Vom Haschrebellen zum Thekenhelden

Stadtguerilla Blicke in die Lebenserinnerungen des Gründungsmitglieds der "Bewegung 2. Juni" Norbert „Knofo“ Kröcher
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Vom Haschrebellen zum Thekenhelden
Fahndungsfoto des mutmaßlichen Terroristen Norbert Kröcher, aufgenommen im Dezmeber 1974

Foto: dpa/picture-alliance

Der frühere Haschrebell und militante Aktivist Norbert „Knofo“ Kröcher legte auf eine persönliche Zuschreibung besonders viel wert: er will immer „Anarchist“ geblieben sein. Nun ist posthum der erste Band seiner umfangreichen Autobiografie unter dem Titel „K. und der Verkehr. Erinnerungen an bewegte Zeiten“ im Berliner Basisdruck Verlag erschienen.

Der Poet und Schankwirt Bert Papenfuß aus dem Prenzlauer Berg hat das Rohmaterial Kröchers literarisch in Form gebracht. Der Charme des „proletarischen Schreibstils“ sei dabei nicht verlorengegangen, betont Papenfuß. Ein Mix aus Roadmovie und Sex&Crime-Stories erwartet die zugeneigten Leser*innen. U- statt E-Literatur. Kröchers 500-Seiten-Wälzer ist ein Unterhaltungsprogramm eines Ex-Militanten: ohne Analyse-Klimbim, ohne Überbaukonstruktionen.

Finaler Schuss

Kröcher wählte aufgrund eines nicht mehr therapierbaren Lungenkarzinoms den Freitod. Mit seiner Smith & Wesson zielte er gegen sich selbst. Er wurde am Falkenhagener Tor in Berlin-Spandau am 17. September 2016 tot aufgefunden. Amtlicher Befund: Kopfdurchschuss.

Kröchers Präambel in seinem Abschiedsbrief lautet: „Ich habe keine Angst vor dem Tod. Dafür habe ich zu viele klandestine und gefährliche Sachen gemacht. Der Tod kommt zu mir wie ein Bruder.“ Bilanzierend teilt er der Nachwelt mit: „Ich habe ein wunderbares, erfülltes Dasein gehabt: ich durfte etlichen der schärfsten Weiber des Planeten beiwohnen, ich habe die halbe Welt bereist und gesehen, habe Abenteuer erlebt, von denen die meisten nur träumen können, konnte viele Sachen machen, die den Machthabern den Schweiß in die Arschfuge trieben, konnte ein bisschen am Zeiger drehen.“

Immerhin bringt er Empathie für jene auf, die mit der Beseitigung der Tatortspuren beauftragt waren: „Für die Sauerei, die so ein großkalibriger Kopfschuss verursacht, möchte ich mich entschuldigen.“ Das spricht für Stil – auch direkt nach dem vollzogenen Austritt aus dem diesseitigen glücklichen Leben. Ein geräuschloser Abgang hätte einem Egozentriker wie Kröcher nicht entsprochen. Der theatralische Knall war Kalkül, um noch einmal ein Ausrufezeichen zu setzen. Das ist Kröcher gelungen: die Nachrichtenagentur dpa vermeldete seinen Suizid.

Kröcher fand seine letzte Ruhestätte neben seinem Kommunardenfreund Fritz Teufel auf dem Dorotheenstädtischen Friedhof in Berlins Mitte.

Westberliner Bengel

1950 wurde Norbert Kröcher in dem Berliner Vorort Falkenseee ein Jahr nach Gründung der DDR geboren. Kröchers Eltern neigten der Kommunistischen Partei Ernst Thälmanns zu; sein Vater war in den 1920er Jahren für einige Zeit im paramilitärischen „Roter Frontkämpfer-Bund“ (RFB) randaktiv, seine Mutter übernahm ab und an Kurierdienste für die Genoss*innen.

Eine Auseinandersetzung mit Funktionären des Freien Deutschen Gewerkschaftsbundes (FDGB) um die Annahme von Care-Paketen aus dem Westen veranlasste den Vater, nach Westberlin überzusiedeln. Die Familie machte vom Osten in den Westen „rüber“. Kröcher wuchs im Neuköllner Ortsteil Britz auf. In einem durch Spenden aus den USA finanzierten Armen-Bau für Flüchtlinge und Ausgebombte, einer sog. Mau-Mau-Siedlung, verbrachte Kröcher seine Kindheit zwischen Trümmerbergen und Neubauten.

Die Katakomben der Weltkriegsruinen bargen nicht nur verrostete Waffen und Munition, sondern vereinzelt auch mumifizierte Leichen. Die kindlichen Entdeckungstouren waren einträglich. Wertstoffe konnten beim Buntmetallhändler verhökert, NS-Devotionalien bei Angehörigen der Besatzungsmächte in Schokolade getauscht werden. „Ami-Soldaten waren immer scharf auf Nazi-Schnickschnack“, schreibt Kröcher.

Unter dem Eindruck des Jerusalemer Auschwitz-Prozesses 1961 gegen den ehemaligen SS-Obersturmbannführer Adolf Eichmann stand Kröchers Berufswunsch fest: „Ich wollte Nazi-Jäger werden.“ Die Jobwahl seiner drei Halbbrüder aus der ersten Ehe seiner Mutter waren teilweise weniger weltverbesserisch. Wolfgang, der älteste, wollte sich am Stuttgarter Platz („Stutti“) in Charlottenburg im Rotlichtmilieu einen Namen als Ganove machen. Daraus wurde nichts. Karriere machte er vorzugsweise in der JVA Tegel.

Kröchers Interessenschwerpunkte waren exakt der Reihenfolge nach „Mädels, Motorräder und Politik.“ Die Schule empfand er als Ärgernis. Er ging nach der neunten Klasse ab und begann eine Lehre als Fernmeldetechniker bei der Post.

Militanter Streifzügler

Kröchers Biografie ist eng mit der militanten Szenerie von Westberlin Anfang der 1970er Jahre verknüpft. Einer rauschfesten und feierlustigen Polit-Szene, die sich äußerst agil zeigte. Die subkulturelle, drogenaffine Fraktion hatte sich 1969 mit dem „Zentralrat der umherschweifenden Haschrebellen“ eine Aktionseinheit geschaffen. Bei der Demonstration zum 1. Mai 1970 in Berlin-Neukölln waren die Polit-Hascher dabei. „Wir – der Blues, also der politische Teil der Haschrebellen – waren inzwischen genug, um innerhalb der großen Umzüge der Zeit ein gewichtiges Wörtchen mitzureden“, schreibt Kröcher selbstsicher.

Kröcher beteiligte sich am Vertrieb des einflussreichen Szeneblättchen „883“ und gab mit dem Literaten Peter Paul Zahl die halbklandestine Nachfolgepostille „FIZZ“ heraus. Ambivalent war die Haltung zur Rote Arme Fraktion (RAF). Aversionen hegte Kröcher gegenüber Andreas Baader. „Eine Filmfigur“, die an „seiner Knarre wie blöd fuchtelte.“ Dem Gesamtprojekt RAF wollte er trotz der ideologischen Dissonanzen aber nicht die Solidarität entsagen: „Klar war, dass wir uns diesen ´Leninisten mit Knarre´ weder anschließen, geschweige denn unterwerfen würden. In der FIZZ erklärten wir uns allerdings absolut solidarisch mit den Genossen der RAF.“

Aus dem „Blues“ ging Anfang 1972 mit der Bewegung 2. Juni eine bewaffnete Gruppierung hervor, deren Ursprung und Entwicklung bislang nur anekdotisch beschrieben wurde. Eine umfassende Darstellung steht noch aus. Kröcher kann hierzu nur wenig Biografisches beisteuern. Er hatte mit der Bewegung 2. Juni weit weniger gemein als er selbst gerne kolportierte. Das Unterkapitel zur Bewegung 2. Juni umfasst keine zehn Seiten. Wenig Umfang, wenig Aussagekraft. Das ist auch kein Wunder, da Kröcher bei Aktionen, die unter dem Label „Bewegung 2. Juni“ gelaufen waren, offenkundig nicht dabei war.

Die Bewegung 2. Juni war fraktioniert und der interne Clinch virulent. Sinnbildlich zeigt sich das an dem „Programm der Bewegung 2. Juni“. Das von Kröcher und Till Meyer verfasste „Programm“ war nie ein „offizielles Dokument“. Die Aktivisten vom 2. Juni um Ralf Reinders und Ronald Fritzsch erfuhren von dessen Existenz erst aus den Prozessakten.

Kröcher ging nach Nordrhein-Westfalen. Hier baute er mit seiner formellen Ehefrau Gabriele Kröcher-Tiedemann und Zahl ein klandestines Netzwerk auf: Wohnungen, Autos und Waffen. „Wir waren jetzt für einen veritablen Kleinkrieg ausgerüstet.“

Bei „Kapitalumverteilungsaktionen“ hinterließ das Aktiv vereinzelt Flugblätter mit der martialischen Kennung „Rote Ruhr-Armee“. „Das war auf der einen Seite eine ironische Reminiszenz an die gleichnamige Truppe, die im März 1920 im Ruhrgebiet gegen die Freikorps des Kapp-Putsches kämpfte, und war auf der anderen Seite die blanke Desinformation zur Irreführung der Verfolgungsbehörden.“ Obwohl die Gruppe sprichwörtlich nur ein Papiertiger war, machte die „Gespenstertruppe Furore". Allerdings nur für kurze Zeit: Nach Festnahmen und Meinungsstreits zerfiel die Ruhrpott-Stadtguerilla 1973. Kröchers Konsequenz: „Also verkrümelte ich mich.“

Untergetauchter Auswanderer

In der schwedischen Hauptstadt Stockholm machte der steckbrieflich in Deutschland gesuchte Kröcher Station. Beruflich und politisch. Beruflich schlug er sich als freischaffender Fotograf durch, politisch verkehrte er im örtlichen libertären Spektrum. Die biografische Episode in Schweden war folgenreich.

Kröcher bastelte bereits seit längerem an einer „Fibel“ für den Kleinkrieg, da ihm das Nichtstun auf die Nerven ging. Er fasste Traktate von Protagonisten des Guerillakampfes und der irregulären Kriegsführung zusammen. Ein Anleitungsskript für den bewaffneten Aufstand.

Mehrere Ereignisse forderten den aktivistischen Kreis um Kröcher heraus: Der Tod von Holger Meins am 9. November 1974 während des dritten kollektiven Hungerstreiks politischer und sozialer Gefangener und die desaströse Besetzungsaktion der Botschaft der Bundesrepublik Deutschland in Stockholm im April 1975 durch ein RAF-Kommando. In Zugzwang sah sich der „Kröcher-Trupp“ als das schwerverletzte Kommandomitglied Siegfried Hausner verstarb. Nach seiner Festnahme wurde er umgehend nach Deutschland ausgeliefert. Die unzureichenden Behandlungsmöglichkeiten im Knastkrankenhaus führten zu seinem Tod.

Die schwedische Ministerin Anna-Grete Leijon aus dem sozialdemokratischen Kabinett von Olof Palme, die den Transport von Hausner veranlasste, geriet ins Fadenkreuz von Kröcher & Co. Sie sollte nach allen Regeln der Kunst entführt werden. Für die „Operation Leo“ richtete die „internationale Volkstanzgruppe“ um Kröcher ein als Trickfilmkino getarntes „Volksgefängnis“ ein. Die Stockholm-Aktion der RAF war aus Kröchers Sicht „keine Guerilla-Aktion, sondern ein Kamikaze-Unternehmen.“ Mit dem Kidnapping eines prominenten Mitglieds aus Palmes Kabinett sollte zumindest „die Freilassung der Überlebenden des Kommandos“ erreicht werden.

Aus den ambitionierten Entführungs- und Befreiungsplänen wurde indes nichts. Prahlerei, Indiskretionen und Zeitverzögerungen führten letztlich dazu, dass „nach einer durchdiskutierten Nacht feststand: Wir machen es nicht.“ Schwedische und deutsche Sicherheitsbehörden hatten längst Wind von der Sache bekommen. Der geordnete Rückzug der Truppe wurde durchkreuzt: „In der Nacht zum 31. März zum 1. April 1977 wurden wir alle abgeräumt. Mit mir als mutmaßlichem Kopf fingen die Bullen an.“

Nach der Auslieferung an den westdeutschen Staat durchlief Kröcher bis zum Ende seines Staatsschutzprozesses diverse Haftanstalten in NRW. Er wurde u.a. wegen Mitgliedschaft in einer terroristischen Vereinigung zu elf Jahren Strafhaft verknackt.

Rebellischer Gefangener

Knast ist Bildungsprogramm und Kontaktbörse in einem, eine Art „Volksuniversität“, schreibt Kröcher. Hier habe er „tiefe Erkenntnisse über die Verhältnisse in der Gesellschaft insgesamt gewonnen.“ In der Parallelgesellschaft Knast steht vor allem das Fach „Menschenkenntnis“ auf dem Lehrplan. Kröcher relativiert seinen „Kinderglauben“, dass Inhaftierte „mehr oder weniger Opfer des kapitalistischen Systems waren.“ Dennoch könne die Lebenssituation dieser „fürchterlich demolierten Individuen“ nicht von der Gesellschaftsform getrennt werden.

Als ´Politischer´ stand ich in der Knasthierarchie ganz weit oben, genoss jede Menge Respekt.“ Kröcher engagierte sich, auch wenn ihm das Gros der Inhaftierten „fremd“ blieb. „Ich weiß nicht, wie viele Briefe ich für Mitgefangene geschrieben habe, privater und behördlicher Art.“ Kröcher vertiefte sich ins Selbststudium.Die thematische Bandbreite reichte von Architektur über Anthropologie bis hin zur chinesischen Hochkultur und Naturheilkunde. Kröcher mauserte sich zu einem Universalgelehrten hinter Gittern.

Gefangene aus der bewaffneten Linken diskutierten über den Haftstatus. Kröcher sprach sich, wie Gefangene der Bewegung 2. Juni, gegen eine „Sonderregelung“ aus: „Wir lehnten die von der RAF geforderte ´Zusammenlegung in interaktionsfähige Gruppen´ sowie den ebenfalls geforderten ´Kriegsgefangenenstatus´ schlichtweg ab. Stattdessen verlangten wir unsere Anerkennung als ´gewöhnliche Kriminelle´ zwecks Normalisierung unserer harten Haftbedingungen.“

Das Aktionsmittel, Passagiermaschinen zu entführen, um gefangene Genoss*innen freizupressen, war für Kröcher „volksfeindlich, ergo konterrevolutionär.“ Und zum Tod von Andreas Baader, Gudrun Ensslin und Jan Carl Raspe in der JVA Stuttgart-Stammheim am 18. Oktober 1977 will er über „Insider-Informationen“ verfügt haben: „Ich zog öffentlich die Möglichkeit des Selbstmordes in Stammheim in Betracht, die ich natürlich öffentlich nicht verifizieren konnte.“

Statt nach elf Jahren, konnte Kröcher schon drei Jahre eher die Knastpforte hinter sich lassen. Der Strafrabatt scheint ihm im Nachgang unangenehm. Eilig erklärt er, dass er jeden angebotenen Deal der Behörden abgelehnt habe. So, als ob er sich dafür entschuldigen wollte, nicht die komplette Haftzeit abgesessen zu haben.

Erzählfreudiger Kleinkunstdarsteller

In bestimmten Phasen haben die Ex-Stadtguerilleros in den Betondschungeln der Metropolen viel riskiert. Nicht nur, aber auch ihre physische Existenz. Veröffentlichte Lebenserinnerungen sind ein eitler Selbstschutz. Schutz davor, vergessen zu werden. Zumindest lebt man in Papierform weiter. Das ist das Treibmittel, Memoiren in die Tastatur zu hacken.

In Kröchers Autobiografie vermengen sich „polit-kriminelle“ Erzählungen mit einem Reisebericht um den Globus. Erster Ausflugstipp: Eine Fahrt bis nach Afghanistan während seiner Ausbildungszeit zum Fernmeldetechniker. In Hippiekommunen im fernen Asien spürte er dem subkulturellen Rausch nach. Sein Trip nach der Haft in den Maghreb war dramatisch: Er landete unversehens im Folterkeller einer Polizeistation in Marokko. Geheimdienstakten verrieten, dass sich Kröcher für die Landepiste eines NATO-Flughafens in der Wüste der von Marokko besetzten Westsahara interessierte. Viel zu detailreich fällt hingegen seine Wegstrecke durch Norwegen aus.

Sexgeschichten durchziehen den gesamten Band. Vom ersten Mal bis zum letzten Orgasmus. Kröcher zieht uns über die Matratzenlager in Polit-WGs, die Rücksitze geklauter Vehikel und die harte Pritsche in der Knastzelle. Freimütig räumt er ein: „Im Grunde genommen kreisten meine Gedanken täglich – mehr oder weniger – ums Vögeln.“ Auf den Schlüssellochblick des dauererigierten Kröcher muss man sich einlassen (können).

Was bleibt? Mitunter bleibt nur die Kleinkunstbühne einer Anarcho-Spelunke, Auftritte mit Heimvorteil und ohne Gegenspieler. Einfaches Spiel. Kröcher fand sein Ventil. Ihm konnte man in regelmäßig unregelmäßigen Abständen in seiner Vortragskaschemme „baiz“ in Berlin-Prenzlauer Berg in Serie zuhören und beim Verzehr von Weizenbier im Dauerqualm zuschauen. Kokett lehnte er die Attitüde „Opa erzählt vom Krieg“ ab. Die Rolle als alternder „Kriegsberichterstatter“ spielte er dennoch aus - und für Nicht-Kenner kenntnisreich runter. Das Publikum dankte es ihm mit höflichem Applaus und einer Nachfragestunde in kleiner Runde an der Theke. Kröchers routiniert abgehaltene Audienz in Griffnähe zum Zapfhahn.

Verlagslink zur Kröcher-Autobiografie: http://www.basisdruck.de/product_info.php?products_id=252

18:59 08.10.2017
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Oliver Rast

Antiquar, schreibender Aktivist, Mitgründer der Gefangenen-Gewerkschaft, Ex-Gefangener aus dem §129-Verfahren gegen die militante gruppe (mg)
Oliver Rast

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