Du nimmst dir Raum

Mode Mit ihren Kleidern hat Rei Kawakubo den Körper der Frau befreit. Im Frankfurter MAK kann man sie jetzt bewundern

Es stehen im Museum eine Dame mit ausladendem Bauch und ein Herr mit beachtlichem Buckel, sie betrachten eine Figurine. Bauch und Buckel erweisen sich auf den zweiten Blick als Citybackpacks. Die Figurine trägt ein rotes Kleid der japanischen Designerin Rei Kawakubo mit asymmetrischen Ausbuchtungen am Rücken. Wir sind in der Ausstellung Life doesn’t frighten me. Michelle Elie wears Comme des Garçons, die über 50 Ensembles aus Kollektionen von 1997 bis 2018 von Kawakubos Modelabel zeigt. Sie entstammen der Sammlung der Designerin und Stylistin Michelle Elie, einem Ex-Model.

Rei Kawakubo entwickelte ihre Modephilosophie zunächst in Opposition zur konservativen japanischen Mode. 1973 gründete sie Comme des Garçons und wurde bald über Japan hinaus bekannt. Die Kritik war anfangs schockiert, schimpfte „Quasimodo-Style“ und „Hiroshima-Chic“ und goutierte erst mit der Zeit, dann aber vollkommen, den Einbruch von (ästhetischer) Armut, von No-Future-Angst und gerade die Ignoranz gegenüber westlichen Konventionen von Schönheit in der Welt der Haute Couture.

Gegen die Kontur

Denn Rei Kawakubo stand in einer Linie mit früheren Umbrüchen in der Modegeschichte. Die Reformkleider von Anna Muthesius etwa boten eine praktikable Alternative zur Belle-Epoque-Mode, die den weiblichen Körper zur Haltung zwang, freie Bewegung aber verhinderte. Das Charlstonkleid und das Kleine Schwarze von Coco Chanel von 1926 waren die Kleider der kettenrauchenden und Alkohol trinkenden Flappergirls, gemacht, um darin wild zu tanzen, nicht zum züchtigen Posieren. 1965 beendete Yves Saint Laurents Mondrian-Kleid die nächste Epoche der sanduhrenhaften Einschnürung der weiblichen Körpersilhouette und damit das patriarchalische Nachkriegs-Rollback in der Mode. Ein Kleid für die losgelöste Bewegung, für den Twist.

Die Kawakubo-Kleider provozieren mit ihren extremen Verstößen gegen die konventionellen Proportionen der weiblichen Körperkontur. Michelle Elie führt uns nun ihre Comme-des-Garçons-Kleider mit einer direkten, unbekümmerten Selbstverständlichkeit vor, die sehr viel Spaß macht. Die Ausstellung im MAK ist deshalb eigentlich kein Kawakubo-Porträt, sondern zeigt die ganz besondere Beziehung, die die Frau Michelle Elie zu deren Kleidern entwickelt hat. Wir sehen nach Kollektionen zusammengestellte Figurinengruppen, Fotos mit Michelle in diversen Kawakubo-Kleidern und Videos, in denen sie die Ensembles sozusagen auf der Straße im Alltag performt. Die Härte, der Ernst und die Bitternis der frühen Comme-des-Garçons-Ästhetik kommen nicht vor. Die Geschichten, die die Besucherinnen sich per Audioguide über die Kleider und die Auftritte in ihnen erzählen lassen können, haben einen eher leichten Ton.

Michelle Elie ist eine schwarze Frau. In der Ausstellung stehen ausschließlich ihrer Person nachgebildete schwarze Figurinen. Die Kuratorin Mahret Kupka hatte beobachtet, dass auch in einigen afrikanischen Ländern in vielen Schaufenstern und auf Märkten weiße Figurinen zur Modepräsentation benutzt werden. Gegen diese vermeintliche Normalität, in der schwarze Körper unterrepräsentiert sind, soll die Ausstellung ein Zeichen setzen.

Beim Rundgang fällt mir eine kürzlich gelesene Geschichte ein. Ein kleiner Junge erzählt jeden Abend dem Papa von seiner Kita-Freundin. Sie spielen, sie zanken, sie vertragen sich, sind unzertrennlich. Eines Tages bittet der Vater den Jungen, ihm doch mal die Freundin, von der er so oft spricht, vorzustellen. Er sieht etwas für ihn bezeichnenderweise Überraschendes. Es ist ein schwarzes Kind. Der Junge erwähnte das nie, weil er es zwar sieht, aber nicht bemerkt. Weil der Unterschied für ihn keine Rolle spielt. Weil es für ihn kein Unterschied ist.

Wie viele schwarze Menschen erfährt Michelle Elie, die heute in Köln das Designlabel PRIM für Schmuck und Textilien betreibt, vermutlich täglich den latenten oder offenen Rassismus der weißen westlichen Kultur. Sich selbst mit einer Mode, die die Körper-Kleid-Beziehung provokant neu interpretiert, in der Öffentlichkeit einer immanent rassistischen Kultur zu präsentieren, ist per se widerständig. Interessant ist, dass man unter dem aktuellen Eindruck einer weltweiten antirassistischen Bewegung die Ausstellung einer sehr persönlichen, individuellen Beziehung zu Kawakubos Ästhetik plötzlich viel deutlicher als antirassistisches Statement wahrnimmt. Deutlicher auch, als das ursprünglich in der Ausstellungskonzeption angelegt gewesen sein mag. In einem Gespräch mit Elie sagt die Kuratorin Mahret Kupka: „Dein Ansatz ist sehr pragmatisch. Du diskutierst nicht, du bist einfach da, schaffst Sichtbarkeit, nimmst dir Raum und gestaltest ihn, wie es dir gefällt.“

Irgendwann aber fällt dem Besucher die Tatsache, dass die Figuren schwarz sind, nicht mehr auf. Hell und dunkel können seine Augen immer noch unterscheiden. Aber ihre problematische kulturelle Konnotation ist ihm für den Rest seines Aufenthalts in den Ausstellungsräumen nicht mehr gegenwärtig. Ein gestalterisch hoch qualifiziertes Spielen mit Stoff, Form und Farbe, ein lustvolles Konterkarieren von konventionellen Erwartungen lädt für den Moment in ein ästhetisches Utopia ein.

Das Begleitprogramm sieht Führungen mit Michelle Elie für Kinder vor. Beim Sichverkleiden und Spielen sind Kinder noch in einer Welt der vielen Möglichkeiten, nicht in der einen Wirklichkeit. Sie werden womöglich sehen, aber nicht bemerken, dass die Figurinen schwarz sind. Sie werden sicherlich bemerken, was für ein schönes Gesamtkunstwerk ein knallrotes Textilgebilde an einem schwarzen Körper ist.

Info

Life doesn’t frighten me. Michelle Elie wears Comme des Garçons Museum Angewandte Kunst, Frankfurt a. M., bis 30. August 2020

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06:00 11.07.2020

Ausgabe 33/2020

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