Große Geste

Eurovision Song Contest Frankreich schickt einen schwulen Sänger ins Rennen. Die Veranstaltung wird von Jahr zu Jahr diverser. Gut so!
Große Geste
Der 19-jährige Bilal Hassani wird Frankreich beim diesjährigen ESC vertreten

Foto: Thomas Samson/AFP/Getty Images

Seitdem die Transgender-Sängerin Dana International 1998 den Eurovision Song Contest für Israel gewonnen hat, ist der ESC nicht länger nur heimlich, sondern ganz offiziell eine queere Veranstaltung. In den letzten 20 Jahren gab es immer wieder Acts, die das zeigten. Das slovenische Travestie-Trio Sestre 2002 mit Samo Ljubezen oder DQ mit Drama Queen 2007 für Dänemark. Am spektakulärsten seit Danas Erfolg zeigte sich der ESC als queere Veranstaltung 2014 mit Conchita Wursts Sieg für Österreich.

Diese Auftritte haben mindestens zwei Funktionen: Zum einen kristallisiert sich mit ihnen die Pop-Ästhetik des ESC heraus. Das Überbordende, Melodramatische und manchmal auch „Scheiternde“ der Show, das aus schwuler Perspektive als Camp gefeiert wird. Eine Identifikation mit den großen Gesten und trashigen Darbietungen. Zugleich ist dieses Vergnügen am Pop-Exzess aber auch eine politische Geste. Vor einem Fernsehpublikum von über 100 Millionen Menschen wird ein queerer Lebensstil gefeiert.

Auch beim diesjährigen Wettbewerb, der in Tel Aviv stattfindet, gibt es einen offensiv queeren Act. Für Frankreich tritt Bilal Hassani mit dem Song Roi an. Er wird mittlerweile als Geheimtipp für den Sieg gehandelt. Wie bei lesbischen, schwulen und Transgender-Narrativen oft der Fall, geht es bei dem Lied um die Geschichte einer Selbstverwirklichung durch Verwandlung. „Quand je rêve, je suis un roi“, „Im Traum bin ich ein König“, heißt es im Refrain. Im Fall von Hassani wird diese Story durch einen Blick ins private Fotoalbum illustriert, dessen Bilder an den Bühnenhintergrund geworfen werden. Auch wenn dieser Akt der Selbstauskunft im ESC-Kontext nicht unbedingt originell ist, bleibt Hassanis Auftritt doch bewegend. Denn anders als Conchita hat der 19-Jährige seine queere Identität noch nicht als Bühnenglamour perfektioniert. Seinem charmanten Auftritt haftet etwas Improvisiertes an, wie man es aus Drag-Shows lokaler Schwulenbars kennt.

Dass Hassanis Auftritt nicht als kalkulierte Pop-Nummer rüberkommt, die das queere symbolische Kapital des ESC abgreifen will, liegt aber auch am marokkanischen Hintergrund des in Paris geborenen Sängers. Hassani durchkreuzt damit einen Gegensatz, wie er in populistischen Diskursen oft aufgebaut wird: Den Nachfahren nordafrikanischer Einwanderer in Europa wird eine homophobe Machokultur zugewiesen. Dass sie schwul oder transgender sein können, ist in den Medien nicht oft zu sehen. Queer ist aber nicht nur für weiße Europäer reserviert.

06:00 16.05.2019
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