Der hellrote Heilsbringer

Aufwind Über den zukünftigen Erlöser der Deutschen
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Der hellrote Heilsbringer
Martin Schulz und die neoliberale Eurozone
Bild: Patrick Hertzog/AFP/Getty Images

Die angeblich älteste deutsche Partei hat scheinbar ihren Mahner und Erlöser gefunden. Ein heiliger Martin wird uns nach der nächsten Bundestagswahl in das gelobte Land führen, die Ungerechtigkeit beseitigen und den Wohlstand für alle bringen, so er denn die Abstimmung gewinnt.

Glaubt das wirklich jemand ernsthaft? Offenbar schon. Wie sonst ist zu erklären, dass sich die Zahl der Parteieintritte in des Martins Heerscharen sprunghaft erhöht hat, glaubt man den Verlautbarungen, die durch die Gazetten geistern. Da tritt ein neuer Heiliger an, und die Menschen liegen ihm zu Füßen.

Und seine unmittelbaren Gefolgsleute fressen haufenweise Kreide. Waren sie es nicht, die mit der Agenda 2010 die Entfesselung eines fast menschenverachtenden Arbeitsmarktsystems erst möglich gemacht haben? Waren es nicht die Genossen jenes heiligen Martin, die mit dem Slogan „Sozial ist, was Arbeit schafft“ viele damaligen Bedenken beiseite wischten und den schaffenswilligen Menschen zum Subjekt des (Arbeits-)Marktes degradierten? „Fördern und Fordern“ hieß die Devise, von der das Fordern ganz oben stand und steht, das Fördern aber eher beiläufig oder gar nicht geschieht? Ist es nicht jene politische Partei, die es immer wieder versteht, so zu tun, als stünde sie auf Seite des „kleinen Mannes“, sich aber mehr mit dem Kapital und der Macht arrangiert, immer und immer wieder mit dem Finanzkapitalismus hurt? Geht die berühmte Schere zwischen Arm und Reich nicht seit Jahren immer weiter auf, trotz jahrzehntelanger Regierungsbeteiligung der sich Sozialdemokraten nennenden Jünger Martins?

Und nun hat ausgerechnet diese Partei das Thema Gerechtigkeit für sich entdeckt. Es kommt in jeder Rede von Schulzens Martin mehrfach vor. Da muss einem doch das Lachen im Hals stecken bleiben. Wenn die Agenda 2010 Ungerechtigkeiten enthält, warum hat das bisher in der deutschen Sozialdemokratie noch niemand bemerkt? Da scheint das bisherige Personal dieser Partei ja ziemlich unter Wahrnehmungsdefiziten zu leiden, wenn es nach Jahren der Hartz IV-Praxis eines Messias bedurfte, der zu bisher unerreichbaren Erkenntnissen fähig zu sein scheint.

Schon wieder tut diese Partei so, als wäre sie in der Lage, Arbeitsplätze zu schaffen, Ungerechtigkeit einzudämmen und Wohlstand zu bringen. Aber bitte nicht durch eine grundlegende Änderung des Wirtschaftssystems, sondern Seit an Seit mit dem Neoliberalismus. Seit an Seit kann diese Partei nur allzu gut. Dem Kapitalismusgespenst muss vor einer sozialdemokratischen Regierung nicht bange sein, obwohl es sonst alles Rote respektive Linke fürchtet, wie der Teufel das geweihte Wässerchen. Denn die Sozialdemokratie hängt ihr blassrotes Mäntelchen gern mal in wehende Winde, wie man das in ihrer Geschichte schon oft erlebt hat. Deshalb steht auch nicht zu befürchten, dass sich an der Ungerechtigkeit unseres Systems auch nur ein Deut ändern wird, sollte der heilige Martin in die Berliner Regierungshallen einziehen.

Erstaunlich ist eben nur, dass es wider besseren Wissens so sein wird, wie wir es schon zur Genüge kennen: die Menschen werden den Versprechungen glauben, die sich nach der Wahl als Versprecher herausstellen werden. Es wird weiter an die Kraft von Märkten geglaubt, weniger an die Kraft der Menschen. Der neoliberale Weg des Wirtschaftens wird weiter beschritten werden, weil es nur wenige politische Kräfte in diesem Deutschland gibt, die willens sind, echte Alternativen zum bisherigen Wirtschaftssystem überhaupt ins Auge zu fassen, geschweige denn, sie in politische Programme zu gießen.

Wir täten gut daran, den Worten unserer politischen Eliten weniger zu trauen und ihnen mehr auf die Finger zu schauen. Das Tun ist letztlich das Kriterium der Wahrheit, an ihren Taten werden sie sich messen lassen müssen.

Wie sang der verstorbene Diether Krebs einst in offenbar weiser Voraussicht: „Ich bin der Martin, ne…

19:15 15.03.2017
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