Aus Liebe zum Schreibtisch

Bildungsstreik Seit 2009 gab es keine nennenswerte Revolte mehr an den Universitäten. Dabei hat sich seither nichts verbessert. Nun formiert sich der sogenannte Mittelbau
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Ein Ächzen geht durch das deutsche Hochschulwesen. Ein stetig wachsendes Heer von prekär beschäftigten Wissenschaftler(inne)n trägt die erdrückende Hauptlast, was Lehre und Forschung betrifft. «Betteldozenten» ist ein geläufiger Begriff für diese Gruppe, deren Alltag geprägt ist von Beschäftigungsunsicherheit, mangelnder Planbarkeit und geringer Bezahlung.

Um dieses diffuse Ächzen in einen Aufschrei nach Veränderung zu wandeln, gründet sich nun in Leipzig ein bundesweites «Netzwerk für Gute Arbeit in der Wissenschaft», das getragen wird von wissenschaftlichen Mitarbeiter(innen), Lehrbeauftragten, Privatdozent(inn)en, wissenschaftlichen Hilfskräften, studentischen Beschäftigten und Studierenden. Dass die Zeit reif ist, zeigte bereits im November die basisgewerkschaftliche Organisation «unter_bau»: An der Uni Frankfurt mobilisierte sie genau diese Gruppen und genießt ungebremst großen Zulauf.

Denn eins ist klar: Seit Albert Camus war die Legende vom Sisyphos nicht mehr so aktuell, liest man sie als Parabel auf die Unibeschäftigten. Den Felsbrocken der Lehre und Forschung rollen diese Semester für Semester wieder auf den Olymp der Universitäten. Von der Illusion beseelt, eines Tages vielleicht doch oben in Festanstellung anzukommen.

Der Kampf gegen Gipfel vermag ein Menschenherz auszufüllen“, beschreibt Camus seinen Sisyphos und dessen empfundenes Glück, wenigstens seinen zerstörerischen Felsbrocken zu besitzen. Im selben Sinn verharren viele Wissenschaftler(innen) hinter ihren Schreibtischen. Folgerichtig diagnostizieren Soziolog(inn)en darum gerade bei ihnen eine folgenschwere Symptomatik: «die hohe intrinsische Motivation, eine erfüllende und sinnvolle Tätigkeit auszuüben.»

Die Prekären als neue Klasse

Den blanken Fels bzw. Schreibtisch noch zum Objekt der Liebe zu verklären, täuscht dabei über die Perspektivlosigkeit der Sisyphosarbeit hinweg. Doch dieses Wunschdenken verschleiert bloß die notwendige Wut gegenüber diesen in Wahrheit gewaltvollen Machtstrukturen an den Hochschulen. «Gewaltvoll deshalb, weil sie demütigen, entwürdigen und damit suggestiv psychisch zerstörerisch wirken», wie eine Erhebung der Alice-Salomon-Hochschule in Berlin zu dem Thema schließt.

Dabei steht die Lage der Akademiker(innen) nur exemplarisch für eine Entwicklung, die seit der rot-grünen Agendapolitik weite Teile der Gesellschaft erfasst. Die um sich greifenden unsteten und unbefriedigenden Arbeitsbedingungen eint die Prekären unserer Zeit zu einer neuen Klasse. Nicht erst seit Didier Eribons autobiografischer Studie wissen wir, dass ein getrennter Habitus nicht über die geteilten, unhaltbaren Lebenssituationen hinwegtäuschen darf. «Eine freie Hochschule inmitten einer kapitalistischen Gesellschaft ist wie eine Lesestube in einem Gefängnis», schloss bereits das Communiqué from an Absent Future, das 2009 in den USA entstand: «Sie dient nur als Ablenkung vom alltäglichen Elend.»

Die Promovierten unter den Prekären tragen darum eine Veranwortung, die über ihr eigenes Biotop Hochschule hinausweist. Die neue Klasse zu erkennen, gelingt nur, wenn Wissenschaft und Bewusstsein - «science und conscience» - Hand in Hand gehen. Der Protest des Prekariats braucht Vordenker(innen) und eine relevante theoretische Grundlage. Ohne jedoch aus den Augen zu verlieren, was auch das Motto von Leipzig ist: «Vom Wort zur Tat zu schreiten.»

Denn mit hoffnungsvollen Worten allein lässt sich kaum etwas ändern. Die Probleme liegen längst offen, an Forderungen, sie zu beheben, mangelt es nicht. Damit sich etwas ändert, muss mit Nachdruck vorgegangen, die verschütt liegende Wut gebündelt werden. Ein erster Schritt ist daher die Vernetzung unter den vereinzelt existierenden Mittelbauinitiativen bundesweit.

Ein Schritt, der am 21. Januar 2017 beim Gründungskongress in Leipzig besiegelt werden soll und hoffentlich zu weiteren Schritten führt: Ein neuer Bildungsstreik wäre ein adäquates Zeichen und zugleich Fanal für grundlegende Veränderung.


Eine leicht geänderte Fassung erschien in Jungle World vom 19.01.2017

INFO

„Netzwerk für Gute Arbeit in der Wissenschaft“:

Ziele des Vernetzungskongresses in Leipzig sind: gemeinsame Öffentlichkeitsarbeit, Kampagnenfähigkeit, langfristig womöglich Streikfähigkeit – und zwar bundesweit; darüber hinaus die Anbahnung von Kooperationen mit unterstützungswilligen Fachgesellschaften, Professor(inn)en und Studierenden. Details und Anmeldung unter: http://mittelbau.net

10:42 19.01.2017
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Geschrieben von

Passenger

Essayist, Übersetzer (s. torial-Profil unter Homepage)
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