Outdoor-Philosophie am Schwedenfeuer

Bei diesem Beitrag handelt es sich um ein Blog aus der Freitag-Community

Haben Sie sich auch schon beim Waldbauern ihres Vertrauens die Stämme zurecht schneiden zu lassen für die laufende Saison der Outdoor-Philosophie? Schließlich verfügt nicht jeder Denker selber über die praktischen Fertigkeiten beim Umgang mit der Kettensäge, um die Luftansaugstutzen für eine funktionierende Schwedenfackel verletzungsfrei und einigermaßen gerade ins Holz zu schlitzen. Offene Lagerfeuer bedürfen heutzutage ja einer feuerpolizeilichen Genehmigungsprozedur, als ob man plane, dabei Hexen zu verbrennen (was zumindest bei uns in Bayern nur noch in erzdiözesanen Hinterhöfen vorkommt), aber so ein mobiles Schwedenfeuer gilt im Privatbereich lediglich als beaufsichtigungspflichtige 'Befackelung' - kräftige Burschen können die Teile ja auch rumtragen ;-)

http://www.media4ways.de/pool/Firewood.jpgAber auch so ein Schwedenfeuer kann beste Dienste leisten als wärme- und lichtspendene Quelle für das Wabern der geistigen Funkenmonaden, zur meditativen transzendentalen Entrückung von der biochemischen Banalität deines Daseins...
Denn erst durch das Feuer kam die Philosophie in die Menschenwelt. Allerdings durch eine, zumindest aus Göttersicht, moralisch eher fragwürdige Tat, als Prometheus mit einer frechen Aktion dem Götterschmied Hephaistos und der Athene das gemeinsame Feuer und damit ihre Weisheit entwendete und den von ihm bedauerten Menschlein schenkte. Dafür wurde er bekanntlich von Zeus an einen Felsen gekettet und täglich fraß ein Adler an seiner Leber, bis Herakles kam und der Qual ein Ende machte.
(Die Story wurde tausendfach nacherzählt und interpretiert, so dass ich hier die literaturwissenschaftlich Interessierten auf die Arbeit von Prof. Hartmut Reinhardt zur Prometheus-Rezeption verweisen möchte. Erwähnt sei noch, dass auch Karl Marx schon 1841 seinen frühen 'Genossen' die Losung mitgegeben hatte: „Prometheus ist der vornehmste Heilige und Märtyrer im philosophischen Kalender.“)

Jedenfalls nahmen die ionischen Naturphilosophen das Feuer als Urstoff allen Werdens und als Metapher für den Logos an, dessen Dynamik die Welt durchwaltet und dessen Wandlung ihr Seinsprinzip bildet. Heraklit (der mit dem "panta rhei") hielt demzufolge das Feuer für „ewig lebendig“ und „vernünftig“ und verband damit auch die Vorstellung, dass sich im Feuer „alles in einem“ finde, da aus allem Feuer und aus Feuer alles andere hervorgehen soll. Feuer als die kosmologisch-physikalische Form des Logos anzusehen sei denen unmittelbar einsichtig, die im Logos ein aktiv wirkendes Prinzip sehen: Wie das Feuer habe auch der Logos das Weltgeschehen zu steuern.

Seitdem war das Feuer eine Konstante, ein Meta-Mem der Naturphilosophie, unzählig oft besungen von den Denkern & Dichtern aller Zeiten, wie mal so vom pantheistisch-vernetzenden Goethe:
"Denn was das Feuer lebendig erfaßt
Bleibt nicht mehr Unform und Erdenlast."

oder mal so von dem spätromantisch-nationalistischem Dichter Ernst Moritz Arndt (1769-1860) :
"Aus Feuer ist der Geist geschaffen,
Drum schenk mir süßes Feuer ein."

Wer so eine zündfertige Schwedenfackel im Garten, auf Balkon, Terasse oder (in der Art eines Reserverads) im Kofferraum parat hält, kann sich jederzeit das Bedürfnis nach 'ner Runde Outdoor-Philosophie am Feuerchen erfüllen und steht somit auch verdammt gut da, wenn mal unerwartet geistreicher Besuch reinschneit...

Schwedenfeuer - Bauanleitung / Geschichte (PDF)

12:01 12.07.2010
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

oxnzeam

Notizen, Essays und Rezensionen zu Kultur, Medien, Literatur und Gegenwartsphilosophie
oxnzeam

Kommentare 8