Arabische Impressionen

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Wandlungsprozesse finden ständig und überall in der belebten und unbelebten Natur statt, lange im Verborgenen, unserer nur grob auflösenden Zeitwahrnehmung entzogen, bis eine erste Schaumkrone vom nahenden Sturm kündet, die rostende Dachrinne zu tröpfeln beginnt, eine für ewig geschworene Liebe in Achtlosigkeit oder Gezeter entgleitet. Auch die Geschichte von Kulturen und Gesellschaften lässt sich nicht an bestimmten Jahreszahlen von Kriegen, technisch-wissenschaftlichen Innovationen und scheinbar plötzlichen Revolutionen bemessen, es gab immer eine Vor-Gärung im undurchsichtigen Fass der kollektiven Meme, bis ein zu groß gewordener Druck den Deckel absprengt.
Was sich derzeit in den arabischen Ländern auftut, ist, egal wie diese Reaktion sich weiterentwickeln mag, ein solcher Kulminationspunkt vorausgegangener stiller Wandlungen. Deren Ingredienzen sind aber von so vielfältiger Art, dass mir der von manchen Technik-Positivisten schon ausgerufene Begriff der “Facebook-Revolution” als zu euphemistische pseudo-journalistische Verschlagwortung des Geschehens suspekt ist. Statt als ‘Auslöser’ dieser Eruption kann man die Verfügbarkeit der “neuen Medien” vielleicht besser als einen (von mehreren) Katalysatoren, als Prozessbeschleuniger durch Herabsetzung der Aktivierungsenergie, ansehen.

Allerdings lässt sich mit dem Transfer dieser Technologien und der emanzipatorisch-politischen Wertvorstellungen von unserer westlichen in die orientalische Kultur eine Art “historischer Revanche” konstatieren: denn einst waren es die Araber, die uns Europäern Wege aus dem “finsteren” Mittelalter aufgezeigt haben; in den Wissenschaften, der Mathematik, Astronomie, Medizin, Bewässerungstechnik, Kartographie und vielem mehr. Das Schach haben sie uns in den Kreuzritterburgen vor Jerusalem ebenso gelehrt wie das Lautenspiel an den Springbrunnen von Cordoba, und ohne ibn Rušd (bei uns bekannt als Averroes) hätten wir uns wohl nicht mal unseres Aristoteles erinnert. Und wie dunkel wär’s vielleicht in der europäischen Geistesgeschichte geblieben ohne die Inspiration so mancher Tasse Kaffee…

Zuviel Poesie heute? Liegt auch daran, dass diese Vorrede euch einstimmen soll auf die nun folgenden poetischen Fotoimpressionen von Maciej Dakowicz aus verschiedenen arabischen Städten und Regionen, unterlegt mit einer Einspielung des israelischen Musikers, Philosophen und Schriftstellers Gilad Atzmon, der sich seit Jahrzehnten für die arabische Kultur, Demokratisierung und einen unabhängigen Palästinenserstaat einsetzt.






12:09 17.02.2011
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Geschrieben von

oxnzeam

Notizen, Essays und Rezensionen zu Kultur, Medien, Literatur und Gegenwartsphilosophie
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uweness | Community