Kein Wendland im Osten

RHEINSBERG Obwohl der Transport von vier Castoren den Rückbau des AKW abschließt, regt sich in Teilen der Anti-AKW-Bewegung Widerstand

Dienstagabend im Wendland, Dunkelheit, Nieselregen. Auf dem Weg von Hitzacker über Dannenberg nach Gorleben gibt es keinen Waldweg und keinen Parkplatz, der nicht von Polizeifahrzeugen besetzt wäre. Im Schein von Taschenlampen stapfen Polizisten durch den Wald hinter dem Elbdeich. Auf der Straße grün-weiße Fahrzeugkolonnen. 15.000 Polizisten begleiteten im Wendland den Atomtransport. Ein Ordnungshüter kam auf jeden dritten Einwohner, vom Baby bis zum Greis. Ähnliches ist in ein paar Wochen auch in Brandenburg zu erwarten.

Die Polizei werde mit allen Mitteln gegen Störungen der Castortransporte vorgehen. Diese martialischen Töne des brandenburgischen Innenministers und CDU-Rechten Jörg Schönbohm gelten nicht dem Castortransport ins niedersächsische Wendland sondern dem Transport verbrauchter Brennstäbe aus dem stillgelegten Kernkraftwerk Rheinsberg (Oberhavel) ins circa 100 Kilometer entfernte Zwischenlager Greifswald/Lubmin in Mecklenburg-Vorpommern. Zwischen dem 7. und dem 13. Mai sollen die vier Castoren rollen. Mit ihrem Abtransport soll das weltweit größte AKW-Stillegungsprojekt abgeschlossen werden. 1966 ging Rheinsberg als erstes DDR-AKW in Betrieb, 1990 wurde es aus Sicherheitsgründen abgeschaltet.

Der geplante Castortransport im Osten hat bisher längst nicht so viel Aufmerksamkeit erregt wie die Transporte nach Ahaus und Gorleben. Anders als im Westen sind die Ostgrünen bisher auch nicht in Erklärungsnöte geraten. "Die Entscheidung über die Zukunft der vier in Rheinsberg bereitgestellten Castoren soll gemeinsam mit den anderen betroffenen Landesverbänden Berlin und Mecklenburg-Vorpommern getroffen werden", heißt es lapidar in einer Presseerklärung des Brandenburger Landesverbands von Bündnis 90/Die Grünen.

Größere Turbulenzen hat der geplante Castor-Transport bei der PDS ausgelöst. Die Partei übt sich in dem Spagat, den Castortransport aus Rheinsberg zu billigen ohne dass das Anti-AKW-Image, das sich die PDS mit ihrer Gegnerschaft gegen den Castortransfer nach Gorleben zu geben versucht, angekratzt wird. "Die Atomtransporte im Westen dienen dem Weiterbetrieb der Atomanlagen, während die Kraftwerksanlagen in Rheinsberg rückgebaut werden. Insofern ist Rheinsberg ein Sonderfall", sagt die PDS-Landtagsabgeordnete Dagmar Enkelmann. Auch die verkehrspolitische Sprecherin der Brandenburger PDS, Anita Tack, argumentiert mit "absolute Ausnahme". Anti-AKW-Initiativen sehen das ganz anders und werfen der PDS vor, mit ihrer Haltung den Widerstand gegen die Castortransporte insgesamt zu torpedieren. Jeder Transport sei ein Sicherheitsrisiko. Zudem werde der irrtümliche Eindruck geschaffen, es gäbe eine Lösung für den Umgang mit dem Atommüll, kritisierte Jochen Stay von der Kampagne X-tausendmal-quer die PDS-Position.

Regionale Anti-AKW-Initiativen befürchten zudem, dass die Transporte aus Rheinsberg eine Türöffnerfunktion haben könnten. Bei einem reibungslosen Ablauf könnte Greifswald zu einer bundesweiten Atommülldeponie werden. Schließlich sei das "Zwischenlager Nord" in Lubmin für 6.700 Tonnen schwach- und mittelradioaktiven Atommüll ausgelegt.

Mit Sonntagsspaziergängen und sommerlichen Anti-AKW-Camps in der Region versuchen die Initiatoren deshalb seit zwei Jahren, die Bevölkerung für die Problematik der Castortransporte zu sensibilisieren - allerdings mit bescheidenem Erfolg Denn während ein bundesweites Atommülllager in der Region äußerst unpopulär ist, findet der Transport der Rheinsberg-Castoren große Unterstützung. Schließlich hofft ein Großteil der Rheinsberger Einwohnerschaft mit dem Abtransport der vier Castoren die strahlenden Altlasten endlich los zu sein, die den Ausbau der Fontane-Stadt zum attraktiven Touristenstandort behindern. Die Position der Anti-AKW-Initiativen, den Atommüll in Rheinsberg zu lagern, stößt daher auf wenig Verständnis. Mit der alten Parole der Anti-AKW-Bewegung aus Brokdorf, dass der Bauplatz zur grünen Wiese gemacht wird, kommt der Rheinsberger Bürgermeister Manfred Richter besser an.

Unterstützung findet die schwache regionale Anti-AKW-Bewegung hingegen bei Gleichgesinnten aus dem nahen Berlin. Die haben schon Proteste und Blockaden angekündigt, sobald die vier Castoren Rheinsberg verlassen sollten.

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Geschrieben von

Peter Nowak

lesender arbeiter

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