Matthias Stark
15.03.2017 | 19:15 7

Der hellrote Heilsbringer

Aufwind Über den zukünftigen Erlöser der Deutschen

Ein Blog-Beitrag von Freitag-Community-Mitglied Matthias Stark

Der hellrote Heilsbringer

Martin Schulz und die neoliberale Eurozone

Bild: Patrick Hertzog/AFP/Getty Images

Die angeblich älteste deutsche Partei hat scheinbar ihren Mahner und Erlöser gefunden. Ein heiliger Martin wird uns nach der nächsten Bundestagswahl in das gelobte Land führen, die Ungerechtigkeit beseitigen und den Wohlstand für alle bringen, so er denn die Abstimmung gewinnt.

Glaubt das wirklich jemand ernsthaft? Offenbar schon. Wie sonst ist zu erklären, dass sich die Zahl der Parteieintritte in des Martins Heerscharen sprunghaft erhöht hat, glaubt man den Verlautbarungen, die durch die Gazetten geistern. Da tritt ein neuer Heiliger an, und die Menschen liegen ihm zu Füßen.

Und seine unmittelbaren Gefolgsleute fressen haufenweise Kreide. Waren sie es nicht, die mit der Agenda 2010 die Entfesselung eines fast menschenverachtenden Arbeitsmarktsystems erst möglich gemacht haben? Waren es nicht die Genossen jenes heiligen Martin, die mit dem Slogan „Sozial ist, was Arbeit schafft“ viele damaligen Bedenken beiseite wischten und den schaffenswilligen Menschen zum Subjekt des (Arbeits-)Marktes degradierten? „Fördern und Fordern“ hieß die Devise, von der das Fordern ganz oben stand und steht, das Fördern aber eher beiläufig oder gar nicht geschieht? Ist es nicht jene politische Partei, die es immer wieder versteht, so zu tun, als stünde sie auf Seite des „kleinen Mannes“, sich aber mehr mit dem Kapital und der Macht arrangiert, immer und immer wieder mit dem Finanzkapitalismus hurt? Geht die berühmte Schere zwischen Arm und Reich nicht seit Jahren immer weiter auf, trotz jahrzehntelanger Regierungsbeteiligung der sich Sozialdemokraten nennenden Jünger Martins?

Und nun hat ausgerechnet diese Partei das Thema Gerechtigkeit für sich entdeckt. Es kommt in jeder Rede von Schulzens Martin mehrfach vor. Da muss einem doch das Lachen im Hals stecken bleiben. Wenn die Agenda 2010 Ungerechtigkeiten enthält, warum hat das bisher in der deutschen Sozialdemokratie noch niemand bemerkt? Da scheint das bisherige Personal dieser Partei ja ziemlich unter Wahrnehmungsdefiziten zu leiden, wenn es nach Jahren der Hartz IV-Praxis eines Messias bedurfte, der zu bisher unerreichbaren Erkenntnissen fähig zu sein scheint.

Schon wieder tut diese Partei so, als wäre sie in der Lage, Arbeitsplätze zu schaffen, Ungerechtigkeit einzudämmen und Wohlstand zu bringen. Aber bitte nicht durch eine grundlegende Änderung des Wirtschaftssystems, sondern Seit an Seit mit dem Neoliberalismus. Seit an Seit kann diese Partei nur allzu gut. Dem Kapitalismusgespenst muss vor einer sozialdemokratischen Regierung nicht bange sein, obwohl es sonst alles Rote respektive Linke fürchtet, wie der Teufel das geweihte Wässerchen. Denn die Sozialdemokratie hängt ihr blassrotes Mäntelchen gern mal in wehende Winde, wie man das in ihrer Geschichte schon oft erlebt hat. Deshalb steht auch nicht zu befürchten, dass sich an der Ungerechtigkeit unseres Systems auch nur ein Deut ändern wird, sollte der heilige Martin in die Berliner Regierungshallen einziehen.

Erstaunlich ist eben nur, dass es wider besseren Wissens so sein wird, wie wir es schon zur Genüge kennen: die Menschen werden den Versprechungen glauben, die sich nach der Wahl als Versprecher herausstellen werden. Es wird weiter an die Kraft von Märkten geglaubt, weniger an die Kraft der Menschen. Der neoliberale Weg des Wirtschaftens wird weiter beschritten werden, weil es nur wenige politische Kräfte in diesem Deutschland gibt, die willens sind, echte Alternativen zum bisherigen Wirtschaftssystem überhaupt ins Auge zu fassen, geschweige denn, sie in politische Programme zu gießen.

Wir täten gut daran, den Worten unserer politischen Eliten weniger zu trauen und ihnen mehr auf die Finger zu schauen. Das Tun ist letztlich das Kriterium der Wahrheit, an ihren Taten werden sie sich messen lassen müssen.

Wie sang der verstorbene Diether Krebs einst in offenbar weiser Voraussicht: „Ich bin der Martin, ne…

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Kommentare (7)

Barbara 17.03.2017 | 10:38

Schöner Artikel und leider sehr sehr wahr! Wir haben zu wenig Fantasie, zu wenig Mut und hoffen immer noch, es wird schon alles gut; ABER das wird es nicht.Die Welt um uns herum verändert sich rasant und leider nicht zu unseren Gunsten, siehe Trump, Erdogan und die europ. Rechten. Sie werden möglicherweise die Veränderungen auch bei uns herbeiführen, wenn wir das Heft nicht noch mal schnell selbst in die Hand nehmen mit anderen Konzepten, anderen Ideen und anderen Menschen -nein- nicht die AfD, mit den vielen vernünftigen und gutwilligen Bürgern, die bereit sind, auch mal was zu tun, statt nur herumzusitzen und zu meckern. Politik machen ist anstrengend und Demokratie sowieso.

Batta 17.03.2017 | 12:45

Ich bin sehr verwundert, wenn ich lese, dass es wieder zu vermehrten Parteieintritten bei den Sozen kommt.

Es stellt sich die Frage, sind es seit Hartz-IV Zeiten, ex-SPD-Wähler, die sich nun beflissentlich bemühen, ihren Austritt vergessen zu machen oder wirklich neue Parteimitglieder.

Denn "Bruder Martin" als Heilsbringer darzustellen ist nicht richtig.

Das Gedächtnis der Menschen eine Halbwertzeit ist nicht erst seit heute bekannt.

Vor kurzem erst gab es das Problem mit TTIP / TISA / CETA . . . und einen Herrn Schulz, der vehement dafür warb.

Und einen Herrn Schulz, der die deutschen und EU-Bürger über sechs Jahre lang - mit den Geheimverhandlungen darüber - hinter die Hecke geführt hat.

So etwas scheint schon heute vergessen zu sein !

"Nur die Dümmsten Lämmer wählen ihre Schlächter selbst"!

Und das Versprechungen nicht immer eingehalten werden, hat uns Frau Merkel immer wieder vorgeführt z. B. mit der PKW-Maut.

Schulz' Versprechen, die Agenda 2010 soweit wie möglich zu korrigieren, reicht aber nicht - auch nicht das ALG- I für vier Jahre weiterzuzahlen, wenn die Bereitschaft zur Teilnahme an Weiterbindungsmaßnahmen erklärt wird.

Die Lage von Arbeitnehmern zu verbessern, die Altersarmut zu beenden, eine gerechte Krankenversicherung schaffen, Einführung eines Lobbyisten-Registers und eine andere politische Sichtweise gegenüber den USA, das sollte Martin Schulz versuchen zu klären.