Paris, Stadt der Armut

Reportage Paris ist eine Reise wert. Doch die Stadt steht vor großen Herausforderungen. Ein Erlebnisbericht.
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Paris, eine Stadt die für vieles steht. Als ich las, dass die Arbeitslosigkeit in der "Grande Nation" einen neuen Höchststand erreicht hatte, wusste ich noch nicht, dass diese Meldung die Wahrnehmung während meines kurzen Aufenthaltes in der Metropole in der Seine verändern sollte. Fast 3,5 Millionen arbeitslose Menschen - nach offizieller Zählung. Eine ungeheure Zahl. Vor allem wenn man bedenkt, dass in Österreich - ebenso nach offiziellen Zahlen - fast so viele Menschen in Beschäftigung sind. Nach inoffiziellen Schätzungen sind jedoch circa 5 Millionen Menschen in Frankreich arbeitslos. Das entspricht in etwa der zweifachen Bevölkerung von Paris. Ja, Paris: Eine Stadt, die für vieles steht. Auch für das Thema Armut und Arbeitslosigkeit.

Nachdem wir unser Hotel in der Gegend des Ostbahnhofs bezogen hatten, führte der erste Spaziergang entlang des Kanals St. Martin Richtung Norden. Beim Stalingradplatz (korrekterweise "Place de la Bataille de Stalingrad"), der an der Grenze zwischen X. und XIX. Arrondissement liegt, fiel mir ein Plakat auf; wobei "auffallen" ein wahrer Euphemismus ist. Das Plakat stach im wahrsten Sinne des Wortes ins Auge. Die hiesige Gewerkschaft CGT rief zu einer Demonstration gegen Arbeitslosigkeit, prekäre Beschäftigungsverhältnisse etc. auf.

Das französische Wort "Chômage" ist auf der rein klangmalerischen Ebene sehr dazu geeignet, eine gewisse Romantik hervorzurufen. "Chômage" klingt - im Gegensatz zur sehr sachlichen "Arbeitslosigkeit" - weniger streng und weniger hart. Der Arbeitslose ist dann auch folgerichtig "le chômeur", was natürlich eine klangliche Nähe zu "charmeur" hat. Dass dieser Gedanke nicht abwegig ist, zeigt das Beispiel des "Clochard". Dieses Wort ist wohl alles andere als "technisch-beamtisch-neutral" und ruft ganz bestimmte Bilder hervor, auch heute noch, obwohl das offizielle Französisch nüchtern von einem "SDF" - "Sans Domicile Fixe" - also einer Person "ohne festen Wohnsitz" spricht. Und auch die bereits erwähnte Gewerkschaft nennt jenen Zweig, der sich den Arbeitslosen widmet "privés de travail", was man wortwörtlich mit "jene, denen die Arbeit vorenthalten wird" übersetzen könnte. Wenn die CGT von "chômeur" spricht, dann nur im Zusammenhang mit "rebelle". Aber wie dem auch sei. Eine Demonstration gegen Arbeitslosigkeit. Wann hat es das in Österreich zuletzt gegeben?

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Der "Place de Stalingrad" scheint ein beliebter Versammlungspunkt für Demonstrationen in Paris zu sein. Anfang November 2014 kam es an Ort und Stelle zu einer nicht angemeldeten Kundgebung in Gedenken an den 21-jährigen Naturschützer Rémi Fraisse, der bei einer Demonstrationen gegen einen umstrittenen Staudamm im Departement Tarn von einer Tränengasgranate am Rücken getroffen und getötet wurde. Zwei Graffitis, die auf den Boden gesprayt wurden, verdienen es, an dieser Stelle erwähnt zu werden. Nicht nur deshalb, weil Paris und Graffitis, die mit Schablonen aufgesprayt werden, eine ganz besondere Beziehung haben, sondern auch, weil diese Form der "Statements" eine simple politische Demonstration überdauern. Auf dem Stalingradplatz befindet sich eine Faust umgeben vom Symbol für Weiblichkeit und ein paar Schritte vom Platz entfernt, dort wo die U-Bahn überirdisch verläuft und ein wenig an den Broadway in Williamsburg in New York erinnert, wurde das Logo der "CGT Chômeurs rebelles" zusammen mit dem Spruch "Guerre aux chômage! Pas aux chômeurs" gesprayt. (Frei übersetzt: Krieg der Arbeitslosigkeit! Und nicht den Arbeitslosen!"). Eine klare Botschaft für alle Passant/innen - auch noch Wochen nach der Demonstration.

https://dl.dropbox.com/s/d7ucmilaj9muteg/cgt2.jpg?dl=0Bereits bei unserer Ankunft in Paris am Vortag sollten die Zeichen, die sich in den eben beschriebene Graffitis widerspiegeln, deutlich erkennbar sein. Die Zeichen, dass sich seit unserem letzten Besuch vor 3 Jahren die soziale Lage in Paris verschlechtert hätte, wurden schon am Bahnhof deutlich. Wir mussten eine längere Wartezeit in Kauf nehmen, da die RER B, die den Flughafen Charles de Gaule mit Paris verbindet, nicht zwischen Paris und CDG verkehrte. Gegen 5.30 Uhr in der Früh brannte eine Roma-Siedlung in der Nähe von Bourget, die direkt neben den Gleisen der Schnellbahnlinie angesiedelt ist, wobei Siedlung fast schon ein zu nobles Wort ist. Als wir vorbeifuhren, konnten wir mehrere kleine, dicht an dicht gedrängte Baracken aus Sperrmüllresten entdecken, die den vorbeifahrenden Pendler/innen und Tourist/innen mehr oder weniger die kalte Schulter zeigten. Dass es sich um Behausungen und nicht um irgendwelche Gartenschuppen handelte, verrieten improvisierte Schornsteine und kleine Sat-Schüsseln. Der Fahrbetrieb der RER B, die immerhin 870.000 Menschen am Tag befördern soll, wurde nur sehr zögerlich wieder aufgenommen. Als wir an der Brandstelle vorbeifuhren, konnten wir noch einige Feuerwehrleute sehen, die in ihren neongelben-blauen Jacken durch die Asche der ehemaligen Hütten stapften. Laut "Le Parisien" seien 500 Quadratmeter an Baracken abgebrannt. Kein Wort über Verletzte oder Tote. Die Zwischenstreifen zwischen Bahntrassen und sonstiger Infrastruktur scheinen die einzigen Bereiche zu sein, die nicht nur in Frankreich von der Allgemeinheit in Anspruch genommen werden können. In Portugal entstehen auf diesen Flächen entlang der Straßen und Schienen Gemeinschaftsgärten. Hier in der Nähe von Paris leben Menschen in Behausungen, die man durchaus als Favela oder Slum bezeichnen kann. In tu felix Austia sind diese Bereiche fest in der Hand von Schrebergärtner/innen, die ihren persönlichen Garten vorstadterprobt kultivieren. Der Eindruck entsteht, dass die Österreichischen Bundesbahnen mit der Schrebergartenpolitik früh erkannt hätten, dass es diese Flächen zu kontrollieren gilt. Dafür kann man sich ja ganz offizielle und legal um eine Parzelle bewerben und zahlt entsprechende Pacht - die übrigens meist auf 50 Jahre gewährt wird. Die rote ÖBB und ihre Schrebergarten. Klientelismus war schon immer eine Stärke der österreichischen Politik.

Die geschlossene Faust und "rebellische Arbeitslose" als rot weißes Pochoir auf die Straße gesprayt. Ein gutes Zeichen. Während sich die Gewerkschaft in Österreich vornehmlich als Vertretung jener sieht, die noch über einen Arbeitsplatz verfügen, ist dies in Frankreich ein wenig anders. Die CGT - die "Confédération générale du Travail", übersetzbar mit "Allgemeiner Gewerkschaftsbund" (man merke die Ironie!), ist eine der wichtigsten Gewerkschaften in Frankreich. Sie steht traditionell links. Daher verwundert es auch nicht, dass sie sich des Themas Arbeitslosigkeit aktiv annimmt. Seit 1978 gibt es den Zweig "CGT chômeurs" oder wie es offiziell heißt "CGT - Privés de Travail" (CGT - ohne Arbeit). Für den 6. Dezember 2014 riefen bereits zum 12. Mal Organisationen der Arbeitslosenvertretungen - neben der CGT auch die MNCP ("Mouvement National des Chômeurs et Précariés" - Nationale Bewegung der Arbeitslosen und Prekarierten) zu dieser Demonstration auf, die je nach Sichtweise zwischen 2000 und 8000 Menschen allein an der Place de Stalingrad versammelte. Die frankreichweit ausgerufene Demonstration stand unter dem Thema "Travail - Salaire - Dignité" (Arbeit, Gehalt, Würde) und war nicht nur der schlichte Ruf nach mehr Jobs und nach einem ordentlichen (Mindest)gehalt, sondern auch gegen weitergehende Verschlechterungen in der Arbeitslosenversicherung.

In Österreich vertreten die Rechte der Arbeitssuchenden einige wenige Organisationen, die im Vergleich zu den Gewerkschaften wahre Superleichtgewichte sind. Mir ist nicht bekannt, dass der ÖGB oder eine seiner Teilgewerkschaften aktiv Arbeitssuchende organisieren würde. Dabei gäbe es auch hier genug zu tun und gerade im November wurden seitens der ÖVP Diskussionen angestimmt, die zu weiteren Verschärfungen für die österreichischen Arbeitslosen führen können (Stichwort: "Zumutbarkeitsbestimmungen").

Bei unseren weiteren Streifzügen quer durch die sogenannte "Stadt der Liebe" fiel uns auf, dass unter vielen Bänken leere Glasflaschen herumlagen - vielleicht ein Relikt der weihnachtlichen Feiern, vielleicht aber auch ein Zeichen dafür, dass hochprozentige Trostspender hoch im Kurs stehen. Vor allem waren es viele große Flaschen - und nicht gerade die kleinen Fläschchen, die man oder frau im Supermarkt einkauft um dem überladenen Magen etwas Gutes zu tun. Neben zerschlissenen Matratzen, die immer wieder in Ecken von Bürogebäuden oder Hauseingängen zu sehen waren (Palais Tokyo, Bercy) und sogar einem alten Sofa, das auf dem Mittelstreifen des Boulevard Rochechouart (kurz vor Pigalle) herum stand, waren die leeren Gebinde ein starkes Indiz für eine Zunahme von Tristesse, Hoffnungslosigkeit und Armut. Dieser persönliche Eindruck wird durch einen Zeitungsartikel in der Online-Ausgabe des "Le Figaro" (12. 10. 2014) bestätigt. Der Artikel titelt damit, dass die Bürgermeisterin der Stadt Paris, Anna Hidalgo, ihre Beunruhigung über die steigende Armut und die Verschmutzung der Stadt nicht verstecken würde.

Die Organisation "Médecins du monde" versucht - ähnlich wie "Ärzte ohne Grenzen" - dort aktiv zu werden, wo die Not am Größten ist. Dabei setzt die Organisation auch einen Frankreichschwerpunkt und stellt Asylant/innen, Prostituierte, Roma und SDF ins Zentrum ihrer Aufmerksamkeit. Eine weitreichende Plakataktion in den Pariser Métros versucht aus der Stadt der Liebe, eine Stadt der Nächstenliebe zu machen. Dabei helfen Zitate von französischen Musikgrößen wie Maxime Forrestier, IAM und Serge Gainsbourg. Vor allem das Plakat mit "le gars qu’on croise et qu’on ne regarde pas ("der Typ an dem man vorbeigeht, ohne hinzusehen") bestätigt auf andere Weise, dass für viele Menschen schlechte Zeiten angebrochen sind. Das Gainsbourg-Zitat wurde unfreiwillig ein Leitmotiv für unseren Besuch in Paris. Nicht nur, weil es großflächig in den Metrostation plakatiert worden war.

Der 27. Dezember 2014 war nicht gerade dazu angetan sich weitgehend im Freien aufzuhalten. Nebel, Niesel und Nässe zwangen die Menschen ins Innere. Daher beschlossen wir in das "Forum des Halles" zu gehen, jenes Vorzeigeeinkaufszentrum, das für mich nach wie vor den Charme eines Luftschutzbunkers hat. Daran änderte auch die opulente, fluoreszierende Weihnachtsbeleuchtung nichts. Offensichtlich hat sich herumgesprochen, dass "les Halles" ein wenig abgenutzt sind und daher wird an der Oberfläche ein neuer Glas- und Stahlprachtbau hochgezogen und die Grünflächen werden ausgebaut. Im Eingangsbereich der "Halles" trafen sich Männer mit ihren Bierdosen und suchten ein wenig Schutz und Unterhaltung. Öffentliche Aufenthaltsräume ohne Konsumationszwang sind notwendig - auch in Paris. Nur scheint man in dieser Stadt, die immer wieder mit rigorosen Polizeieinsätzen für Schlagzeilen sorgt, relaxter mit der Thematik umzugehen. In einem schmalen Gang gegenüber dem Schwimmbad befinden sich Sitze, die zum kurzen Verweilen einladen. Einige Besucher/innen saßen dort und nutzten das kostenlose Internet. Nicht ungewöhnlich, da Einkaufszentren in vielen Städten ein wenig die Funktion von Sozialzentren übernehmen. Ein Herr nahm dort sein Frühstück ein (Toastbrot und andere Dinge, die sicher nicht von den gastronomischen Betrieben des Einkaufszentrums stammten), seelenruhig ohne Hektik und vor allem ohne, dass ein übereifriger sogenannter Sicherheitsmitarbeiter ihn einfach davonjagte. (Dies ist bemerkenswert, da wir mehrfach darauf hingewiesen wurden, dass wir bestimmte Innenhöfe etc. nicht betreten dürften.) Beim Ausgang zur Eglise St. Eustache saß ein junger Mann afrikanischer Herkunft, der in ausgesuchter Höflichkeit, die vorbeieilenden Passant/innen um einige Münzen bat. Da das "Forum des Halles" schnell besichtigt war, verließen wir trotz des schlechten Wetters das unterirdische Einkaufszentrum. Im Eingangsbereich von Saint Eustache saß eine Frau mit zwei Kindern. Die Kinder saßen auf einer Matte und hatten heißen Tee in weißen Plastikbechern vor sich stehen. Dazu Kekse - so genannte petits beurres. Auch die Frau hielt ihre verrunzelte, braune Hand auf und bettelte. Im Innern der Kirche bewegten sich weitere Tourist/innen; ein Klavier, das sicherlich bei der Weihnachtsmette oder am Weihnachtstag zum Einsatz gekommen war, wurde mit einigem Lärm und noch mehr Luftzug aus dem Halbdunkel der Kirche ins Hellgrau des Regentages hinaus geschafft. Die anderen Tourist/innen fotografierten die Krippe und gingen von Heiligenaltar zu Heiligenaltar. Sie schritten meist gemächlich, das Kinn in Richtung Decke gereckt, durch das Seitenschiff. In einer Ecke, im Schutz einer Säule saß ein einzelner Mensch, der schon bessere Zeiten gesehen hatte; genauso wie der Stuhl auf dem er saß. Die Stühle in der Kirche waren mit Holzlatten zu Sitzreihen fixiert worden. So wurde verhindert, dass die Sessel verschleppt wurden. Im Halbdunkel der großen Gotik- respektive Renaissancekirche war schwer auszumachen, ob es sich um einen Mann oder eine Frau handelte. Was man jedoch anhand der vielen prall gefüllten und leicht abgenutzten Einkaufssackerln erkennen konnte, war dass hier ein Mensch Schutz und Wärme suchte. Die Ironie der Geschichte ist, dass Saint Eustache seit jeher die Kirche der Händler/innen war, da sich an Stelle des "Forum des Halles" stets ein Markt befand. Als wir wieder aus der Kirche ins Tageslicht traten, bat die Frau mit den Kindern erneut um Geld. Die Kekse waren mittlerweile zerbrochen worden und schwammen im heißen Tee, der vor sich her dampfte. Es war ein harter Anblick, die Kinder bei einem derartigen Sauwetter im Kircheneingang sitzen zu sehen.

Der Sonntag brachte strahlenden Sonnenschein. Bei unserem Frühspaziergang über den sonnigen "Père Lachaise" - es hatte von Samstag auf Sonntag stark abgekühlt - waren, abgesehen von der Schnitzeljagd, die von einigen Besucher/innen veranstaltet wurde (die Grabsteine von Oscar Wilde und Jim Morrison liegen in der Gunst der Aufmerksamkeitsverteilung ganz weit oben) kaum Menschen auf dem Friedhof. Auf dem Besucher/innen-WC gewannen meine Frau und ich zwei unterschiedliche Eindrücke, was der Geschlechtertrennung der semi-öffentlichen Bedürfnisanstalt geschuldet werden musste. Auf dem Herren-WC war ein Mann gerade damit beschäftigt, sich mit einem mit Batterien betriebenen Rasierer zu rasieren. Dass es sich nicht um einen der Bediensteten des Friedhofs handelte, der sich nach durchzechter Nacht dienstfertig machen sollte, verrieten das Einkaufswagerl und die Art wie der Mann die Eingangstür per Spiegel im Auge behielt. Offenbar war ihm klar, dass er seine Morgentoilette nicht in absoluter Ruhe und Abgeschiedenheit verrichten könne. Vielleicht hatte er aber auch andere negative Erfahrungen mit Besucher/innen der Bedürfnisanstalt gemacht. Das Surren des Rasierapparates war laut und deutlich außerhalb der WC-Anlage zu vernehmen. Meine Frau berichtete ebenfalls von einem Mann unbestimmten Alters, der auf dem Boden des Damen-WC's sitzend, offenbar sein Frühstück zu sich nahm. Sie war erst der Meinung, dass es sich um die Reinigungsfachkraft der Anlage handelte. Wir fuhren wieder in die Stadt und beschlossen den Nachmittag in den Halles im Kino ausklingen zu lassen. Nicht nur, dass die WC-Anlage des Einkaufszentrums versperrt war (am Vorabend war sie es noch nicht), so bettelte ein jüngerer Mann mit Kind in den Halles, die auch am Sonntagnachmittag aufgrund des angeschlossenen Kinos sehr von Menschen angefüllt ist. Direkt neben dem Kino lagen zwei Männer offensichtlich bereit, sich für die Nacht einzurichten.

Kurz gesagt: Wir wurden fast an jedem Tag ein bis zwei Mal angesprochen, doch ein paar Münzen zu spenden. In der U-Bahn, an der Gare de l'Est, im Einkaufszentrum, bei Supermärkten - meist dort wo Menschen sind. Frauen bettelten mit Kindern. Improvisierte Konzerte in U-Bahnstationen und U-Bahngarnituren wurden uns ebenso zu Teil, wie stumme Menschen, die einfach nur die Hand aufhielten.

Wo Menschen nichts haben, werden sie erfinderisch. Die Armut ist in Paris sichtbar - sehr sichtbar sogar. Am Dienstag, 30. Dezember, dann die ersten Nachrichten von erfrorenen SDF - es war eine der ersten wirklich kalten Nächte des Winters. Wir saßen gerade beim Mittagessen in einem Bistro als die Nachricht, dass ein Obdachloser im XII Pariser Arrondissment an den Folgen der Kälte gestorben sei, verbreitet wurde . Am Abend des gleichen Tages - wir standen am Flughafen in der Schlange um unser Gepäck abzugeben - lasen wir auf einem Fernsehschirm, dass mittlerweile 5 Personen in Frankreich an den Folgen der Kälte gestorben seien. Am Vortag hatten wir unter der Charles-de-Gaule-Brücke bei einem Seine-Spaziergang noch eine kleine Zeltsiedlung erblickt - die so gar nicht dem romantisch-verklärten Bild des unter der Brücke lebenden Clochards entsprechen wollte.

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Paris, die Stadt der Liebe wird hoffentlich auch eine Stadt der Nächstenliebe sein... die Aufrufe in den U-Bahnen, die Äußerungen der Bürgermeisterin Hidalgo sprechen dafür. Hoffentlich wird der tragische Brand in der Romasiedlung sich nicht zu einem Flächenbrand ausweiten. Paris brûle-t-il? Noch nicht. Nur fällt mir meines Großvaters Spruch (der ursprünglich von Oscar Seifert stammte) ein : "Kinder, kauft euch Kämme! Es kommen lausige Zeiten..."

Artikel in Le Figaro

09:26 02.01.2015
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Neil Y. Tresher

Alle Angaben zu meiner Person sind Hörensagen mit Gewehr - äähm ohne Gewähr.
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