Laber, laber, laber

Wenderoman Andreas Goldstein verfilmt Ingo Schulzes „Adam und Evelyn“ als Frage nach dem gelingenden Leben

Der Film beginnt in tiefster Finsternis. Sie dauert. Man möchte schon nach dem Vorführer rufen, doch dann wird es Licht. Aber erst zirpt die Grille, zwitschert ein Vöglein, krächzt eine Krähe, machen sich die historischen Ereignisse des Spätsommers 1989 akustisch bemerkbar. Als Radionachrichten. Schließlich taucht der Paradiesgarten aus der Dunkelheit des Urchaos auf, und dann erscheint eine nackte Eva. Auf Fotopapier in der Dunkelkammerschale.

Damit ist die biblische Konstellation der literarischen Vorlage von Ingo Schulze expositioniert. Der Film wird entgegen der Erwartung dann aber doch nicht zu einem Anspielungs-Roadmovie im Stil von O Brother Were Art Thou. Er ist einfach nur eine „Männer-und-Frauen-Geschichte, sonst nichts“ (sagt die Figur Evelyn irgendwann einmal).

Ein „Männer und Frauen“-Roadmovie also. Das Vehikel ist ein Wartburg 311, himmelblau und weiß, Baujahr 1961, wie Evelyn (im Film, im Roman ist sie sieben Jahre jünger). Schön restauriert, auch die Chromteile. Man sieht ihm den Oldtimerverein Naumburg (siehe Abspann) deutlich an. Komischerweise passt der olle röhrende 1980er-Gebraucht-BMW von Erzengel Michael, dem Westbesucher, besser zu den stumpfen Fassaden der Vorwendekulisse. Die Ausstattung dieser Szenen geht schon in Richtung Theaterdekoration. Später spielt sich das meiste in der sogenannten Natur ab. Das funktioniert besser.

In Ingo Schulzes Romanvorlage Adam und Evelyn (2008) geht es ein wenig zu wie im Ohnsorg-Theater. Die Protagonisten treten auf und gehen ab, sitzen verschieden gepaart beieinander und labern, labern, labern. Das ist nicht abfällig gemeint. Das ist eine Kunst, die Schulze exzellent beherrscht. Alles, was geschieht, wird als Wiederschein in den Dialogen sichtbar. Jeder ausgesprochene Satz ist ein Strich mit dem Kohlestift. Die Bilder zeichnen sich ab, sie erscheinen allmählich wie Adams Schwarz-Weiß-Fotos im Entwicklerbad. Dazwischen streut Schulze wenige lapidare Beschreibungen von Handgriffen, Blicken und kleinen Handlungen.

Das kann man auch im Film machen. Die Figuren herumsitzen und reden, reden, reden lassen. Die Franzosen können das gut. Ein schönes Beispiel war auch Hannah Arendt (2012). Hier wurde in Spielfilmlänge zwischen wunderbaren Requisiten und in exzellenten Kulissen über Politik und Philosophie diskutiert – und es war spannend. Andreas Goldsteins und Jakobine Motz’ Film funktioniert anders.

Hier wird nichts diskutiert. Die Figuren sitzen herum, im Wartburg, auf der Picknickdecke, am Gartentisch, drehen Gläser verlegen in den Händen, man hört den Wind wehen, die Blätter säuseln, das Wasser plätschern. Dann fällt ein Satz. Dann noch einer. Dazwischen Geräusche, Blicke, Licht. Die Figuren stehen, sitzen paarweise oder allein vis-à-vis der Kamera, regungslos, in sich gekehrt. Und als Zuschauer rutscht man im Kinosessel herum in Erwartung eines weiteren Dialogsatzes.

Hören und zuhören

Man geht also am besten geduldgewappnet ins Kino. Es können schon mal zehn, fünfzehn völlig ereignislose Sekunden zwischen zwei Äußerungen vergehen. Stille und Sprachlosigkeit muss man aushalten können. Wie im richtigen Pärchenleben.

Mal als Beispiel. Adam: „Was willst du eigentlich im Westen?“ – Pause – Katja: „Besser leben.“ – Pause – „Überhaupt leben“. – Pause – Adam: „Bisher“ – Pause – „hast du nicht gelebt?“ – Keine Antwort.

Das Ganze dauert geschlagene zwei Minuten. Ist aber nicht langweilig. Die Zuschauer haben viele Möglichkeiten, sich die Zeit zu vertreiben. Zum Beispiel die Augen schließen. Die Geräusche genießen. Alles O-Ton. Bienensummen, Spatzentschilpen, Regenplätschern, verschiedene Winde, Stimmengemurmel, irgendwas knistert, raschelt, rauscht. Fast nie Musik.

Oder sie können, was ja eigentlich ihr Job ist, zuschauen. Den Figuren ins Gesicht sehen, ihre Körperhaltung beobachten, ihren Händen beim Bewegen einer Kaffeetasse oder eines Weinglases folgen, das Wehen einer Gardine als Ereignis wahrnehmen. Und man kann in Echtzeit im Kopf reflektieren, was im Dialog angesprochen, aber nicht diskutiert wird. Hier zum Beispiel: Was ist gelingendes Leben?!

In diesem Film werden noch deutlicher als in der literarischen Vorlage gängige Ost-West-Klischees aus Film und Literatur konterkariert. Das stasihafte Verhör findet im Büro eines Westbeamten statt. Die angeblich so verschworene DDR-Nachbarschaft in Adams Heimatort entpuppt sich als Plündererbande – wie am Ende des letzten Krieges. Der Untergang der DDR und das Ankommen in der BRD sind gleichzeitig die Eroberung des Paradieses und die Vertreibung aus ihm.

Am Schluss stehen die beiden Protagonisten rücklings zum Publikum am Fenster ihrer noch leeren schicken West-Wohnung. Im üblichen Tempo des Films spricht Evelyn Sätze der Erwartung einer naiven Utopie (die schönste Welt, die es je gegeben hat, nie wieder Krieg, statt Wehr- nur Sozialdienst, 30-Stunden-Arbeitswoche). Adam zitiert höhnisch: „Die Wölfe werden bei den Lämmern liegen.“

Er ist ohne Zweifel die interessanteste Figur des Films. Ein bisschen reiner Narr, ein bisschen tumber Tor. Er folgt dem Lustprinzip. Und zwar nicht nur genießend, sondern auch schaffend. „Er hat sie (die ‚Weiber‘, sagt Evelyn) schön gemacht. Und wenn sie schön waren, dann ...“schlief er mit ihnen. Patriarchalisch, das. Der Autor ist schließlich ein Mann. Jedenfalls hilft die Fähigkeit, auch unter widrigen Umständen lustvoll zu leben, Adam dabei, sich den jeweiligen Mächten vor und nach der Wende zu entziehen. Was vorher noch klappte, scheint nun aber illusionär.

Da stehen sie nun. Ein richtiges Paar. Evelyn ist schwanger. „Tee oder Kaffee?“, fragt sie Adam und geht dann in die Küche.

Info

Adam und Evelyn Andreas Goldstein Deutschland 2018, 100 Minuten

06:00 13.01.2019
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