Verächter des Zerfalls

Ausstellung Im Kunstmuseum Moritzburg wird am 21. Mai die erste Foto-Retrospektive von Karl Lagerfeld eröffnet. Ein Vorab-Besuch vor Ort
Verächter des Zerfalls
Karl Lagerfeld, „Narrenschanzen – Hommage à Feininger“ (1990)

Foto: © Karl Lagerfeld

Albert Eberts Pummelchen mussten ins Depot. Die drallen Frauenfiguren des bekanntesten deutschen naiven Malers hätte Karl Lagerfeld trotz seiner Neigung zur Barock-Ästhetik wohl als die Schwestern der „fetten Mütter, die mit Chipstüten vor dem Fernseher sitzen“, von denen er 2009 in einem Interview sprach, angesehen. In das sonst der Ebert’schen Tafelmalerei vorbehaltene Turmkabinett der Moritzburg ist für die nächsten Monate Karl Lagerfelds erstmals öffentlich gezeigte fotografische Interpretation zweier berühmter Inszenierungen des Ballet Russes eingezogen. Der Protagonist ist ein schlankes Model mit perfektem Muskelaufbau, das den berühmten Tänzer Vaslav Nijinsky in zwei historischen Ballettinszenierungen darstellt. Spärliches Licht fällt auf die Fotos im Rund. Dazu die Ballettmusik von Debussy und Berlioz.

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Der Dandy, der Einsame

Die große „Karl Lagerfeld. Fotografie – Retrospektive“ folgt im Kunstmuseum Moritzburg einer bemerkenswerten Ausstellung zum Bauhaus-Jubiläum 2019, die eine selbstbewusste Feier der historischen Bedeutung dieses Museums in Halle für die Popularisierung der Moderne vor 1933 in Deutschland, ja Europa war. Lagerfeld, ein Kenner der Kunstgeschichte, wusste das und war wohl auch deshalb bereit, einer Ausstellung seiner fotografischen Arbeiten in Halle zuzustimmen. Seine „Hommage à Feininger“, Teil der Retrospektive, bezieht sich auf das frühe Werk eines Künstlers, der später als Bauhaus-Meister gerade mit seinen Halle-Bildern zum Ruf des Museums beigetragen hatte. „Ich interessierte mich nur für die Form, die Technik und die Stilisierung dieser Arbeiten“, erklärte er seinen Umgang mit den Feininger-Motiven. Sie sind ihm Material, wie alles, was er sieht, sammelt, fotografiert, festhält.

#closedbutopen ist der hashtag, unter dem man sich online mit dieser Ausstellung beschäftigen kann. Der Corona-Lockdown hat aus der Not eine Tugend gemacht. Es wird nicht nur geteasert. Es gibt zu hören und zu schauen. Mit so geschärftem Blick sieht man beim realen Besuch den Fotos mehr an, als das sonst im Vorübergehen möglich ist. Die Sinnlichkeit des kreativen Machens, das Handwerk, die Ästhetik des Materials, Papier, Drucktechniken, Licht. Das gilt für die Exponate und für die Ausstellung selbst. Sie ist ein Unikat. Die gut 400 Bilder sehr unterschiedlicher Materialität mussten in die ganz besonderen Raumverhältnisse dieses Museums gebracht werden. Wir besuchen eine Ausstellung, die so nur hier entstehen konnte.

Wer den Hof der Moritzburg betritt, sieht sich Herrn Karl Lagerfeld in zigfacher überlebensgroßer Ausfertigung gegenüber. Der Individualist, der Dandy, der Einzigartige, der Einsame, vielfach geklont. In kaum variierenden Posen, mit dem immer gleichen Gesichtsausdruck. Keine Freude, keine Trauer, kein Zorn. Versteckt hinter der Sonnenbrille, der Kopf aufrechtgehalten vom steifen Kragen. Er bringt sich gern und oft selbst ins Bild, tut das aber, als folge er Regieanweisungen seines Kollegen Helmut Newton. Dessen Models sollten ausdrücklich unberührt von ihrer Umgebung wirken. O-Ton Lagerfeld: „Zwischen mir und dem Rest der Welt steht eine Glaswand.“

An Fotoserien, die direkt aus Werbekampagnen zum Beispiel für Dom Pérignon herrühren, kann man doch etwas rascher vorbeigehen. Aussagekräftiger für das Künstlertum Lagerfelds sind die Arbeiten, die er aus dem Fundus seiner Kenntnisse der Kulturgeschichte entwickelt. Es beginnt mit einer Hommage an Anselm Feuerbach. Später stellt er sich oder seine Models in Edward-Hopper-mäßige Installationen in Brooklyn und von Theatermalern im Stile der in Europa kaum bekannten Malerin Florine Stettheimer gefertigte Kulissen. Der Inhaber einer Bibliothek von Hunderttausenden Bänden zieht seine Motive aber auch aus der Literatur. Jugend und Schönheit und die Angst um ihren Verlust repräsentierende Figuren der Literaturgeschichte in hochästhetisierte Bilder zu setzen, dabei zeigt sich der eigentliche Lagerfeld. Wir müssen ihm nicht mal die Sonnenbrille abnehmen. Bei Lagerfelds Dorian-Gray-Interpretation hören wir Oscar Wilde sagen: „Alle Kunst ist Oberfläche und Symbol zugleich.“ Und Karl paraphrasiert: „Es ist oberflächlich, es ist Mode.“ Der Dandy als Ästhet und Verächter der hässlichen, vergänglichen Realität. Ironische Inszenierung, unernstes Posieren – im Dandytum wird die Sinnlichkeit des Körpers zur symbolischen Sinnlichkeit des Bildes, der Pose.

Die reale Sinnlichkeit waltet im Tun des Karl Lagerfeld, aber sie ist nicht sein Zweck, sondern sein Mittel. Er spielt für sich und ist glücklich dabei. Für uns ist nur das Bild gedacht. Bei dem hier großartig präsentierten Projekt Daphnis und Chloe geht Lagerfeld noch über die direkte Rezeption eines literarischen Motivs hinaus. Seine Inszenierung à la baroque ist das Thema. Wieder ist es die jeglicher Realität entrückte Kreation von etwas Idealem. In den Posen der Fotos bleibt alles stehen. Die Pose altert nicht, verfällt nicht. Ewige Lolitas die Frauen, die Männer für immer Epheben. Schön.

Bei den Fotos vom Palazzo della Civiltà Italiana, einem Mussolini-Bau, angekommen, fragt uns der Audio-Guide mahnend, ob „wir“ die Architektur des italienischen Faschismus „ausschließlich ästhetisch betrachten“ dürfen. Lagerfeld reklamiert dieses Recht für sich. Er ignoriert den politischen Zusammenhang und fotografiert das Gewirk von Linien, Konturen, Licht und Schatten, das ihn im perfekt restaurierten Fendi-Headquarter, das der Mussolini-Palazzo heute ist, fasziniert.

Um einen Sinn geht es eben nicht, sondern um ein Spiel mit Formen, die dafür keinen Inhalt brauchen. Mit den Palazzo-Fotos entzieht sich Lagerfeld der faschistischen Ästhetisierung des Politischen mit dem simplen Trick der Entpolitisierung dieses Ästhetischen. Wir dürfen die Fotos mit den faszinierenden Licht-Schatten-Geometrien „genießen“. Der Guide erlaubt dies unter der Bedingung, dass wir uns bewusst sind, wozu die dargestellten Gebäude dienten. Auch diese scheinbar so kritische Haltung kann sich den Zusammenhang von Form und Inhalt nicht anders als unverbindlich, also lösbar vorstellen. Das ist Lagerfelds Haltung. Die Form wird erst schön ohne Inhalt. Dann kann man frei mit ihr spielen.

Info

Karl Lagerfeld. Fotografie – Die Retrospektive Kunstmuseum Moritzburg online, ab 21. Mai geöffnet, bis 06. 01. 2021

06:00 24.05.2020

Ausgabe 22/2020

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