Peter Nowak
02.06.2011 | 11:00 7

Die späte Gerechtigkeit

Kriegsverbrechen In Rom wurden drei der letzten Wehrmachtssoldaten verurteilt, über neun weitere soll im Juni entschieden werden. Doch eine Auslieferung haben sie nicht zu fürchten

Jung sind die Verurteilten nicht gerade: Zwischen 88 und 94 Jahre sind die drei deutschen Staatsbürger alt, die letzte Woche von einem Militärgericht in Rom zu einer lebenslänglichen Haftstrafe verurteilt wurden. Das Gericht befand sie für schuldig, im August 1944 in der Ortschaft Padule di Fucecchio nahe Florenz an der Ermordung von 184 Zivilisten - zum Großteil Frauen, Kinder und alte Menschen - beteiligt gewesen zu sein. Zeitgleich forderten die Staatsanwälte beim Militärgericht in Verona eine lebenslängliche Haftstrafe gegen neun ehemalige Wehrmachtsangehörige. Den ehemaligen Angehörigen der Fallschirm-Panzerdivision „Hermann Göring“ wird vorgeworfen, im Frühjahr 1944 bei als „Partisanenbekämpfung“ getarnten Massakern in Norditalien über 400 Zivilisten ermordet zu haben. Am 22. Juni soll in diesen Fall das Urteil gefällt werden.

Eine Verhaftung haben die Angeklagten ebenso wenig zu fürchten, wie diejenigen, die jetzt in Rom schuldig gesprochen wurden. Als deutsche Staatsbürger können sie nicht nach Italien ausgeliefert werden. Die deutsche Justiz hat aber auch erklärt, dass ihr die Beweise nicht ausreichen, um eigene Verfahren einzuleiten. Eine öffentliche Auseinandersetzung darüber gibt es in Deutschland kaum.

Opfer: Kinder, Alte, Kranke

Den Angeklagten wird die Beteiligung an den blutigen Massakern vorgeworfen, die Angehörige der Fallschirm-Panzer-Division „Hermann Göring" der Wehrmacht zwischen März und Mai 1944 an italienischen Zivilisten verübten. Dabei wurden oft ganze Dörfer dem Erdboden gleich gemacht. Die dort lebenden Männer zwischen 16 und 60 hielten sich versteckt - meist aus Angst, von den Deutschen als Zwangsarbeiter verschleppt zu werden. Deshalb wurden vor allem Kinder, Alte, Kranke und Frauen zum Opfer deutscher Soldaten, die ihre Wut über den wachsenden antifaschistischen Widerstand an den Zivilisten ausließen.

In einem Dorf wurden die Opfer in eine Kapelle gesperrt, in die ein Wehrmachtssoldat eine Handgranate warf. Während die Opfer grausam umkamen, feierte die Einheit vor der Kapelle ein feuchtfröhliches Fest. Dabei handelte es sich keineswegs um Vergeltungsaktionen für Partisanenaktionen, wie von konservativen Kreisen zur Entschuldigung oder Relativierung der Verbrechen gerne angeführt wird. Abgelegene Dörfer waren von den Mordaktionen besonders oft betroffen, weil sich die deutschen Täter dort ungestört austoben konnten.

Schon kurz nach der Niederlage des Nationalsozialismus begannen britische und amerikanische Juristen zu ermitteln - gestützt auf die Berichte der wenigen Überlebenden. Doch die Ermittlungen gerieten bald ins Stocken. In Zeiten des kalten Krieges wurden die ehemaligen Wehrmachtssoldaten wieder für den Kampf gegen den Kommunismus gebraucht, und man wollte Westdeutschland als neu umworbenen Bündnispartner nicht mit der Aufarbeitung der Nazi-Verbrechen verärgern. Die Proteste der wenigen Überlebenden wurden in Italien ignoriert.

Schrank der Schande

Die belastenden Akten wanderten in den "Schrank der Schande" - so bezeichnet die italienische Öffentlichkeit den braunen Holzschrank, der von 1960 bis 1994 in der Allgemeinen Militäranwaltschaft in Rom stand. In diesem Schrank wurden im Jahr 1960 auf Beschluss des damaligen allgemeinen Militärstaatsanwaltes, Enrico Santacroce, Aktenbündel über 2274 Fälle von NS-Kriegsverbrechen in Italien während des zweiten Weltkriegs "provisorisch archiviert“. 1966 wurden etwa 1300 Fälle an die zuständigen italienischen Staatsanwaltschaften abgegeben und 20 weitere an deutsche Ermittlungsbehörden. Für 695 Fälle – angeblich die wichtigsten – dauerte die "Archivierung" jedoch 34 Jahre. Diese Akten wurden erst im Jahr 1994 wiederentdeckt und bilden die juristische Grundlage für die Verfahren, die bis heute gegen ehemalige deutsche Wehrmachtssoldaten laufen.

„Der Prozess ist die längst fällige Auseinandersetzung mit einer Geschichte, die von der Allgemeinheit verdrängt und vergessen wurde“, meint Marianne Wienemann, die die Verfahren als Prozessbeobachterin verfolgt und kürzlich auf Einladung der antifaschistischen AG-Reggio-Emilia auf einer Veranstaltung in Berlin darüber berichtete. Sie blieb die Ausnahme. In Deutschland sind die Prozesse gegen deutsche Kriegsverbrechen kein großes Thema in Öffentlichkeit und Medien.

Kommentare (7)

wwalkie 02.06.2011 | 16:00

Danke, Peter Nowak. "In Deutschland sind die Prozesse gegen deutsche Kriegsverbrechen kein großes Thema", schreiben Sie. Dafür sind wir erschüttert, wenn in Afghanistan ein deutscher General leicht verletzt wird. Gott sei Dank gibt er nicht auf!

Ich musste beim Lesen an die Ereignisse vom Juli 1944 im Vercors denken, wo die Résistants die freie französische Republik ausgerufen hatten. Unter dem Oberkommando des Generalleutnants Karl Pflaum fanden zur Strafe ähnliche Massaker statt wie die von Ihnen beschriebenen. 639 Résistants und 201 Zivilisten wurden getötet. Er "nahm an Anti-Partisanenunternehmen teil", schreibt das Lexikon der Wehrmacht. Pflaum wurde 1959 in Lyon angeklagt, er war krank und gerichtsunfähig und starb wenig später.

1973 (!) beschloss der Gemeinderat seiner Heimatstadt Nötting, eine Straße nach Karl Pflaum zu benennen. Sie gibt es wohl immer noch.

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Ehemaliger Nutzer 02.06.2011 | 22:45

Über die BRD brauchen wir uns hinsichtlich der Aburteilung von Kriegsverbrechern und Nazis nicht wundern.
Nach 1945 wurde die komplette Blutjustiz der Nazis übernommen, die ihr Wissen wieder an jungen Richtern weitergegeben haben.
In der BRD konnten sich die meisten belasteten Nazis eigentlich ziemlich sicher fühlen.
Staatsanwälten, die sich konsequent in bestimmte Fälle verfolgten, denen wurde sofort die Weiterbearbeitung von höherer Stelle verboten.
Man kan mit Fug und Recht sagen, dass die BRD auf dem rechten Auge blind war und noch ist.
Hinsichtlich des kalten Krieges, wurden belastete Nazis von der Kriegsverbrecherliste der USA gestrichen, wenn sie für den CIA arbeiten würden.
Es ist ein einziger Skandal, wie die BRD sich als angeblicher Rechtstaat in derartiger Hinsicht, gegenüber von Millionen Ermordeten durch Nazischergen, so versündigt hat.

Urmel auf dem Eis 03.06.2011 | 01:38

Zwischen 88 und 94 Jahren. Da sind sie noch einsichtig und formbar.

Schauprozesse, wohin man sein Auge auch richtet........und eine seit den 70-er Jahren des letzten Jahrhunderts eingerichtete Betroffenheits-Industrie als ABM anstelle der abnehmenden produktiven Industrie, die jedem gebildeten Menschen weltweit zum Kotzen gereicht.

Junge Junge, sind wir und die perfiden Albions hüben und drüben des Atlantiks wettbewerbsfähig !

apatit 03.06.2011 | 22:03

Matto, stimme ich voll zu und noch ein kleines Gedicht aus dem Poetenladen:

Kopfsteinpflaster

und über deutschland leise
brach herein die nacht
zurück von kriegerischer reise
sind wir die schlafende wacht

gepflastert sind unsre straßen mit
lustigen köpfen hohl
man fährt drauf einigermaßen
und fühlt sich wohl

und lebte heine heute
er spuckte in die luft
wir treuen teutschen leute
sind die matratzengruft

(Gesänge auf dem Markt 1962)

kritikaster 05.06.2011 | 16:13

Lesen Sie mal:

Wikipedia: "Als Vergeltung für die Tötung des Generales wurde im Bereich Paderborn gefangen genommene SS-Männer ermordet, deren Zahl bis heute nicht geklärt ist. Der einzige per Augenzeugen belegte Fall von Gefangenenerschießungen berichtet aus Nordborchen von einer Gruppe von acht SS-Soldaten die mit erhobenen Händen von den Amerikanern erschossen wurden. Im Stern des Haxtergrundes wurde im Mai 2001 durch den Heimatverein ein Stein mit folgender Inschrift aufgestellt: „Wanderer, gedenke hier der am 31.3 und 1.4.1945 von Ihren Kriegsgegnern getöteten 98 deutschen Kriegsgefangenen“. Am 11. Juli 2002 erinnerte Landrat Dr. Wansleben dort im Rahmen einer versöhnlichen Rede an die Ermordeten. Ein vom Heimatverein Paderborn und dem Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge errichteter zweiter Stein mahnt zur Versöhnung zwischen den Völkern. Zwischenzeitlich wurde entsprechend neuester Recherche und Forschungsergebnisse, wonach es nach solanger Zeit nicht mehr möglich ist zu einer auch nur angenäherten Opferzahl zu kommen. Der Textinhalt des ersten Steines seitens des Heimatvereines abgewandelt und keine konkrete Anzahl von Opfern mehr genannt.

de.wikipedia.org/wiki/Maurice_Rose