Wer spaltet hier?

Debattenkultur „Identitätspolitik“ ist auch in linken Kreisen zum Schimpfwort geworden. Die Kritik geht völlig fehl
Wer spaltet hier?
Wem gehören denn diese priveligierten Locken?

Fotos: Lua Ribeira / Magnum Photos / Agentur Focus

In besonders hitzigen Debatten offenbart sich eine Dialektik der Aufregung: Je zuverlässiger man sich über eine Sache empört, desto eher gerät sie aus dem Blick. Oder anders gesagt: Wo Kritik zu reflexhafter Routine wird, löst sie sich zunehmend von ihrem eigentlichen Gegenstand. Besonders gut lässt sich das anhand der anhaltenden Kontroverse um die Identitätspolitik beobachten. Letztere firmiert bei ihren – auch linken – Gegnern nämlich meist nur noch als Chiffre, unter der eine ganz Reihe von amorphen und karikaturesk überzeichneten Vorwürfen verbucht wird. Der Kampf um Anerkennung durch Minderheiten sei demnach die narzisstische und gefühlsduselige Obsession einer Linken, die mit ihrem Insistieren auf gruppenspezifische Besonderheiten nicht nur ein universelles Projekt der Emanzipation verunmögliche, sondern mit seinem Tribalismus auch die demokratische Debattenkultur zerstöre.

Der Vorwurf, dass Identitätspolitik eine symbolpolitische Spiegelfechterei sei, von der Menschen sich nicht nur buchstäblich nichts kaufen könnten, sondern diese Fechterei auch noch den klassenpolitischen Kampf um Umverteilung konterkariere, ist jedoch schon aus historischer Perspektive merkwürdig. Im weiteren Sinne waren Identitäts- und Klassenpolitik ja schon immer zwei Seiten der gleichen Medaille. Allen voran die Arbeiterklasse: sie war ja nie einfach da. Im Gegenteil. Zunächst war die Arbeiterschaft, so zeigte etwa Patrick Eiden-Offe in seinem Buch Die Poesie der Klasse - Romantischer Antikapitalismus und die Erfindung des Proletariats, ein „buntscheckiger“, also ökonomisch wie kulturell überaus diverser Haufen aus Vorarbeitern, Tagelöhnern und Näherinnen.

Damit aus der „Klasse an sich“ (Marx) eine „Klasse für sich“ werden konnte, brauchte es eine identitätspolitische Offensive aus Flugschriften, Zeitungen, Liedern, gewerkschaftlichen Aktionen und Arbeiterbildungsheimen. Klassenkampf hieß nämlich – das zeigte der Historiker Edward Palmer Thompson 1963 in seiner Studie The Making of the English Working Class – nicht nur Kampf um höhere Löhne und politischen Einfluss, sondern ebenso um Anerkennung und Sichtbarkeit der eigenen Malocherkultur. Mehr noch: Diese Schaffung einer spezifisch proletarischen Identität, die von bürgerlicher Seite ja stets mit dem Vorwurf des Verrats „am Vaterland“ begleitet wurde, war geradezu die Voraussetzung, um überhaupt als politisches Subjekt auf die historische Bühne zu treten und entsprechende Rechte einzufordern.

Keine Privilegien, kein Schutz

Damals wie heute war die selbstbewusste Betonung der gruppenspezifischen Differenz nötig, um selbige zukünftig überflüssig zu machen. Sprich: Die proletarische Identitätspolitk richtete sich gegen jene bürgerliche Kultur, die zwar selbst auch nur einen spezifischen Habitus repräsentierte, aber eben über die politische Macht verfügte, diesen als „normal“ zu setzen. In einer gerechteren Gesellschaft wäre die Betonung der proletarischen Identität dementsprechend weniger nötig.

Nun drehen sich die heutigen Identitätspolitik-Debatten nicht mehr – nur – um die Anerkennungsbedürfnisse von Arbeiter*innen, sondern vor allem um jene von People of Colour, Homosexuellen, Trans-Menschen, Frauen, Migranten oder Muslimen. Das hat paradoxerweise auch mit dem relativen Erfolg der alten, proletarischen Identitätspolitik zu tun. Diese formte ein klar umrissenes Bild vom Arbeiter: weiß, männlich, heterosexuell, in der Fabrik oder in der Zeche arbeitend. Ein Bild, das bis heute medial nachwirkt. Denn während dieser Tage – völlig zu Recht – viel über die Schicksale von Stahlarbeitern im Rust Belt oder Kumpeln in der Lausitz debattiert wird, finden migrantische Putzfrauen, Paketboten oder Angestellte in der Solarbranche, in der durch Kürzungen von Fördergeldern zuletzt nahezu lautlos zehntausende Jobs weggefallen sind, viel weniger Aufmerksamkeit.

Hatte also nicht nur die bürgerliche, sondern auch die proletarische Kultur ihre annerkennungstheoretisch blinden Flecken, war das ja auch einer der Gründe, warum sich in der Post-68-Zeit schwarze, feministische oder homosexuelle Gruppen von der klassischen Industrielinken oftmals nicht mehr ausreichend vertreten fanden. Zumal solch eine Repräsentationslücke ja eben nicht „nur“, wie von Kritikerinnen der Identitätspolitik so gerne behauptet wird, eine Frage der Symbolik ist. Fehlende Anerkennung und fortlaufende Diskriminierung sind stets mit sehr materiellen und physischen Folgen verbunden. Nicht im Besitz bestimmter Privilegien zu sein, macht verwundbar. Es lässt einen tendenziell schwieriger Jobs und Wohnungen finden, setzt einen vermehrt der Gewalt aus und versagt einem die volle Selbstbestimmung über den eigenen Körper. Oder wie es die kürzlich verstorbene Schriftstellerin Toni Morrison in Bezug auf den Rassismus formulierte: „Die sehr ernste Funktion des Rassismus ist die Ablenkung. Es hält dich davon ab, deine Arbeit zu tun. Es lässt dich immer wieder erklären, warum du so bist.“

Vor diesem Hintergrund offenbart sich Identitätspolitik, so bemerkte die Soziologin Silke van Dyk, eben nicht als bloßer Partikularismus, sondern als „rebellischer Universalismus“, der aufgrund eigener Diskriminierungserfahrungen darauf insistiert, dass das vorgeblich Allgemeine in der Alltagspraxis eben noch allzu oft das weiße, heterosexuelle Männliche ist. Dementsprechend erscheint auch der Vorwurf, die Identitätspolitik sei spaltend geradezu paradox. „Spaltend sind nicht die sozialen Bewegungen“, so van Dyk, „die den real existierenden Universalismus als Produkt partikularer Interessen enttarnen, gebunden an die mit weißer Männlichkeit verbundenen Privilegien. Spaltend sind diejenigen, die diese Privilegien im Namen der Universalität verteidigen.“

Folglich geht auch der zweite große Vorwurf an die Identitätspolitik, sie sei eine Art Neotribalismus, fehl. Wer aufgrund seiner Hautfarbe, sexuellen Orientierung oder seines Glaubens angegriffen wird, muss sich eben auch in Bezug auf diese Merkmale verteidigen. „Menschen“, bemerkten die Literaturwissenschaftlerin Andrea Geier und die Soziologin Paula-Irene Villa jüngst im Magazin Republik, „die aufgrund von Gruppenzuordnungen von bestimmten Rechten ausgeschlossen werden, können und konnten historisch diese Rechte nur fordern, indem sie diese für ihre Gruppe einforderten.“

Zumal eben diese Gruppen, von black lives matter bis zur Homosexuellenbewegung, die ökonomischen und sozialen Folgen ihrer Ausgrenzung in der Regel ja auch mitthematisieren und ebenso Koalitionen in anderen politischen Fragen eingehen. Das war historisch schon immer so. Während die Streiks der britischen Bergarbeiter in den 1970er und 1980er Jahren wenig Unterstützung anderer Gewerkschaften erhielten, waren es vor allem feministische, Schwulen- sowie Lesben-Gruppen, die den Kumpeln jene Solidarität zukommen ließen, die etwa auch die Rahmenhandlung des Spielfilms Pride von 2014 bildet.

No dreadlocks, no cry

Richtig ist aber auch: Die eingangs erwähnte Dialektik der Aufregung gilt ebenso für die Identitätspolitik selbst. Auch sie läuft bisweilen Gefahr, den Gegenstand ihrer Kritik aus den Augen zu verlieren und die Betonung der Differenz nicht als Voraussetzung ihrer zukünftigen Auflösung, sondern als bloßen Selbstzweck zu verstehen. Beispielsweise kann die Formel von „den alten, weißen Männern“ zum bloßen Reflex werden, der an die Stelle der Analyse konkreter Machtverhältnisse tritt. Ebenso vermag die Kritik an der „kulturellen Aneignung“, also etwa der Tatsache, dass weiße Europäer Dreadlocks tragen, einer gefährlichen Re-Essentialisierung des Kulturbegriffs Vorschub leisten.

Keine Frage, dass sich gewisse Übersteurungen der Debatte kritisieren lassen, unverständlich wirkt aber die bei nicht wenigen Linken vorherrschende Ablehnung, diese mit der Sozialpolitik zusammenzudenken. Zumal es keine strategischen Fallstricke gibt, beide nicht als zwei Seiten der gleichen Medaille zu begreifen. Das zeigen Bernie Sanders und Alexandra Ocasio-Cortez in den USA, bei denen Forderungen nach besserer betrieblicher Mitbestimmung und höheren Löhnen ganz selbstverständlich mit der Kritik an der Diskriminierung von Minderheit zusammengehen. Umso rätselhafter, dass sich die hiesige Linke nun seit Jahren über das Thema Identitätspolitik zerfleischt.

Nils Markwardt ist leitender Redakteur beim Philosophie Magazin

06:00 28.08.2019
Geschrieben von
Aboanzeige Artikel Aboanzeige Artikel

Kommentare 16