Madame Zhou und der Fahrradfriseur

Landolf Scherzer auf Erlebnistour im Reich der Mitte. ´Wenn jemand eine Reise thut, so kann er was erzählen…´ das wusste schon Matthias Claudius (1740-1815) zu verkünden.
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Den wenigsten gelingt es, das Erlebte nicht nur zu erzählen, sondern darüber hinaus erfrischend und spannend erfassbar zu machen. Dem Schriftsteller und Publizisten Landolf Scherzer ist es gelungen.

Sein jüngstes Werk ´Madame Zhou und der Fahrradfriseur´ ist ein interessanter und informativer Reisebericht eines Langnasen in China, der sich unbedarft in dieses Land und seine Gesellschaft hinein katapultiert. Seine Erfahrungen und Erlebnisse versetzten ihn oftmals in ein Staunen, das er in dieser Intensität zuletzt als Kind erlebt hat: Auf dem gastierenden Rummel seines Heimatdorf in einem riesigen Zelt namens ´Die Wunder der Welt´.

Wer sich auf Land und Leute in China einlassen kann und will, der wird durchaus ´wundersames´ erleben und schnell begreifen, dass er nicht nur in einem anderen Land mit einer anderen Kultur unterwegs ist, sondern auch unterschiedliche Werte- und Verhaltenskodizes sowie Lebensweisen begegnen wird. Vieles erscheint fremd, in diesem Fremdheitsdenken und –fühlen widersprüchlich _ so ergeht es auch Landolf Scherzer. Aber wie es so schön heißt: Mit der Zeit wirst Du alles begreifen.

Diesen Satz durfte Scherzer während seiner 6-wöchigen Reise in und um Beijing oft zu hören bekommen. Seine Neugier und Aufgeschlossenheit ermöglichten ihm Gespräche mit einer Vielzahl von Chinesen und Einblicke in deren Welt, die manch ein jahrelang dort lebender Expat nie erfahren hat. Zu seinen quer durch alle Gesellschaftsschichten zählenden Gesprächspartnern gehören Unternehmer, Schriftsteller, Künstler, Restaurantangestellte, Haushälterinnen, Pförtner, Heiler, ein Tao-Priester, Wanderarbeiter, ein Mitglied der KPCH, Erzieher und Kinder eines Kinderheimes für Kinder von verurteilten Mördern und viele mehr, schließlich Madame Zhou, die sich für die Rechte der Wanderarbeiter einsetzt und natürlich der Fahradfriseur im Park. Mit diesen vielen Puzzlestücken erfasst Scherzer ein dichteres und vollständigeres Bild dieses riesigen, bevölkerungsreichen Landes als es üblicherweise in unseren Medien transportiert wird.

Ein weiterer Erzählstrang sind die sogenannten Expats, jene Ausländer aus den ´reichen´, westlichen Staaten, die in China einen neuen ´Lebensmittelpunkt´ fanden und finden. Die meisten von Ihnen sind Mitarbeiter und Leiter der in China produzierenden Unternehmen, die oftmals in einer gehobenen Parallelgesellschaft leben. Doch es gibt auch einige Deutsche, die in China einen Zufluchtsort fanden. Der Prominenteste unter ihnen ist sicherlich Uwe Kräuter, der bereits 1973 nach Beijing kam und so einer Haftstrafe in Deutschland wegen Widerstands gegen die Staatsgewalt und Landfriedensbruchs entging. Daneben Biographien der deutsch-deutschen Geschichte, die nach der Wende in der vereinigten BRD keine Zukunft und in China das ´Abenteuer eines unfreiwilligen Neuanfangs´ fanden. So z.B. Klaus Schmuck ehemaliger Mitarbeiter im DDR-Außenministerium oder Steffen Schindler, der letzte Militärattaché der DDR-Botschaft in Beijing und heute größter Hersteller für Thüringer Bratwürste in China.

Ich habe das Buch sehr gern gelesen und empfehle es allen, die Interesse und Neugier an China, seinen Menschen und dem chinesischem Leben aufbringen. Es ist ein MUST TO READ für all diejenigen, die dort leben oder schon einmal da waren und ein Anreiz für jene, die ihr kuscheliges ´Ghetto´ nie verlassen. Viele werden sich in Situationen der einen oder anderen Begebenheit und Erfahrung wiederfinden oder neue entdecken. Wie Madame Zhou plausibel resümiert:

´So viele verschiedene Geschichten, so viele verschiedene Antworten! Das ist China!´

Landolf Scherzer

Madame Zhou und der Fahrradfriseur

Aufbau-Verlag

20:26 21.01.2013
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Geschrieben von

Niko

Unsere Träume können wir erst dann verwirklichen, wenn wir uns entschließen, einmal daraus zu erwachen...Josephine Baker
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Niko

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