Am Ende des Regenbogens

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Erinnert sich noch jemand an die Vuvuzelas, die im Sommer 2010 die Weltmeisterschaft begleiteten und danach zumindest in unseren Breiten spurlos verschwunden waren?

Im Hebbel am Ufer konnten man sich diese Instrumente jetzt noch einmal optisch und haptisch zu Gemüte führen. Allerdings werden viele Zuschauer desTanztheaterstücks „The Offside Rules“, das im Berliner Hebbel am Ufer vom 15. bis 19. Januar lief, den Vuvuzelas wenig Aufmerksamkeit geschenkt haben. Sie blieben schließlich dezent im Hintergrund und indem Stück gibt es nun wirklich viel zu sehen und zu hören. Da sind die exzellenten choreografischen Einlagen. Im ersten Bühnenbild liegen die Spieler wie leblos auf einen Haufen. Dann ist die Stimme einer Frau zu hören, das in ein allgemeines Stimmengewirr übergeht und schon steht die ganze Gruppe in einer Reihe.

Es sind Tänzerinnen und Tänzer aus Südafrika und der Berliner Truppe Dorky Park von Constanza Macras. Die in Berlin lebende Choreographin hat im Auftrag des Goethe-Instituts das Stück in Südafrika kreiert. Eine Schlüsselrolle nimmt dabei Anspruch und Wirklichkeit im heutigen Südafrika ein. Auf der Leinwand werden Videos aus der Welt der Reichen und Schönen eingespielt, wo die Mandela-Statue in der Mandela-Square vor dem Mandela-Restaurant steht und daneben noch eine Mandela-Weisheit zu lesen ist. Wenn eine Schauspielerin dann trocken kommentiert, die von dem ersten Präsidenten des bürgerlich-demokratischen Südafrika so oft strapazierte Regenbogen-Nation ist vor allem eine Nation des Geldes, wird die sozialkritische Komponente des Stücks deutlich. Wer in Südafrika arm ist, lebt am Ende des Regenbogens und muss sich mit ambulanten Straßenhandel und vielleicht auch mal mit einem Überfall auf reiche, verpeilte Touristen über Wasser halten.

Angenehm frech, witzig und ohne moralischen Zeigefinder wird in dem Stück über Alltagskriminalität, soziale Probleme jenseits der WM, den Mandela-Kult, aber auch über Prominente, die in Südafrika ihr Helfersyndrom befriedigen wollen, gelästert.



Fußball und Klassenkampf

Ein Höhepunkt des Stücks ist von Tatiana Eva Saphir gespielter Exkurs zur Weltmeisterschaft 1978. Während auf einem Videoschnipsel eine endlose Reihe von Gesichtern gezeigt werden, Menschen die von den Schergen des Militärs ermordet wurden, formuliert Saphier einige Gedanken zur WM aus der Perspektive einer politischen Gefangenen. „Argentinien hat gesiegt, doch wir haben verloren. Denn es gibt keinen gemeinsamen Sieg, den wir uns unsere Feinde feiern können.“ Außerdem bekennt Saphier, dass sie die Fußball-WM hasst, weil sie vom Klassenkampf ablenkt. Es werde so getan, wir seien alle gleich, doch schnell werde klar, dass es nicht stimmt. Wahre Worte und zeitlos dazu. Die gelten für Argentinien genauso wie Südafrika und Deutschland. Constanza Macras und die exzellenten Schauspielerinnen und Schauspieler haben mit dieser Aufführung bewiesen, dass politisch anspruchsvolle Stücke nicht bierernst daher kommen müssen. Der Zuschauer konnte sich an den guten choreographischen Einlagen ebenso erfreuen, wie über die interessanten Videos und die geistreichen Gesprächseinlagen. In Berlin allerdings nicht mehr. Nächste Station der Theatergruppe ist Hamburg. Vom 26.1. – 30.1. gastiert es in der Kampnagel-Fabrik: www.kampnagel.de/index.php?page=detail&;cluster=657713


Peter Nowak


16:45 20.01.2011
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