Baden gehen in Klagenfurt

Bachmannnpreis Nachtrag zum Bachmannpreis. Und wieder mal hat der falsche Text gewonnen, die Literatur-Literatur triumphiert. Aber stimmt das überhaupt noch? Und hat es jemals?
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Spätestens seitdem die Literaturszene auf den Rigorismus ihres einstigen Für- und Lautsprechers RR verzichten muss, hat sich das Genre der Pauschalkritik scheint’s Richtung Kärnten verlagert: Klagenfurt sei langweilig, bräsig, aus dem Leben gerutscht; epigonal-avantgardistisch; die Texte papiernen. „Ausgedachte, schlaue, verspielte Parasitär-Literatur“, liest man bei Rainald Goetz, einem der Urahnen der Leerausgehenden, der seitdem als Beweis für die Fehl-Prämierungen (und –nichtprämierungen) fungiert. Die Jury, heißt es, sei zu brav und dem Realitätsfernen und der sterilen Selbstreferentialität allzu zugetan, und wer lache, tue es mit Sicherheit nur unter seinem Niveau. Realismushaltige Texte wie der von Ronja von Rönne, dessen Nichtberücksichtigung bei der Preisvergabe hohe Wellen geschlagen hat, würden „lustlos abgebürstet“, befindet Georg Diez, dem ich ansonsten auch gerne mal zustimme. Allerdings scheint mir sein lustvolles Abbürsten des „Narkotisierungswettbewebs“ zeitlich etwas verrutscht zu sein.


Die Vorwürfe mögen mal gestimmt haben. In den 80ern? 90ern? 70ern? In Zeiten, in denen die Literatur noch die Literatur war vielleicht; ein Mitte-ständiges Kulturgut im besten, unabgenutzten Sinne; durch seine eingespielten Fehden befestigt. – Und alles in allem ein fast mehrheitsfähiger „feiner Unterschied“, dem man beim besten Willen nicht ansehen konnte, dass er dabei war, in die Bedeutungslosigkeit abzuflutschen.


Nun, da sie als randständig eingestuft ist und – laut Hubert Winkels – in dieser Randständigkeit auch ihre künftige Rolle und ihre Chance sehen soll, wäre es nicht nur sehr verblasen, noch das alte Rührstück von der zeitlosen, durch nichts zu erschütternden oder zu unterwandernden Hochkunst zu zelebrieren – es geschieht dies in Klagenfurt m.E. auch nicht.


Zwar muss man auch nicht alles ernst nehmen, was aus Klagenfurt selbst kommt – dass Burkhard Spinnen nahezu jeden Text darauf abklopft, ob er denn auch „zeitgenössisch“ sei, muss nicht zwangsläufig eine Abkehr von der „kalkulierten Kunst-Kunst“ bedeuten. Und auch das Votum Klaus Nüchterns, wonach das Humordefizit – nach der Prämierung des Textes von Kathrin Passig - behoben sei, kann eine Schwalbe sein, die keinen Jahreszeitenwechsel garantiert; gerade das einmalige Unterlaufen des Hehre-Kunst-Ernstes kann ausgleichs- oder kompensationshalber dazu führen, dass in den folgenden Jahren umso entschlossener der „Blutleere“ zugesprochen wird – erst recht wenn der Siegertext auch noch in den Verdacht gerät, er stelle eine Art klug gemachte Sabotage dar. Einer der Weltherrschaft zugetanen Gruppe wie der ZIA kann man gleich alles zutrauen. Zwar ist dieser Plan „ironisch“ – das zeigt sich recht nachdrücklich an dem Balken, der den Realisierungsstand anzeigen soll; was man, wenn man mag, als Quatschmathematisierungsantwort auf den allgemeinen Algoritmisierungswahn deuten kann -; aber das Leidige von Ironie ist ja, dass sie sich, jedes Mal, wenn sie aufs unironische Leben an sich trifft, von selbst de-ironisiert. Und dann kann es passieren, dass Iris Radish im Nachhinein über ihre eigene Begeisterung „not amused“ ist. Trotzdem würde ich lieber von einer Blutauffrischung als von Unterwanderung reden.


Jenseits dieser mal mehr und mal weniger ihr Klagenfurt-Tun selbst reflektierenden Aussagen - die Juroren wissen natürlich, was „außerhalb des Sendezentrums“ genörgelt wird -, sind in den letzten Jahren Rahmenveranstaltungen entstanden, die dem Ganzen etwas Familienfesthaftes, Gemütliches, Freundliches, Heiteres; fast möchte ich sagen: Daniela-Strigl-mäßiges beisteuern (ohne dass das Bemühen um eine textgerechte Beurteilung auf der Strecke bliebe und sich die allgemeine Entspanntheit auf jene Autoren, die durchgefallen sind, ausdehnen müsste – das Essen geht immer noch zum Mund und nicht umgekehrt).


So werden etwa bei Literaturcafé.de seit einigen Jahren, quasi als ausgleichende Gerechtigkeit, die beliebtesten Bachmannpreis-Juroren gekürt.

Und die bereits erwähnte ZIA veranstaltet eine nur bedingt klamaukige automatische Literaturkritik, bei der Plus- und Minuspunkte für z.T. recht entlegene Kriterien vergeben werden. Ein wesentliches Merkmal der nichtklamaukigen Kriterien: die Vermeidung von Literatur-Betriebs-notorischer Begleitsemantik und das Unterlassen entsprechender Posen. Speziell die Vorabfilmchen sind da Minuspunkt-anfällig: der schwarzen Rollkragenpullis gegenüber nicht abgeneigte Autor, beim Schreiben, womöglich noch rauchend, in sein schwenkbares Rotweinglas sinnierend oder in die Ferne schweifend; Auskunft gebend: wie zermürbend der tägliche Kampf mit den Wörtern sei, uswf.


Statt dass die Autoren baden gehen, kann man mit den Autoren baden gehen


Und das sind nur zwei Minierhebungen des Eisbergs: an dessen Bottom gibt es die vielen, sich vermehrenden Chats, die Klagenfurt-Touristen, die interessierten Laien, die sich alle paar Jahre wieder treffen und gemeinsam mit den Autoren und Juroren im angelegenen Wörthersee baden gehen und die günstigerweise im Sommer stattfindende Veranstaltung mit einem Hauch von Ferienatmosphäre überziehen.


Was dann auch auf den Rest der Republik (bzw. die Nachbarrepublik) abstrahlen kann: Ich selbst habe mal in Berlin bei einer Veranstaltung mitgewirkt, bei der es darum ging, den besten nichtprämierten Text zu prämieren (der Preis ging, soweit ich mich erinnere, an Jochen Schmidt; derweil die Prämie allerdings in Form einer neuen Bierlage den Prämierern zugutekam – klarer Fall von falscher Selbstreferentialität am falschen Ort).


Das Einzige, was noch im traditionellen Sinne Klagenfurthaft ist, ist offenbar das Grundsätzlichwerdenmüssen der Kritik. Was den Verdacht nährt, dass feuilletonerseits gelegentlich unter dem Niveau der im Wettbewerb selbst waltenden Kritik kritisiert wird – zumal jene wie gesagt die betr. externen Standpunkte kennt und im einen oder anderen Redebeitrag auch auf sie eingeht.


Aber vielleicht sind die vorhersehbaren Generalinvektiven auch nur Teil der Klagenfurtfolklore. Oder Marketingmaßnahme. Was literaturbetriebsintern befehdet wird, fliegt nicht lautlos wie eine Inka-Bause-Talkshow aus dem Programm. So suggeriert sich die Literaturszene wenigstens die Hoheit über ihr eigenes Verschwinden.


In diesem Sinne bitte mehr von: „Warum lesen eigentlich hauptsächlich nur noch Frauen?“ Oder: „Ist der Bachmannpreis eigentlich noch zeitgemäß?“ Wenn das Wer-schreibt-der-bleibt-Paradigma schon außer Kraft gesetzt scheint, dann sind derartige Pauschalfragen darauf vermutlich die beste Antwort.

12:02 31.07.2015
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Niklas Buhmann

Selbstironie ist die schlechteste aller Umgangsformen mit dem durch sämtliche Kränkungen zersetzten "Ich" - abgesehen von allen anderen.
Niklas Buhmann

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