Das Watt ist bald weg

Klimakrise Gerade endete der arktische Sommer – neue Zahlen zeigen, wie massiv der Mensch den Weltmeeren zusetzt. Die Lage ist dramatisch

In der Nordsee gibt es neuerdings Austern mit Migrationshintergrund. Crassostrea gigas, wie die Pazifische Auster mit wissenschaftlichem Namen heißt, ist eigentlich vor den Küsten Koreas und Japans zu Hause. Austernzüchter setzten sie erstmals Mitte der 1980er Jahre vor der friesischen Nordseeinsel Sylt in Drahtkörben im Wattenmeer aus. Damals glaubten die Züchter, das kalte Wasser der Nordsee genüge zwar für das Wachstum, nicht aber für die Fortpflanzung. Dann kam der Klimawandel.

„Seit 1962 ist die Jahresmitteltemperatur der Nordsee um 1,7 Grad gestiegen“, sagt Karen Wiltshire, Vizedirektorin des Alfred-Wegener-Instituts für Polar- und Meeresforschung (AWI) und Leiterin der Außenstelle auf Sylt. Es gibt jetzt beste Bedingungen für die Auster aus Asien. Ein defekter Drahtkorb und der Klimawandel genügten, um das Leben im Wattenmeer komplett umzukrempeln: Die aggressive Ausbreitung der fremdländischen Art verdrängt die einheimische Miesmuschel und bringt damit ganze Nahrungsketten in Gefahr. Denn heimische Enten oder Möwen ernähren sich von Miesmuscheln, die dicken, sperrigen Schalen der Pazifischen Austern können sie hingegen nicht knacken.

Der Mensch greift nicht nur rasant in die Natur über der Landmasse ein – er verändert durch sein Wirtschaften und Wirken auch dramatisch die Meere: Zu diesem Fazit kommt der neue Bericht des Copernicus-Meeresüberwachungsdienstes, den 150 Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler im Auftrag der Europäischen Kommission erstellt haben. Mit besorgniserregenden Ergebnissen: „Klimawandel, Umweltverschmutzung und Übernutzung haben eine nie da gewesene Belastung für den Ozean verursacht“, sagt Karina von Schuckmann, Leitautorin des „Ocean State Report“. So schmilzt das arktische Meereis zum Beispiel rapide: Zwischen 1979 und 2020 habe die Arktis eine Eisfläche verloren, die ungefähr sechsmal so groß wie Deutschland ist. Demnach geht das Meereis seit 40 Jahren um 12,89 Prozent pro Jahrzehnt zurück, die Fläche hat sich in dem Zeitraum also nahezu halbiert.

23 Grad in Grönland

Das Biotop rund um den Nordpol hat seine eigenen Gesetze – und die sind atemberaubend: Im arktischen Sommer scheint die Sonne ohne Unterlass, 24 Stunden Solarenergie jeden Tag, mehrere Monate lang. Erst Ende September beginnt wieder eine Art Nacht, die dann allerdings schnell anwächst, bis es 24 Stunden lang stockduster ist – was wiederum auch monatelang anhält. Natürlich heizt sich die Arktis auf, wenn die ganze Zeit Sonnenenergie das Meer erreicht. Doch das Meer hier ist mit Eis bedeckt, auf dem Ozean schwimmt also eine Art Spiegel, der viel von dieser Energie wieder ins All zurückschickt.

Allerdings hat die Klimaerhitzung die Durchschnittstemperaturen rund um den Nordpol bereits um etwa vier Grad angehoben. Zudem kommt es immer häufiger zu Wetterextremen, auch zu Hitzewellen wie in diesem Jahr: Anfang August wurde an einer Wetterstation in Nordost-Grönland ein neuer Temperaturrekord gemessen, in einem Gebiet, wo das Thermometer in normalen Jahren nur knapp über die Null klettert: 23,4 Grad Celsius. Und natürlich setzt diese Hitze dem „ewigen Eis“ zu.

Ende September zieht die Wissenschaft alljährlich Bilanz: In diesem arktischen Sommer schrumpfte die arktische Meereisbedeckung nach einer Erhebung des US-amerikanischen „National Snow and Ice Data Center“ (NSIDC) auf 4,72 Millionen Quadratkilometer. Die Messungen der deutschen Helmholtz-Einrichtungen kommen am Ende des Sommers auf eine arktische Meereisdecke von 4,81 Quadratkilometern. Das waren zwar 1,54 Millionen Quadratkilometer mehr als beim bisherigen Negativrekord 2012. Trotzdem aber war die Arktis in diesem September nur noch mit halb so viel Meereis bedeckt wie 1980. „Einschließlich dieses Jahres gab es in den vergangenen 15 Jahren die 15 niedrigsten Meereis-Ausdehnungen in der Arktis“, sagt Walt Meier, leitender Wissenschaftler des NSIDC.

Die Meereisbedeckung auf dem arktischen Ozean gilt als eines der 16 Kippelemente im weltweiten Klimasystem: Ist das Eis einmal verschwunden, reflektiert das darunterliegende dunkle Wasser viel weniger Sonnenenergie ins All zurück. „Eisflächen haben einen höheren Rückstrahleffekt als die dunklere Wasseroberfläche“, erklärt Christian Haas, Leiter der Sektion Meereisphysik am AWI. Das bedeutet: Ohne Eis gelangt mehr Sonnenenergie in den arktischen Ozean, wodurch sich das Wasser weiter aufheizt, was wiederum das auf dem Ozean noch schwimmende Eis weiter schmelzen lässt, wodurch noch mehr Sonnenenergie ins dunklere Wasser gelangt – ein Teufelskreislauf der Meereserwärmung. Eine Studie der Universität Cambridge kommt in Zusammenarbeit mit dem britischen National Meteorological Service zu dem Ergebnis, dass der Nordpol bereits Mitte der 2030er Jahre eisfrei sein könnte.

Mit Auswirkungen auch auf unser Wetter. Bestimmt wird das in Mitteleuropa maßgeblich vom Jetstream – zu Deutsch „Strahlstrom“ –, einem Höhenwind, der mit bis zu 540 Kilometern pro Stunde zwölf Kilometer über unseren Köpfen dahinpfeift (der Freitag 29/2021). Zum Vergleich: Hurrikan „Patricia“ brachte es 2015 in erdnahen Schichten „nur“ auf 345 Kilometer pro Stunde, die bis dato stärkste je gemessene Windgeschwindigkeit über dem Atlantik. Aber nicht nur die Geschwindigkeit des Jetstreams ist maßgeblich für unser Wetter, sondern auch die Wellenbewegung des Windes: Wie eine endlose Sinuskurve mäandert er von West nach Ost über die Nordhalbkugel. Seine Wellenbewegung schiebt die Hoch- und Tiefdruckgebiete weiter und bestimmt so Temperatur, Niederschlag und Sonnenschein bei uns.

Angetrieben wird dieser Höhenwind wie jeder andere von einer Temperaturdifferenz – in diesem Fall von der zwischen den Tropen und der Arktis. Weil sich der Nordpolarraum viel stärker erhitzt als die meisten anderen Weltgegenden, sinkt die Temperaturdifferenz zu den Tropen immer weiter. Und das schwächt den Jetstream. „Dieses Starkwindband gilt eigentlich als Motor für die Hoch- und Tiefdruckgebiete“, sagt die Meteorologin Verena Leyendecker. Sinkt die Temperaturdifferenz, wird der Antrieb geringer, deshalb „kommen die Hochs und Tiefs nicht mehr voran“, so die Expertin vom Dienst Wetter Online. Das sei beispielsweise ein Grund dafür gewesen, dass in diesem Sommer die Überschwemmungen an Ahr und Erft im Westen Deutschlands so verheerend waren.

Laut den Aufzeichnungen des US-amerikanischen National Snow and Ice Data Center gab es im August 2021 ein anderes Novum in der Arktis: Am höchsten Punkt des bis zu 3.300 Meter hohen grönländischen Inlandeises ging mehrere Stunden lang Regen nieder. Die Lufttemperaturen blieben dabei etwa neun Stunden lang über dem Gefrierpunkt. Nie schmolz im Juli und August mehr Eis auf Grönland als 2021, täglich bis zu rund acht Milliarden Tonnen.

Der grönländische Eisschild gilt ebenfalls als Kipp-Punkt: Oben auf dem Eisschild ist es wie auch bei uns in den Bergen kühler als weiter unten im Tal. Beginnen die obersten Schichten zu schmelzen, sinkt die kühle Oberkante des Gletschers nach unten, in immer wärmere Luftschichten, was das Tauen beschleunigt. Umkehren lässt sich der Prozess vom Menschen dann nicht mehr, weil es Eiszeit-Temperaturen bräuchte, damit der Eispanzer über lange Zeit wieder auf seine heutige Größe wachsen könnte. Würde allein der grönländische Eisschild schmelzen, stiege der weltweite Meeresspiegel um sieben Meter an. Man erinnere sich: Emden liegt nur einen Meter über dem Meeresspiegel.

Natürlich gerät als Folge dieser Veränderungen nicht nur die Lage am Nordpol durcheinander. „Kein Meer hat sich so stark verändert wie die Nordsee“, sagt Karen Wiltshire vom AWI. Das liege unter anderem daran, dass die Gezeiten den Lebensraum Nordsee besonders prägen. „Wenn der Meeresspiegel weiter steigt, werden wir kein Watt mehr haben“, warnt die Leiterin der Außenstelle Sylt. Ein höherer Wasserstand bedeutet, dass bei Ebbe weniger Flächen trockenfallen; langfristig kollabiert dann irgendwann das Ökosystem Wattenmeer.

Der Copernicus-Bericht bilanziert einen Meeresspiegel-Anstieg um 2,5 Millimeter pro Jahr im Mittelmeerraum, weltweit gibt es sogar Spitzen bis zu 3,1 Millimeter. Das mag nicht nach viel klingen, summiert sich aber schnell, etwa bei Sturmfluten: Die Autoren illustrieren das mit der Überflutung Venedigs im November 2019, als der Wasserstand in der Lagunenstadt auf bis zu 1,89 Meter anstieg.

Dorsche flüchten

„Wir messen, dass sich die Nordsee doppelt so schnell aufheizt wie die globalen Ozeane“, sagt Wiltshire, vermutlich weil die Nordsee relativ flach ist und viele Flüsse in sie münden. Einst typischen Arten wie dem Kabeljau ist es in Teilen der Nordsee längst zu warm geworden. Für seine Fortpflanzung braucht der Dorsch, wie er als Jungtier heißt, eine Wassertemperatur von um die drei Grad. Die findet er hier immer seltener und wandert deshalb nordwärts Richtung Polarmeer. Eine Untersuchung heimischer Fischarten in der Nordsee ergab, dass bereits die Hälfte vor dem wärmer werdenden Wasser flüchtet. Statt kälteliebender Speisefische wie Makrele oder Kabeljau finden die Nordseefischer zunehmend Sardellen oder Kalmare in ihren Netzen. Die Erwärmung der Ozeane könne in diesem Jahrhundert weltweit bis zu 60 Prozent aller Fischarten in Bedrängnis bringen, warnen Forscher in einer Studie.

Aktuell steuert die Menschheit den Planeten auf einem Pfad von 2,3 Grad Erwärmung bis 2100. Der Weltklimarat IPCC hatte gewarnt, dass bereits bei einem Temperaturanstieg um 1,5 Grad Celsius zwischen 70 bis 90 Prozent aller Korallenriffe weltweit verloren gehen, bei zwei Grad sterben 99 Prozent.

Wie dramatisch der Mensch die maritime Umwelt aufheizt, verdeutlichte ein Forscherteam um den Atmosphärenphysiker Lijing Cheng: Demnach haben die Ozeane bislang 93 Prozent jener Wärmeenergie absorbiert, die durch den menschengemachten Treibhauseffekt zusätzlich auf der Erde geblieben ist – die unvorstellbare Menge von 228 Zettajoule. Um diese Energiemenge anschaulich zu machen, rechneten die Forscher sie in die Energie einer Hiroshima-Bombe um: „Über die letzten 25 Jahre haben wir den Meeren die Wärme von 3,6 Milliarden Hiroshima-Atombomben zugeführt“, so Lijing Cheng.

Das entspricht etwa vier Hiroshima-Bomben pro Sekunde.

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06:00 19.10.2021
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