Theorie für die Praxis

Ideen Kapitalismuskritik ist heute oft so zahnlos, weil sie über die Analyse von Missständen nicht hinauskommt. Zwei neue Denkrichtungen wollen das nun ändern
Nils Markwardt | Ausgabe 34/2016 8

Es scheint paradox: Einerseits war Kapitalismuskritik noch nie so verbreitet wie heute. Finden laut einer repräsentativen Umfrage der Friedrich-Ebert-Stiftung derzeit 82 Prozent der Bundesbürger, dass die soziale Ungleichheit zu groß sei, kann es etwa kaum verwundern, dass man mittlerweile in jeder Bahnhofsbuchhandlung Regalmeter sozialkritischer Literatur findet. Dennoch haben Finanz- und Eurokrise nicht zum verteilungspolitischen Paradigmenwechsel geführt. Im Gegenteil: Der neoliberale Dreiklang aus Deregulierung, Flexibilisierung, Prekarisierung wurde in Griechenland, Spanien und Portugal, zuletzt auch durch die Arbeitsmarktreform in Frankreich noch weiter verschärft.

Woher kommt also dieser offenkundige Widerspruch zwischen Denken und Handeln? Eine Erklärung lautet, dass dieser Widerspruch in Wahrheit gar keiner ist. Denn gerade weil die Kritik so omnipräsent ist, ist sie auch so stumpf. Im Angesicht einer globalen Superstruktur des Kapitals, in der per Hochfrequenzhandel in Nanosekunden Milliarden von Euro verschoben werden, gerät sie zur leeren Ersatzhandlung, zur symbolischen Kompensation praktischer Impotenz.

Der Wille zur Zukunft

Seit einiger Zeit etablieren sich jedoch zwei neue Denkrichtungen, die daran etwas ändern wollen. Das ist zum einen der Akzelerationismus. Hier ist der Name, der sich vom lateinischen acceleratio, Beschleunigung, ableitet, Programm. Denn dieser will den Kapitalismus mit seinen eigenen Waffen schlagen. Das heißt, den technosozialen Fortschritt nicht bremsen, sondern befeuern. Das bedeutet zunächst, so sagen die britischen Theoretiker Nick Srnicek und Alex Williams in einem Manifest, welches 2013 vom österreichischen Philosophen Armen Avanessian auf Deutsch herausgegeben wurde, dass die zeitgenössische Kritik mit zwei Dingen Schluss machen muss.

Zum einen mit jenem selbstgenügsamen Fatalismus, der Weltschmerz schon für eine politische Haltung hält. Zum anderen mit jenem „neo-primitivistischen Lokalismus“, der glaubt, man könne dem globalen Kapital mit Gemeinschaftsgärten zu Leibe rücken. Anstatt also in Selbstbespiegelung zu versumpfen oder „provisorische Kleinst-Räume für nicht-kapitalistische Sozialbeziehungen zu errichten“, müsse es darum gehen, „die Errungenschaften des Spätkapitalismus zu bewahren und zugleich weiter zu gehen, als es sein Wertesystem, seine Regierungsgewalt und seine Massenpathologien erlauben“. Anders gesagt: Der Akzelerationismus richtet sich nicht gegen Rationalisierung, Effizienz oder Hierarchien. Im Gegenteil: Der „Wille zur Zukunft“ könne sich nicht dadurch entfalten, dass man die Uhr zurückdrehe, sondern nur dadurch, dass buchstäblich eine neue Zeitrechnung beginne. „Die materiellen Plattformen von Produktion, Finanzwesen, Logistik und Konsum können und müssen für postkapitalistische Zwecke neu programmiert und umformatiert werden.“

Abgesehen von Andeutungen, etwa der Schaffung einer „intellektuellen Infrastruktur“, die mit den straff organisierten Netzwerken des Neoliberalismus mithalten könne, lassen Srnicek und Williams indes offen, wie ihr Postkapitalismus genau aussehen solle. Das mag auch ein Grund sein, warum die Theorie bis dato eher in künstlerischen, weniger in gesellschaftspolitischen Zusammenhängen aufgenommen wurde.

Beim Konvivialismus wird es da schon konkreter. Ausgehend von einem Kolloquium im Jahre 2010 erschien 2013 unter der Federführung des Soziologen Alain Caillé ein von rund 40 französischsprachigen Intellektuellen formuliertes Manifest, welches ein Jahr später vom Soziologen Frank Adloff und Politikwissenschaftler Claus Leggewie auf Deutsch herausgegeben wurde.

Hier ist der Name ebenfalls Programm. Er leitet sich vom lateinischen con-vivere ab, sodass folglich die Frage nach einer neuen Form des Zusammenlebens im Zentrum steht. Und auch wenn der Konvivialismus sich in vielen Punkten vom Akzelerationismus unterscheidet, zuvorderst darin, dass er auf eine Ethik der Begrenzung, nicht der Beschleunigung abzielt, teilt er die Prämisse, dass ein Denken, das wirklich Veränderung will, die Lust an der Negativität überwinden muss. Genauer: Es muss auch eine Idee des Guten formulieren.

Das Manifest, das auch von bekannten Denkern wie Eva Illouz, Chantal Mouffe oder Axel Honneth unterzeichnet wurde, versucht dem dadurch gerecht zu werden, dass es nicht nur die drängendsten Probleme der Gegenwart auflistet, vom Klimawandel über die Kluft zwischen Arm und Reich bis zur zunehmenden „Verbreitung krimineller Untergrundorganisationen und immer gewalttätigerer Mafiagruppen“, sondern auch Möglichkeiten des Wandels aufzeigt.

Das zeigt sich einerseits in einer Reihe von konkreten Forderungen, etwa der Einführung von Mindest- und Höchsteinkommen oder der Gründung einer Organisation der Weltzivilgesellschaft, andererseits aber vor allem auch in der Betonung des Prinzips der Gabe. Bei diesem handelt sich indes nicht nur um bloße Philanthropie, wie man sie von Bill Gates oder Warren Buffett kennt. Der zeremonielle Austausch von Gaben, so hatte es der französische Ethnologe Marcel Mauss bereits in seiner 1924 erschienenen Studie Die Gabe beschrieben, ist nämlich eben nicht asymmetrisch, sondern folgt der Logik der Gegenseitigkeit. Sie setzt, so Frank Adloff, einen „Zyklus von Geben, Annehmen und Erwidern“ in Gang. Die Gabe ist nie einfach nur stilles Geschenk. Sie lässt sich nicht einfach ignorieren, provoziert stets eine Reaktion. Das weiß jeder, der an Weihnachten schon mal vor der „Wir schenken uns nichts“-Problematik stand.

Weder Staat noch Markt

Die Gabe ist also nicht nur selbstlos, sondern „paradoxerweise obligatorisch und frei, eigennützig und uneigennützig“. Als eine Form des Austauschs, die weder staatlichem Zwang noch der Marktlogik gehorcht, stiftet sie Kooperation, ohne Konkurrenz zu verneinen. Und funktioniert sie deshalb nicht nur innerhalb bestehender Gemeinschaften, sondern auch zwischen Fremden, erkennt Politikwissenschaftler Claus Leggewie in der Konvivalität etwa auch ein realpolitisch überaus wirksames Prinzip internationaler Beziehungen.

Das macht schließlich noch mal ein zentrales Anliegen des Konvivialismus deutlich. Er verschiebt, so Frank Adloff, nämlich „die Aufmerksamkeit von Haltungen auf Handlungen“. Sprich: Er versteht sich als Theorie für die Praxis. Dennoch mag man sich freilich fragen, was solche Manifeste am Ende tatsächlich bringen. Sind sie nicht bloße Funksignale aus dem Elfenbeinturm, ein Schaulaufen der schönen Begriffe, das mit der nächsten Theoriemode vergessen sein wird?

Das lässt sich natürlich nicht ausschließen. Doch im Fall des Konvivialismus gibt es in Frankreich bereits NGOs, die sich auf die Denkrichtung berufen, etwa das zivilgesellschaftliche Netzwerk Les Etats Généraux du Pouvoir Citoyen, an dem unter anderem auch Attac beteiligt ist. Zudem ist nicht zu unterschätzen, welche performative Kraft positive Leitbegriffe entfalten können. Bisweilen sind erst sie es, die ein gemeinschaftliches Handeln ermöglichen, die etwa Postwachstums- und Ökologie-Bewegungen einen gemeinsamen Handlungsrahmen liefern. Oder wie es der Sozialpsychologe Kurt Lewin einmal formulierte: „Nichts ist so praktisch wie eine gute Theorie.“

Info

#Akzeleration Armen Avanessian (Hg.) Merve 2013, 96 S., 10 €

Das konvivialistische Manifest Frank Adloff, Claus Leggewie (Hg.) Transcript 2014, 80 S., 7,99 €

Konvivialismus. Eine Debatte Frank Adloff, Volker M. Heins (Hg.) Transcript 2015, 264 S., 19,99 €

06:00 29.08.2016
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