Matthias Stark
11.01.2017 | 21:57 3

Ideenwelten

Politikerhirngespinste Neues aus der Gedankenschmiede

Ein Blog-Beitrag von Freitag-Community-Mitglied Matthias Stark

Die Welt ist voller Ideen, manchmal sind sogar gute darunter. Die vielen anderen aber werden gern und oft von der Politik aufgegriffen. Jüngstes Beispiel ist die Idee der elektronischen Fußfessel, die jedem sogenannten Gefährder von unserem smarten Justizministerchen angelegt werden soll. Auf eine solche Idee ist man nicht mal in der ehemaligen DDR gekommen, obwohl man da sicher Bedarf hatte für so eine Lösung. Ganz abgesehen davon, wer festlegt, was ein Gefährder ist, wird die Verwirklichung dieser Idee bestimmt einen durchschlagenden Erfolg erzielen. Mit Sicherheit sind ja als potentielle Gefährder all jene gemeint, die unsere Werte mit Füßen treten. Pardon, schon wieder mal haben wir es bei dem Wort Werte mit so einem schwammigen Begriff zu tun, der gern von der Politik benutzt wird, weil er alles und nichts aussagt. Wenn wir aber mal annehmen, dass mit den Werten so Dinge wie Demokratie, Mitmenschlichkeit, Humanität, Frieden, Gerechtigkeit und Freiheit gemeint sind, und ich habe guten Grund anzunehmen, dass dies so ist, weil unsere Politiker ja mit diesen schönen Worten oft und gern Vorstellungen davon als ihre Werte bezeichnen, ja dann … sehe ich für die Hersteller elektronischer Fußfesseln goldene Zeiten anbrechen. Denn es gäbe offenbar eine ganze Reihe von Menschen, ja ganze Gruppen, die genau diese Werte gefährden. Wer also würde mit dem Geschenk einer staatlichen Fußfessel ausgezeichnet?

Zunächst mal vielleicht die Bosse der Rüstungsindustrie und jene, die es ihnen erlauben, Waffen in die Welt zu schicken und die noch immer an das Märchen glauben, dass mit diesen Waffen der Frieden geschützt oder gebracht werden kann. Sie sind die eigentlichen Gefährder unseres Lebens, weil sie für Geld ihre Seele verkaufen, oder zumindest das, was sie dafür halten.

Dann wären es die vielen Großmäuler in den Parteien aller politischen Richtungen, die Scharfmacher, die mit Worten Brände zu legen vermögen. Jene, die von Demokratie schwätzen und doch nur ihr eigenes Süppchen kochen möchten. Auch sie gefährden unsere Gesellschaft und sollten eine solche Fessel bekommen. Und es sind die Lobbyisten, die ohne je von irgendeinem Souverän ein Mandat erhalten zu haben, für Macht und Geld auf politische Entscheidungen Einfluss zu nehmen versuchen. Auch sie gefährden das, was uns so oft als „die Demokratie“ verkauft wird.

Her mit den Fußfesseln für Demagogen, Hassprediger, Dummschwätzer, Lügner, und all jene, die das Heil der Welt im Neoliberalismus sahen und sehen. Sie alle gefährden unser friedliches Zusammenleben in Europa, das in zunehmendem Maße von nationalistischen Strömungen geprägt wird und von dem nicht sicher ist, ob es so friedlich bleiben wird. Legt ihnen Fesseln an, zeigt mit den Fingern auf sie, auf dass unsere Welt wirklich eine bessere werde. Und dass man dann auch jenen eine solche Fessel beibringt, die sich, auf eine Religion berufend, selbst in die Luft sprengen wollen oder unschuldige Menschen mit LKWs zu töten beabsichtigen, scheint sich von selbst zu verstehen. Aber fangt bitte bei den richtigen an und prüft genau, wer ein Gefährder ist und vor allem, warum!

Und noch eine „gute“ Idee macht gerade die Runde. In Deutschland soll der klassische Fahrschein abgeschafft werden. Alles wird digitalisiert, nun auch die Fahrkarte. Muss jetzt unsere Oma einen Lehrgang besuchen, um einen Fahrschein zu lösen, bloß weil sie mit dem Bus ins Nachbardorf will? Wie soll das praktisch aussehen? Können dann Menschen ohne Smartphone nicht mehr Bahn fahren? Wie kann ich mit den Nahverkehr nutzen, wenn ich außer Geld nichts bei mir habe? Worin besteht der wirkliche Vorteil, wenn man keine Papierfahrscheine mehr haben wird? Ich ahne es schon. Man hat dann den gläsernen Fahrgast, weiß ganz genau, wer wann wohin fährt und wie oft er das macht. Aber warum will das überhaupt jemand wissen? Oder ist es gar ein weiterer kleiner Schritt in Richtung Bargeldabschaffung? Man weiß es nicht. Der Fortschritt ist nicht aufzuhalten. Die Frage ist nur, ob jeder Fortschritt auch Verbesserung bedeutet? Es gibt so wenige Antworten auf zu viele Fragen! Und Ideen gibt es zuhauf, nur an den guten mangelt es gewaltig.

Nun werde ich vermutlich mal eine eigene Idee verwirklichen. Ich werde ohne Fahrschein zu Fuß gehen, ganz analog und hoffentlich ohne Fußfessel. Ist ja auch gesünder!

Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.

Kommentare (3)

Gonzo 12.01.2017 | 00:03

Ich bin mir nicht sicher, ob man sich bei einem längeren Fußmarsch nicht bereits höchst verdächtig macht, denn man weicht damit sicher auffällig von der Norm ab.

Smartphones sind ja heute bereits gut zu überwachen, nur kostet das wahrscheinlich manpower. Privatisiert und outgesourced kostet es sicher weniger und lässt sich in eine wie auch immer geartete Vorratsdatenspeicherung einbauen, indem man die gewonnenen Daten für Unternehmen interessant macht.

Wenn ich es richtig verstanden habe, soll die Fußfessel aber doch zunächst die Menschen betreffen, deren Herkunft ungeklärt ist. Da bin ich mir aber nicht sicher. Es gab ja aber vor längerer Zeit bereits den Vorschlag, die Fußfessel für Langzeitarbeitslose einzusetzen. Ob das dann auch bereits Gefährder sind? Der Hartzer hätte jedenfalls gute Gründe, das bestehende System gefährden zu wollen.

denkzone8 12.01.2017 | 06:02

die elektronische fuß-fessel fasziniert,

aber fesselt doch gar nicht.

sie gibt bestenfalls nur auskunft über

den lauf/stand-ort des belegten(aufenthalts-überwachung).

weder fahrrad-fahren noch flieger-besteigen

wird verhindert.

im gegensatz zu diesem gerät aus dem zeit-alter

der virtualität

war die alte fuß-kette(mit blei-ballon)

wirklich hinderlich beim reiten und lkw-fahren.

neuere konzepte der -->elektronischen fußfessel(wiki)

erbringen daten über blut-alkohol des trägers.

vielleicht gelingt es bald,

aktuell-graduelle werte des trägers

auf der tp-skala(terrorismus-potentialitäts-skala)

zu bestimmen.

wer bei solchen projekten der disziplinierungs- und überwachungs-gesellschaft abstand sucht,

dem gebe ich den hör-tip :

-->janis joplin: ball and chain (aus dem hoch-wertigen album:

piece of my heart).