Flugscham bis BER

Baustelle Kaum zu glauben: Der Airport Berlin-Brandenburg geht in Betrieb. Von der menschenleeren Flughafenlandschaft will sich unser Autor aber nicht verabschieden

In irgendeinem alten Witz, der heute niemanden mehr zum Lachen bringt, wurde die Berliner Mauer als eine zum Trocknen aufgehängte Autobahn veralbert. Dieses Betonmonstrum wurde dann bekanntlich von der Leine genommen. Die grenzenlose Freiheit war da und endlich konnten die Ex-DDRler in die (westliche) Welt und diese konnte in die nicht mehr eingemauerte DDR reisen. Das wiedervereinigte Berlin war die coolste Stadt der Welt. Alle wollten hin. Ein Bauboom brach los. Und ein neuer Flughafen wurde geplant. 30 Jahre später wird mit BER Terminal 1 etwas in Betrieb genommen, in dem sich dieser doch schon recht angewelkte Zeitgeist der 1990er-Jahre in Beton, Stahl, Leichtmetall, Plastik und Glas materialisiert.

Der Mensch denkt, Gott lenkt. Oder wie man als Atheist sagen könnte, Natur und Geschichte scheren sich nicht um Menschenpläne. Die Tragikomödie ist bekannt. Baustopps, Umplanungen, Insolvenzen, vervielfachte Milliardenkosten, vielmalige Verschiebung der Inbetriebnahme, zuletzt wegen eines pandemisch sich verbreitenden Krankheitserregers.

Das im Prinzip fertig gebaute BER-Terminal 1 fiel in eine Art Wachkoma. Der Fotograf Rainer Sioda hat den ruhenden Patienten in diesen Jahren oft besucht. Des Lichts wegen vorzugsweise bei herbstlich grauem Wetter. Das gesellschaftliche Drama um den BER interessierte ihn dabei aber gar nicht, wie er sagt. Er kennt das Gelände noch aus der Zeit vor dem Baubeginn, ist mit dem Rennrad auch durch die für den neuen Airport weggeräumten Dörfer Diepensee und Kienberg gefahren. Sein Thema sind die Verwandlungen der Landschaft. Nach Inspirationen aus der Fotografiegeschichte gefragt, nennt er Namen wie Robert Adams und Lewis Baltz. Die beiden gelten gemeinhin als Ablichter von Urbanität und der Spuren, die menschliche Mobilität und Siedeln in der Natur hinterlassen. Sioda aber sieht sie als Künstler, die Landschaften zeigen. Und Landschaft, das ist die Natur im Anthropozän.

In Brandenburg und den USA

In seinen eigenen Büchern und Ausstellungen – Transatlantic Relations (2014), Fack (2017), Pictures of US (2019) – bringt er solche Landschaftsbilder aus der brandenburgischen und der US-amerikanischen Provinz in einen Zusammenhang. Wenn die Menschen, egal wo auf der Welt, die Orte früheren Lebens sich selbst über-, ihre Müll gewordenen Produkte hinterlassen, ihre Autos abgestellt, Symbole kruder privater Weltsichten gesprayt haben – dann bleibt eben eine menschgemachte „Natur“, also eine Landschaft zurück. Als solche erkennbar wird sie erst richtig, wenn die Menschen nicht mehr da sind.

Zu Siodas Fotomotiven gehören auch aufgelassene Regionalflugplätze. Oder das ganze Gegenteil eines ruinösen Flugplatzes: der noch nicht eröffnete Airport Berlin-Brandenburg. So leer, so reglos und sich selbst genügend wie hier wird man diese anthropozäne Tektonik nie wieder sehen. Was aber wie eine befremdliche Leere zu wirken scheint, ist für den Fotografen eine Landschaft. Etwas fürs Auge und das Hirn dahinter.

Als Sioda diese Fotos schießt, ist wieder einmal eine Klimavereinbarung der Vereinten Nationen verabschiedet worden und die freitäglichen Klimademos, von einer schwedischen Schülerin initiiert, sind nicht mehr weit. Ein neues Wort macht seither in vielen Sprachen die Runde: Flugscham. Und dann bringt auch noch ein Virus eine neue Art Flugangst.

Den fotografierten Flughafengebäuden ist keine Scham, keine Angst anzumerken. Sie sollen einen Stolz ausstrahlen. Der wirkt genauso unbeirrbar wie aufgesetzt. BER scheint als Megazeichen geplant zu sein. Vertikalen dominieren, streben auf Höhen weit über den Köpfen. Endlose Säulenreihen mit Mercedessternen als Runen tragen schwere Deckplatten, so als sollte hier ein deutsches Stonehenge für die Nachwelt errichtet werden. Oder als würden Hünen als Fluggäste erwartet. Alles ist edel, nagelneu, kostbar. Wird bewacht, beheizt, geputzt. Soll erhalten bleiben für den Moment, wo jemand den Play-Button klickt und alles genau von dem Zustand aus, in dem es stehen blieb, weiterläuft. Als wäre nichts geschehen. Wie im Märchen, wo ein Hofstaat einschläft, eine Dornenhecke wächst und trotzdem 100 Jahre später alles wie vorher weitergeht. Der hoheitliche Mercedesstern ist verhüllt. Er harrt stoisch, doch siegesgewiss des Tages, wo er endlich das Publikum ameisenartig tief unter sich wimmeln und zu ihm aufblicken sehen wird.

Der Landschaftsfotograf blickt aber noch tiefer. Beton, Stahl, Leichtmetall, Kunststoff, Glas sind nur neue Konfigurationen von Silikaten, Eisen, Aluminium. In diesen Fotos scheint der BER genauso naturnah oder -fern wie Stonehenge. Es ist menschenleere, wenngleich von Menschen aufgetürmte Landschaft. In den von Rainer Sioda festgehaltenen Momenten einer Leere vor der Belebung durch durcheinanderquirlende Menschenmassen kann, wer will, auch schon die Leere danach sehen. Und wer das nicht glauben mag, sollte einmal bei herbstlich nasskaltem Wetter auf der Tempelhofer Freiheit in Berlin spazieren gehen.

Michael Suckow fühlte sich beim Komparsen-Check-in am BER wie in einer Foto-Ausstellung von Rainer Sioda

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