Ehejahre einer Kanzlerin

Yellow Press Wer Angela Merkels Erfolgsrezept in Gänze verstehen will, sollte Blättchen wie „frau aktuell“ oder „Freizeit Woche“ lesen
Ehejahre einer Kanzlerin
Ehe gleichzeitig kaputt und gerettet – Merkel kann man fast alles andichten. Darin liegt auch ein Geheimnis ihres politischen Erfolgs

Fotos: der Freitag

Zu den vielfach wiederholten Merksätzen über Angela Merkel gehört, dass sie in ihrer 16-jährigen Amtszeit stets eine „Teflon-Kanzlerin“ gewesen sei, an der diskursiv schlicht nichts haften bleibe. Genauer besehen erscheint die Sache jedoch komplexer. Zum einen ist es nämlich nicht einfach so, dass Merkel quasi-präsidial über dem politischen Betrieb schwebte und sich jeder Einordnung entzog. Vielmehr beherrschte sie ein intrikates Zurechnungsmanagement, das in der Regel zu ihren Gunsten ausfiel. Das Publikum vermochte ihr bei Erfolgen zu unterstellen, dass diese dank ihrer Sachkenntnis und strategischen Weitsicht zustande kamen, während sie gleichzeitig den Eindruck vermitteln konnte, dass Niederlagen und Fehler nicht wegen, sondern trotz ihr passierten. Oder anders gesagt: Merkel gelang es, für sich eine politische Hermeneutik des Wohlwollens in Anspruch zu nehmen, wodurch man ihr im Zweifelsfall abnahm, dass sie mit den von Andi Scheuer oder Horst Seehofer verantworteten Entscheidungen nichts zu tun hatte.

Die Teflon-Metapher scheint aber auch deshalb unzureichend, weil zum medienpolitischen Kapital der Kanzlerin eine spezifische Form der Authentizität gehörte: ein Habitus der Bescheidenheit, Bodenständigkeit und Uneitelkeit. Nun mag diese medial vermittelte Authentizität ebenso einem inszenatorischen Kalkül folgen, da Merkel darum wissen wird, dass bei ihren regelmäßigen Einkäufen in einem Supermarkt in Berlin-Mitte Handybilder von Umstehenden entstehen, die auf Facebook und Twitter das Porträt einer unprätentiösen Spitzenpolitikerin zeichnen, die Wein und Klopapier bisweilen noch selbst einkauft.

Blanke Lügen

Doch ganz gleich, ob darin nun Berechnung steckt oder nicht, entfaltet dieser Habitus der Bodenständigkeit seine Wirkung. Das erkennt man nicht nur daran, dass er in kaum einem journalistischen Merkel-Porträt unerwähnt bleibt, sondern man sieht es noch deutlicher, wenn man in die tiefsten Niederungen des Boulevards hinabsteigt, die mit dem Begriff des Journalismus nicht mehr adäquat zu fassen sind. Gemeint sind jene dünnen Blättchen wie frau aktuell, Freizeit Woche oder Neue Post, die im Zeitschriftenhandel zu Dutzenden nebeneinander aufgereiht liegen und auf den Titelseiten die immer gleichen, mit Ausrufezeichen versehenen Skandal- und Herzgeschichten von Schlagersängerinnen, Schauspielern und europäischem Adel anreißen, welche sich dann bei der Lektüre als abstruse Irreführungen oder blanke Lügen entpuppen.

In Bezug auf Angela Merkel ist jedoch nicht nur interessant, dass sie als eine der wenigsten Politiker:innen überhaupt regelmäßig in diesen Blättchen vorkommt, das mag man noch mit ihrer Bekanntheit und herausgehobenen Stellung erklären, sondern vor allem, wie sie dies tut. Denn so problematisch diese Postillen freilich auch sind, bekommen sie nicht nur dadurch publizistisches Gewicht, dass sie insbesondere von der wahlentscheidenden Ü-60-Generation „gelesen“ werden, sondern ihre obskure Machart entstellt auch ein wesentliches Erfolgsrezept Angela Merkels zur Kenntlichkeit. Nur lässt sich dieses vollends erst auf den zweiten Blick erkennen. Auf den ersten erscheint die Kanzlerin in dieser buchstäblichen Yellow Press zunächst mit denselben Themen wie Helene Fischer: Liebe, Krankheit, Arbeit.

Dass es bei dieser „Berichterstattung“ freilich nicht auf Tatsachen ankommt, zeigt sich exemplarisch schon daran, dass die Freizeit Woche am 23. Juni über die Kanzlerin titelte: „Ihr Mann ist weg! Ist sie bald die einsamste Frau der Welt?“ (Anlass: Joachim Sauer wurde in die Turiner Akademie der Wissenschaften aufgenommen), während am selben Tag Die Neue Frau mit der Schlagzeile aufmachte: „Ehe gerettet! Sie hat um ihre Liebe gekämpft – und gewonnen“ (Anlass: Sauer hatte Merkel zum G-7-Gipfel in Cornwall begleitet). Am 1. September titelte die Freizeit Woche wiederum: „Unheilbar krank? So schlecht geht es der Kanzlerin wirklich“ (Anlass: Sie leide angeblich an exzessivem Nägelkauen), während frau aktuell vom 4. September auf dem Cover vermeldete: „Endlich glücklich! Große Zukunfts-Pläne“ (Anlass: Im Ruhestand habe Merkel endlich einmal Zeit für sich).

Praktisch alle anderen Merkel-Schlagzeilen dieser Zeitschriften folgen einem ähnlichen Muster: „Überraschender Neu-Anfang“ (frau aktuell, 28.08.21), „Die Wahrheit über ihre Ehe (Freizeit Vergnügen, 14.09.21), „Alles aus! – Droht ihr jetzt ein Leben in bitterer Einsamkeit“ (Woche Heute, 28.10.20) oder „Bitteres Ende! Sie hat ihr Glück für die Pflicht geopfert“ (Neue Post, 20.01.21). Wird an diesen Geschichten zum einen deutlich, dass selbst die mächtigste Frau Europas auf ihre Rolle als Gattin reduziert wird, zeigt sich zum zweiten eine narrative Konstante darin, dass die Kanzlerin, ganz gleich, ob nun von vermeintlicher Zweisamkeit oder Trennungsschmerz die Rede ist, sich auf der Suche nach dem kleinbürgerlichen Glück befindet.

Sucherin des kleinen Glücks

Denn unabhängig davon, ob vermeintliche Eheprobleme oder „jede Menge Stress und Überstunden“ (Freizeit Vergnügen) die Kanzlerin quälen, besteht der erzählerische Fluchtpunkt fast all dieser Berichte in der existenzialistischen Vision eines biedermeierlichen Schrumpfkonservatismus, wonach Lebensglück sich aus der Kombination von Ehe und gemütlicher Überschaubarkeit ergibt. Mag die geopolitische Nachkriegsordnung zerfallen oder die Klimakatastrophe heraufziehen, man wünscht sich vor allem, dass Merkel „mit Ehemann und Freunden ein Glas Wein im idyllischen Ferienhaus in der Uckermark ohne Termindruck genießen“ kann (frau aktuell) oder „Zeit [hat], neue Rezepte auszuprobieren“ (frau aktuell).

Dass Boulevardzeitschriften derlei biedermeierliche Fantasien pflegen, mag an sich nicht sonderlich überraschen, erfüllt in Bezug auf Merkel dann aber doch eine nicht unerhebliche Funktion. Denn im Gegensatz zu Helmut Kohl und Gerhard Schröder, die ihre vermeintliche Bodenständigkeit ostentativ am Wolfgangsee oder in Kleingartenanlagen in Szene setzten, hat Merkel sich dieser medienwirksamen Form der halb-privaten Tuchfühlung verweigert. Dass die Kanzlerin, die biografisch und persönlich stets eine Herausforderung für den männerbündlerischen BRD-Konservatismus war, vom Ü-60-Boulevard dennoch einen Nimbus kleinbürgerlicher Hausfrauen-Solidität verliehen bekommt, ist aus geschlechterpolitischer Perspektive freilich fatal, aus christdemokratischer Binnensicht indes eine Art publizistisches Geschenk.

Roger Willemsen bemerkte 2014 einmal, Angela Merkel sei „die Transposition von Helene Fischer auf die Politik“. Ähnlich wie Deutschlands Schlagerqueen stehe die Kanzlerin für eine Form der permanenten Unschärfe, die durch totale Reibungslosigkeit einer Depolitisierung der Verhältnisse Vorschub leiste. Daran ist sicher einiges richtig, was sich nicht zuletzt daran zeigt, dass die Coverzeilen des Rentner-Boulevards in puncto Helene Fischer und Angela Merkel bisweilen austauschbar scheinen. Aber abgesehen davon, dass der viel zu früh verstorbene Willemsen dieses Urteil angesichts von Merkels Agieren in der Flüchtlingskrise womöglich revidiert hätte, scheint die Sache im Grundsatz auch dialektischer.

Merkel konnte ihren vergleichsweise disruptiven Kurs in puncto Migrations- oder Atompolitik gegen parteiinterne Widerstände ja nicht zuletzt auch deshalb durchsetzen, weil ihre persönlichen Zustimmungswerte stets so hoch blieben. Und das hing wiederum damit zusammen, dass ihre persönliche Unschärfe nicht einfach Konturlosigkeit war, sondern vielmehr als eine Art identitätspolitischer Gemischtwarenladen funktionierte. Während die einen in ihr eine christdemokratische Quasi-Feministin erkannten, vermochten andere in ihr eine Sucherin des kleinen (Ehe-)Glücks sehen. Insofern trugen frau aktuell und Co. auf eigentümliche Weise zum vielleicht zentralen Erfolgsgeheimnis Angela Merkels bei: ihrer Wahrnehmung als One-Woman-Volkspartei.

Nils Markwardt ist Leitender Redakteur beim Philosophie Magazin

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06:00 22.09.2021
Geschrieben von

Ausgabe 38/2021

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