Stephan Eicher in concert: "Den Atelier"

Erlebnisaufsatz - 5 Jahre lang mussten Fans auf eine neue Platte von Eicher warten. Im Herbst 2012 war es dann so weit. Mit "L'Envolée" präsentierte Eicher sein neues Album in Luxemburg.
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Es war im Jahr 1994. Stephan Eicher spielte in der Sporthalle in Differdingen. Frisch im Gepäck hatte er nicht nur seine neueste Platte, sondern auch jede Menge Rock und Hardrock. Für mich, den gerade in der Pubertät steckenden, war Eichers Hinweis an das Publikum, doch nicht auf die kleinen Liebeslieder in Form von Präservativen zu vergessen, einfach nur... Es war die Zeit von „Des hauts, des bas“ und von einem nach wie vor beeindruckenden Live-Album „Non ci badar, guarda e passa.“

19 Jahre und einige Alben später. Eicher tritt in Luxemburg auf. Diesmal nicht in einer sogenannten Merkzweck,- und Sporthalle, sondern in einer recht feinen Konzertlocation namens „Den Atelier“, die es 1994 noch nicht gab.

Der Konzertbeginn war mit 21.00 Uhr festgelegt. Die Besucher/innen standen schon um 20.00 Uhr entlang der „Hollericher Strooss“ einen Häuserblock weit in der Schlange – "wie beim Arzt", wie meine Frau meinte. Um 20.00 Uhr sperrte „den Atelier“ auf und scheinbar musste man schon um 19.00 Uhr dort sein, um früh genug rein zu kommen und die besten Plätze zu okkupieren. Der Eintritt verlief - wider Erwarten - zügig und gut organisiert. Aus meiner langen Stadionbesuchserfahrung weiß ichm dass die Wartelogistik ein besonders heikler Punkt bei Großveranstaltungen ist. Die Wartenden konnten sich nach der Einlasskontrolle selbst belohnen: Mit Würstchen direkt im Hof der Location. Der Snack an besagtem Stand sollte bei den angesagten winterlichen Temperaturen (04. April 2013 Temperaturen knapp über dem Gefrierpunkt) keine Festivalstimmung aufkommen lassen. Der Autor möchte an dieser Stelle noch darauf hinweisen, dass der nun folgende Erlebnisaufsatz assoziative Einblicke in ein Konzert gibt. Die wiedergegebenen Ereignisse wurden gefiltert durch den Ansatz radikaler Subjektivität und fußen nicht auf gesicherten empirischen Daten von allgemeinem Ausmaß.

Aber zurück an den Tatort. Das Logo von „den Atelier“ erinnert ein wenig an das berühmte Anarcho-A, jedoch war das Publikum in keiner Weise als „anarchistisch“ zu bezeichnen. Gesetzte Damen und Herren mit Brillen sowie Mittel,- und Seitenscheiteln vermittelten einen gesitteten und bürgerlichen Eindruck. Mehrsprachigkeit – wie es nicht anders zu erwarten war – war angesagt: Letzebuergesch, Deutsch, Englisch und vor allem Französisch mischten sich zu einem babylonischem Sprachgemisch, das während des Konzerts noch durch die Songs in „Bernerdeutsch“ von Stephan Eicher ergänzt werden sollte.

Die frühe Anreise schien berechtigt. Ein Schwarm von Menschen strömte in die kleine, dreieckig angelegte Halle. Es gab nur Stehplätze - und jene auf der Tribüne wurden sofort in Beschlag genommen. Nach ersten Orientierungsschwierigkeiten pflanzten wir uns ans Ende der Hauptbar gleich neben den Notausgang. (Diese Information ist natürlich nur relevant für all jene, die "den Atelier" kennen.)

Meine Begleitung bestellte in perfektem Letzebuergesch „Zwee Minis w.e.g.“ („Zwei kleine Bier bitte“), die mit 3 Euro pro Becher plus 0,50 Euro Pfand natürlich auch bezahlt werden mussten. Immer mehr Menschen strömten langsam in die Halle. Das Ganze erinnerte mich an ein überdimensioniertes Klassentreffen; die Anwesenden waren alt genug um sich alterstechnisch jenseits von „La place des grands hommes“ (Patrick Bruel) zu befinden. Viele waren alt genug, um sich und ihren Nächsten im Leben nichts mehr vormachen zu müssen. Die meisten Zuschauer/innen waren alt genug, um jenen Sänger zu huldigen, der Anfang der Neunziger (die ja noch wenig von der Retroindustrie verwurstet wurden) die meisten in ihren ersten Liebeserfahrungen und dem ersten oder zweiten Beziehungsstress mit „Déjeuner en paix“ und "Pas d'ami comme toi" begleitete.

Ich nippte an meinem „Mini“ aus dem Plastikbecher und ein Hüne von einem Mann gesellte sich an meine Seite. An der Bar lassen sich eben die besten Bekanntschaften machen. Er trug die gleiche unwiderstehliche Kojak-Frisur wie ich und begann ein Gespräch. „Darf man hier nicht rauchen?“. Ich entgegnete: „Ich weiß es nicht, aber ich denke nicht. Ich sehe keine Aschenbecher.“ Er deutete mir, dass man ja auf den Boden aschen könnte. Ich verwies meinerseits auf den Holzboden. „Und außerdem, rauche ich nicht.“ „Ich auch nicht“ meinte meine Tresenunterhaltung. „Bei uns ist das sehr streng“, sagte er mit unüberhörbarem holländischen oder flämischen Akzent und fuhr munter fort, während er auf sein Bier wartete: „Komisches, kleines Land.“ „Das denke ich mittlerweile auch.“ antwortete ich sinnierend. „Bist du von hier“. „Ja, hier geboren, jedoch schon lange weg.“ Damit war das Gespräch zu Ende und mein neuer Kurzzeitfreund mit seinen beiden Getränken auch schon bald wieder in der Menschenmasse entschwunden.

Im Gegensatz zu den frostigen Temperaturen stiegen Spannung und Hitze in der Halle. Die Roadies hatten alles im Griff, vor allem die Nebelmaschine und ihre Wohlstandsbäuchchen. Irgendwie waren beide in ihrer standesgemäß schwarzen Kleidung in den 80er Jahren ebenso stecken geblieben, wie die aktuellen Modeerscheinungen rund um Jeggins und Geek-Sonnenbrillen. Der Soundcheck, ein paar lässig gespielte Akkorde, gehörte bereits zur Show. Es handelte sich aus meiner Sicht um ein wenig Animation für das schon seit fast einer Stunde wartende Publikum. Die Frisur des Bühnenmitarbeiters mit den langen Federn (Wienerisch: Haare) saß perfekt zusammen gehalten von der Sonnenbrille. Dies gehörte alles dazu. Die Minibühne war mit alten Boxen, Vogelhäuschen und sonstigen Gegenständen verbaut worden. Sie war ob ihrer Enge eine Herausforderung, wie es auch im Tour-Weblog von Eicher nachzulesen steht. Um die ersten fordernden Applauswellen zu besänftigen, gab es noch einmal kurz eine Einstimmung durch den eben beschriebenen Roadie: eine Gitarre, ein Akkord und ein Abgang.

Der Saal war nun bis auf wenige Plätze voll. Ein Paradies für Frotteure. Der Verdrängungswettbewerb um die besseren Plätze artete zu einem heimlichen Krieg der Ellbögen aus. Zumindest an der Bar. Meine Frau zog alle Register der Kunst um unser Territorium zu verteidigen. Mich nervt so etwas nur. Trotzdem mussten wir unseren Platz an der Bar vehement behaupten. Kurz vor Konzertbeginn wurde die Musik aus der Konserve merklich lauter und fordernder. „Das Model“ von Kraftwerk… „und wo bleibt der Eisbär“, fragte ich mich. Er sollte auch an diesem Abend wohl in der Grauzone bleiben, obwohl die Außentemperaturen um „Den Atelier“ von einem Eisbär als besonders kuschelig empfunden worden wären…Sie merken: Dies war nun der dritte Hinweis auf die nervige Kälte. (Das äußerst subtile Wortspiel von Eisbär und Grauzone ist natürlich den geneigten Leser/innen nicht entgangen...)

Taratata. Stephan Eicher von links. Der Jubel ging los. Ein Plattenspieler auf der Bühne führte in die Thematik des neuen Albums „L’Envolée“ ein. Eicher will mit der neuen Scheibe eine kleine Hommage an die gute alte Schallplatte leisten. Deshalb sind die meisten Lieder auch nur drei Minuten lang. Der Plattenspieler im Zentrum, immer wieder die gleichen Töne von sich gebend. Der Einstieg begann mit einem langen fließenden Klavierteppich und Eichers Stimme erhob sich zu „La relève“. Die ersten Songs gingen fast nahtlos ineinander, so als wollte Eicher das Publikum erst mit den neuen Liedern konfrontieren. Es folgten „Morge“ und „Exception“. Wie dem Tour-Weblog zu entnehmen war, fehlte Johan Renard auf der Violine. Dies hatte natürlich einige Auswirkungen. Vergleicht man Aufnahmen von anderen Konzertauftritten war der Luxemburger Gig sicherlich rockiger angelegt. Was Herrn Eicher, der gerne mit Arrangements und Versionen herumspielt, vielleicht gar nicht störte. Vor allem weil, wie er bemerkte, das Publikum sowieso eher die alten Sachen hören wolle. Auch wenn genau im neuen jazzigen, Folk-Rock-Material i.m.h.o. die neue/alte Stärke des Schweizers liegt.

Dennoch war es notwendig aus mehreren Gründen Altbewährtes mit in das neue Programm einzubauen. (1) Das neue Album ist sehr kurz und nicht abendfüllend. (2) die meisten Lieder erfordern ein genaues Hinhören. (3) das Publikum erwartet sich „Klassiker“. Diese sind verinnerlicht, verdaut und können ohne Schwierigkeiten wiedergekäut werden. Eicher reagierte sogar auf Zurufe. „Cendrillon après Minuit“ (Taxi Europa) wurde angespielt. Nach den ersten Zeilen empfand der Herr im schicken Anzug dies als eher schlechte Idee und schwang über – wenn ich das richtig mitbekam - zu den "Chansons bleues", also in die Anfangszeit von Stephan Eicher als Solokünstler.

Es folgte bald die obligate Vorstellrunde der Musiker – Hank Shizzoe ist mit von der Partie. Es wurde funky. Zu den Highlights des Abends gehörte aus meiner Sicht zweifelsohne das folgende Medley aus „Papa was a rolling stone“ und „Des hauts, des bas“ (Carcassonne). Genau dieses Arrangement zeigte, dass Stephane Eicher es auch immer wieder versteht seine eigenen Nummern neu zu arrangieren und dem Publikum somit Altbewährtes in neuem Gewand zu bieten. Dass somit jedes Konzert auf gewisse Weise "neu" wird ist natürlich beabsichtigt.

Nach „Hope“ war dies auch der einzige englischsprachige Titel an diesem Abend. Auf dem neuen Album gibt es weder ein Lied in Deutsch, noch in Englisch. In einem Interview mit dem „Républicain Lorrain“ meinte Eicher, dass er im Moment sehr skeptisch gegenüber den USA sei. Die Amerikaner gingen ihm mit ihren Kriegen auf die Nerven. Deshalb singe er nur mehr in Französisch und Bernerdeutsch. Einen Titel wie „Papa was a Rolling Stone“ mit ins Programm zu nehmen, ist da schon ein wenig ein Statement, vor allem wenn man weiß, dass das direkt Politische nicht der Stil von Eicher ist. Als „rolling stone“ bezeichnet man einen „Herumtreiber“. Beide Lieder ("Des hauts, des bas" und "Papa was a rolling stone") handeln von Vätern und somit von Söhnen, die wenig von ihren Vätern wissen. Eicher zieht also nicht nur im Arrangement, sondern auch inhaltliche Verbindungen. Und dann doch: "Ich mache keine Witze über das Schweizer Banksystem" ist gerade in Luxemburg zum Höhepunkt der Zypernkrise mehr als eine Ansage. Ein politischer Stephan Eicher? Aber sicher doch. Das Album habe keine agitativen Züge. Es sei aber ein zorniges Werk geworden, so Stephan Eicher in der NZZ. Der Zorn richte sich gegen die Umstände, gegen die Krise.

Aber bei einem Klassentreffen hat Politik sowieso nichts verloren und - wie klar sein dürfte - gehört das Agitieren nicht zu den Stärken von Eicher. Es ist schon eher eine von den Autoren seiner Texte, Philippe Djian, und noch vielmehr Martin Suter. Der Schweizer Autor lieferte seinerzeit mit „Business Class“ den perfekten sarkastischen Kommentar zum Gebaren in europäischen Vorstandsetagen. Dass Eicher auf "L'Envolée" klar Stellung bezieht, wurde von ihm bereits an mehreren Stellen und in den verschiedensten Interviews gesagt. Doch ist es nicht Eicher selbst, der die Texte zum Soundtrack gegen die Krise liefert. Einer der explizitesten Songs - „Disparaitre“ - wurde vom Franzosen Miossec geschrieben. Er spielt mit einem Vokabular aus dem Wortfeld des Konkurses und der Song lässt keine Zweifel darüber übrig, woher der Wind weht und wohin er viele von uns wehen wird. Auch wenn die Zusammenarbeit mit anderen (literarischen) Künstlern und vor allem mit Philippe Djian bereits an ein altes Ehepaar erinnert, das bald seine silberne Hochzeit feiern wird; in kaum einem anderen Album waren Autoren so präsent – so spürbar präsent – wie in „L'Envolée“. Vielleicht war auch dies eine Folge der "Concerts littéraires", die Djian und Eicher in den letzten Jahren zusammen gaben. Und Premiere: Auf dem Album ist Djian direkt zu hören („Elle me dit“). Schon allein aus den hier genannten Gründen ist Eicher kein klassischer Songwriter. Er lässt schreiben und konzentriert sich selbst auf die Musik und auf das Arrangement für seine Live-Auftritte inklusive (Selbst)Inszenierung mit Anzug, Krawatte und Schmäh. Eicher, der Conférencier in eigener Sache, der auch Zwischendurch Quizeinlagen veranstaltete. um das Publikum einzubinden. Alles in allem entsteht in der beschriebenen Arbeitsteilung sehr viel Gutes. Eicher steht für die Musik, anerkannte Literaten für den Text. Der Rest ist Kunst.

So wie „La Rivière“, sehr klavierlastig, das im Vergleich zu „Des hauts, des bas“ fast schon eine besinnliche Chill-Out-Nummer war.

Und wie bei jedem Klassentreffen gibt es dann irgendwann die Hymnen der Jugend, bei denen alle mitsingen,- und grölen können. Die erste dieser Hymnen war zweifelsohne „Pas d’ami comme toi.“ Das Publikum war dankbar, dass es endlich mit „Non, non, non“ einsteigen und mitsingen konnte und bei „Déjeuner en paix“, das Eicher in der gefühlten 40. Version kredenzte, wurde auch der oder die letzte Phlegmatiker/in im Publikum wach. Auch ich konnte mich des dreistimmigen Mitsingens (falsch, laut und mit Begeisterung) nicht entziehen, vor allem auch deshalb, weil Eicher die Nummer langsam zu einem rockigen Spektakel hochzog.

Der bereits angesprochene Philippe Djian war in „Tous les bars“ sehr präsent. Eicher nannte es eine „chanson pour femmes“; ich nenne es "quasi-feministisch". Achja, ich habe vergessen. Wir sind nicht politisch. Ein Hauch von „spoken word“ wehte durch die Halle und es scheint, dass diese Nummer ein direkter Output der langen gemeinsamen Arbeit in den „Concerts littéraires“ war. Der Text handelt – wie so oft bei Djian – von Männern und Frauen. Keine große Überraschung also. In diesem Fall jedoch eher von Frauen, die alleine und in Ruhe gelassen werden wollen, obwohl sie von Männern bedrängt werden…

Nach etwa 75 Minuten war Schluss – zumindest mit dem offiziellen Programm. Die Zugaben waren dann die bekannten alten „Hoadern“ wie man auf Wienerisch sagt. Das öfters geforderte „Tu ne me dois rien“, „Combien de Temps“ und natürlich „Hemmige“ in einer sehr ironischen Anlage rundeten das Konzert ab. Die abschließende Polonäse der 4 Musiker durch die ganze Halle war ein wunderbarer Abschluss. Das Klassentreffen war beendet. Schade. Bis zum nächsten mal. Hoffentlich früher.

Erlebnisaufsatz zu einem Konzert von Stephan Eicher mit Band am 04. April in Luxemburg in "Den Atelier".

00:03 06.04.2013
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Neil Y. Tresher

Alle Angaben zu meiner Person sind Hörensagen mit Gewehr - äähm ohne Gewähr.
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