Beine gekommen wäre. Die größte Sorge damals war eher, dass der griechische Staat nach erfolgter Sanierung vom Bankensektor kein Geld mehr bekommen würde, was ja auch stimmt, da die EZB die Staaten eben nicht direkt finanzieren darf.

3) Da sich die Staatsschuldenquote Griechenlands durch all diese Maßnahmen (überraschenderweise?) nicht verringert, sondern im Gegenteil von 127 auf rund 180 Prozent des BIP erhöht hat, gilt der griechische Staatshaushalt nach wie vor als angespannt. Vom nominal 340 Mrd. Euro betragenden Staatsdefizit Griechenlands (Stand 2019) stammen 278 Mrd. Euro aus den internationalen "Rettungspaketen" - man könnte Griechenland jetzt also helfen, indem man den ursprünglich vertagten Schuldenschnitt zwischen Banken und Gläubigern nun zwischen Staat und Staatengemeinschaft durchführt. Am einfachsten wäre das durchzuführen, indem die EZB die in ihrer Bilanz befindlichen Staatsanleihen einfach abschreibt und auf diese Weise das nominale Defizit aller europäischen Staaten verringert. Das will man aber nicht machen, da das ganz deutlich zeigen würde, dass die EZB (in Übereinkunft mit der Modern Monetary Theory) tatsächlich das Geld bereitstellt, mit dem sich die Euroländer refinanzieren. Das politische Verbot des Maastricht-Vertrags widerspricht damit fundamental den technisch-ökonomischen und in Kanada und den USA problemlos beobachtbaren Gegebenheiten.

4) Da also für eine Entschuldung der Euroländer über einen Schuldenschnitt durch die EZB der politische Wille fehlt, und die Staaten sich weiterhin beim Bankensektor verschulden müssen, um an Geld zu gelangen, muss die EZB durch die Fortsetzung ihrer Anleihenkäufe die "Kreditwürdigkeit" Europas weiterhin manipulieren. Dadurch wächst die im europäischen Bankensystem befindliche Zentralbankgeldmenge zu einer Überschussliquidität an, die den reibungslosen Ablauf des wichtigen Interbankenmarktes stört. Um die funktionalen Probleme des Interbankenmarktes zu beheben, müsste die EZB die dortige Überschussliquidität verringern und die zuvor aufgekauften Staatsanleihen wieder an den Bankensektor verkaufen. Das kann sie aber nicht machen, da dadurch die Zinsen auf Staatsanleihen wieder ansteigen und die Euroländer wieder größere Probleme bei ihrer Refinanzierung haben würden. Die EZB könnte die Überschussliquidität also nur dadurch verringern, indem sie von den Banken Zentralbankgeld ohne den Verkauf von Staatsanleihen zurücknimmt und vernichtet. Damit wären wir dann wieder bei 3) angekommen, da auf diese Weise deutlich würde, dass die EZB die in ihrer Bilanz befindlichen Staatsanleihen problemlos für alle Zeit internalisieren kann und sich die Euroländer (eben genau wie Kanada und die USA) also prinzipiell unbegrenzt refinanzieren können.

Aber all das wollte und will man politisch nicht, da eine Abkehr von Maastricht bedeutet, dass der europäische Bankensektor (in Deutschland vertreten durch die Bietergruppe Bundesemissionen) seine in den letzten Jahrzehnten aufgebaute Macht wieder abgeben muss. Finden Sie es denn überhaupt nicht merkwürdig, dass ein paar privatwirtschaftliche Unternehmen darüber entscheiden dürfen, wie ein demokratisch organisiertes Staatswesen volkszuwirtschaften hat?

RE: Deutschland brennt | 22.06.2021 | 18:06

Ich fürchte sogar, ein Großteil der Deutschen ist, was dieses Thema angeht, völlig ausgebrannt. Nach 15 Monaten Corona sind die hedonistischen Nervenzellen derart eingegangen, dass sie jetzt erst einmal wieder in ritueller Feierlichkeit wieder zum Leben erweckt werden müssen. Da kommt dieses pompöse Fest der Deutschen liebster Sportart gerade recht. Sich vor diesem Hintergrund noch mit Fragen gesellschaftlicher Verantwortung zu befassen? Das überfordert uns doch nur. Der Extremismus der Mitte nimmt weiter zu, und Deutschland beklatscht mit überbordendem Applaus das nächste Tor. Es tut mir leid, dass Zugezogene und hier Aufwachsende keine angenehmere Gesellschaft vorfinden.

RE: Systemwechsel oder weiter im Leistungsmodus? | 20.06.2021 | 19:43

Ich fürchte, sobald Corona vollends ausgestanden ist, wird es ein Zurück in die alte Schulwelt geben. Ungenutzt werden die Chancen bleiben, unser Bildungssystem von Grund auf zu reformieren. Dabei gibt es schon heute so viele und tolle Ansätze für motivierende und auf Freiwilligkeit basierende Unterrichtskonzepte. Auch hätte man Corona nutzen können, um die heillos überfüllten Lehrpläne endlich einmal auszudünnen - hätte man den erforderlichen Workload über das vergangene Jahr halbiert, hätte man mehr Zeit gehabt für Sozialarbeit und den so notwendigen kommunikativen Austausch der SuS untereinander. Aber nein, wir Deutschen sind da streng mit uns: Die meisten Lehrkräfte sind unzufrieden mit unserem Schulwesen, die meisten Lernenden sind es, die meisten Eltern sind es, viele PädagogInnen sind es, viele Personalabteilungen sind es - und dennoch wird sich wenig daran ändern.

RE: Kick in Oil! | 17.06.2021 | 23:22

Es reicht halt nicht, sich bei der Energie- und der Mobilitätswende allein auf die Privatwirtschaft zu verlassen; auch der Staat muss endlich wieder mehr Geld in die Hand nehmen und Vorbild in Sachen zukunftsträchtiger Investitionen werden. Bisher hat man uns da ja wenig Hoffnung auf Besserung gemacht. Eine zu enge Stirn ist dem Verstande halt im Wege...

RE: Den Fortschritt gibt es nicht | 23.03.2021 | 21:43

Chapeau zu dieser gelungenen Kritik des Fortschrittsmythos. Leider muss man dann ja auch Hans Rosling ("Factfulness") zu diesen Fortschrittsapologeten zählen, obwohl mir sein Optimismus ebenfalls stets imponiert hat.

Die Aufklärung war ja nötig, um unmenschliche Tendenzen in der christlichen Glaubenspraxis offenzulegen und diese dann anschließend reformieren zu können. Den Franzosen aber war das mit dem Glauben alles zu seicht, weshalb sie die Religion gleich ganz abgeschafft haben (man denke etwa an d'Holbachs "System der Natur"). Wenn man bedenkt, welcher Anstrengung es bedurft hatte (und angesichts fundamentalistischer Christen noch immer bedarf), den separierenden Aspekt der alten religiösen Erzählungen niederzuringen - welche Kraftanstrengung kommt dann erst auf unsere moderne Kultur zu, die inhumanen Tendenzen unserer Erzählungen vom Gott des Marktes zu überwinden? Zumal die Zeit drängt, möchte man meinen - ob der Mensch in 300 Jahren überhaupt noch auf der Erde zu leben in der Lage ist, können nicht einmal die Wachstumsprognosen unserer "Wirtschaftswaisen" sagen.