Ein Quantum Frust

Bewegung "Aufstehen" | "Aufstehen" ist eine Bewegung von oben. Erstaunlich viele Parteiverdrossene aus dem linken Spektrum sind Sahra Wagenknechts Aufforderung gefolgt. Und jetzt?
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"Vatter, aufstehen!" Mit dieser übersichtlichen musikalischen Botschaft begeisterte Ruhrgebietsoriginal Tana Schanzara im Jahr 1970 eine noch weitgehend vom "Autoritarismus der Fabrikgesellschaft" geprägte Hörerschaft. Und Vatter wusste, was nach dem Aufstehen zu tun war: Waschen, Rasieren, Frühstück und anschließend mit Stullenpaket und Thermosflasche anne Aabeit.

Ganz so selbstverständlich ist das Programm für die Anhängerschaft der von Linke-Fraktionschefin Sahra Wagenknecht ausgerufenen linken Sammlungsbewegung nicht. Aus den vor kurzem noch als "versprengtes Häuflein" (Focus online) gehandelten Früh-Aufsteher*innen ist ein stattlicher, über 100.000-köpfiger Haufen geworden, darunter Mitglieder und Sympathisanten der Linkspartei und (deutlich schwächer vertreten) der SPD und der Grünen. Die Führungsspitze bilden nach Darstellung Wagenknechts über 80 "Initiatoren", darunter Politiker des rot-rot-grünen Spektrums, viele Schriftsteller, Künstler und Professoren. Die Mehrheit links von Merkels CDU, die zumindest rein rechnerisch bis vor wenigen Jahren noch bestand, inzwischen aber aufgrund schwächelnder Prognosen mittels Stimmzettel nicht mehr realisierbar ist, soll sich nach Wagenknechts Plan nun im außerparlamentarischen Raum neu formieren, um auf Regierung und Parlament den notwendigen Druck auszuüben, Politik im Sinne der von Armut und sozialem Abstieg Bedrohten zu machen. Wagenknecht spekuliert sogar darauf, dass die etablierten Parteien unter eben diesem Druck ihre Listen "auch im eigenen Interesse" den Ideen und Mitstreitern der neuen Sammlungsbewegung öffneten; eine Erwartung, die "Focus online" (wohl nicht ganz zu Unrecht) trocken als "naiv" abtut.

Doch diese top-down statt bottom-up entwickelte Strategie, die - unter Beteiligung etablierter Parteien - letztlich in eine Regierung ohne Union bzw. eine neue Partei münden und zugleich die AfD in Schach halten soll, wiederholt im Grunde eine frustrierende Erfahrung der von früheren Bewegungen Enttäuschten, die erleben mussten, dass die SPD am Ende auch nicht mehr Demokratie wagte als Union und FDP, die DKP zu einem Anhängsel der SED degenerierte bzw. in sektiererische K-Gruppen zerbröselte, die Grünen spätestens mit dem Eintritt in diverse Regierungen verspießerten, die Gewerkschaftsbewegung sich unter Brioni-Kanzler Schröder selbst entmachtete und diverse Aktionsbündnisse für Naturschutz, Menschenrechte o.ä. als NGOs Teil des Systems wurden.

Dem entsprechend ist bereits früh ein Riss erkennbar zwischen denjenigen, die mit dem Engagement für die neue Sammlungsbewegung eine basisdemokratische Beteiligung ohne Partei- und Vereinsgedöns unterstützen wollen, und denjenigen mehr oder weniger demokratisch legitimierten Führungskadern, denen es in erster Linie um das Einsammeln von genügend Fußvolk für die von ihnen okkupierten Untergliederungen zu tun ist.

Eilends werden nun auf Facebook "geschlossene Gruppen" (!) gegründet, die Gebietsschutz für ganze Metropolregionen oder gar Bundesländer beanspruchen. Das neu erschlossene Territorium wird aufgeteilt wie bei der Landnahme europäischer Siedler oder Goldsucher im amerikanischen Westen. Die Indianer werden nicht gefragt. Wer als erster da ist, bekommt den größten Batzen Farmland oder steckt sich den vielversprechensten Claim ab. Und natürlich ist er damit zugleich der Bestimmer, wie das Beispiel der "Gruppe Hessen" der Sammlungsbewegung Wagenknecht zeigt.

"Dies ist die offizielle regionale Gruppe von Aufstehen Hessen" verkündet da ein rauschebärtiger Daniel R. Auch "inoffizielle Gruppen" schießen wie Pilze aus dem Boden. Dies sorgt für nicht geringe Irritationen, zumal Daniel R. ganz spontan erstmal "Gründungsmitgliedsabzeichen" an verschiedene Chat-Teilnehmer ausgibt und eigenmächtig einen Marcel B. zum Administrator ernennt. Und wenig später erscheint eine Meldung, dass "Aufstehen" - durch wen auch immer - Anton F. und Daniel R. in ihren Administratoren-Funktionen bestätigt habe. Dass auch Marcel B. noch dabei ist, erfährt man nur bei sehr aufmerksamem Durchforsten der Ankündigungs-Rubrik. Dafür werden "Daniel und 9 weitere Personen" so offiziell, wie dies in diesem Rahmen nun einmal möglich ist, als "Gründungsmitglieder" nachdiplomiert, denn sie hätten laut 'Aufstehen' "geholfen, die Gruppe Aufstehen Hessen aufzubauen, indem sie sie geteilt, Personen dazu eingeladen oder Beiträge verfasst" hätten, "als sie neu erstellt wurde." Nicht dafür. Aber Ehre, wem Ehre gebühret.

Doch schon regen sich selbst unter den zu Gründungsmitgliedern Geadelten Zweifel an der Seriosität dieser Hauruck-Prädikatisierung. Ein Ralph O. postet:

>> Das ganze kommt mir nicht so koordiniert vor. Ist das "offizielle" Aufstehen beteiligt? Ohne klare Strukturen werde ich nicht in einer Gruppe mitarbeiten. Ich wünsche der Gruppe Aufstehen Rhein-Main alles Gute. <<

Und das Gründungsmitglied Peter K. legt gleich beherzt den Finger in die Wunde:

>> Neben dieser off. Gruppe hier gibt es weitere, nicht offizielle Gruppen (siehe Liste) die sich bereits in den letzten Wochen/ Tagen gegründet haben mit dem Ziel der Vernetzung. Möglicherweise wurde dies bei AUFSTEHEN übersehen. Wie stellt Ihr Euch die Zusammenarbeit vor? <<

Tja, nur wer sollte das beantworten? Einen Ansprechpartner bei "Aufstehen", an den sich jeder Bewegte der Bewegung wenden könnte, gibt es nicht. Dafür aber machen die Administratoren die Veröffentlichung individueller Beiträge gleich mal von einer Freigabe durch sie ganz persönlich abhängig. Ist das der Weg, "Menschen in ganz Deutschland im Internet zu vernetzen", alle potenziellen "Unterstützer zu ermutigen, vor Ort aktiv zu werden" und als erstes mal "eine Debattenplattform" zu testen, "auf der Menschen miteinander in Kontakt treten und diskutieren können" (siehe http://www.fr.de/politik/sammlungsbewegung-aufstehen-grosse-worte-vage-ziele-a-1576407)? Da drängen sich offensichtlich Zweifel auf, auch wenn die Administratoren betonen, dass die offiziellen Gruppen nur vorübergehender Natur seien und ihre Funktionen baldmöglichst in die Hände der Regionalgruppen vor Ort gelangen sollen. Einige Bewegte der ersten Stunde reagieren nun ausgesprochen verärgert und stellen ihren Ausstieg in Aussicht. Ausgesprochen bissig schreibt Gründungsmitglied Peter K.:

>> ...ich bin Euch dankbar, weil ihr mich vor weiterem Engagement und Zeitaufwand bewahrt habt, wenn Ihr das alles so meint wie es geschrieben ist. So, so es soll Workshops geben in verschiedenen Städten mit ausgewählten Leuten. Toll, und der Rest? Die nicht ausgewählten Mitstreiter? Die sind draußen , kriegen nur Infos aus zweiter Hand wenn überhaupt. Schön, dass Ihr diesen handwerklichen Fehler gleich am Anfang macht, bevor ich viel Zeit investiert habe. Stimmvieh und Hinterherläufer waren wir alle lange genug. Wir sind nicht aufgestanden, um es weiter zu sein.
Wir brauchen keine Workshops für handverlesene Aktivisten. Wir brauchen Informationen für alle. Jeder, der was macht, soll auch mitreden können. Schlimm genug, wenn Leute ohne Internet nicht mitreden, mitbestimmen können. Workshops sind gut, aber wenn schon alles übers Internet laufen muss, warum macht Ihr dann nicht Tutorials über Facebook, die alle sehen können? Warum gebt ihr die Funktion Beitrag erstellen nicht für alle frei? Wir können doch drüber reden.
Was wollt Ihr mit den Workshops? Ausgewählte Leute briefen, wie man andere indoktriniert? Ihr habt längst ein festes Konzept, wie ihr etwas umsetzen wollt, sonst gäbe es keine Workshops. Vielleicht ist noch offen und diskutierbar, was denn umzusetzen ist, aber der Weg ist schon vorgezeichnet.
Das wollt ihr in den Workshops transportieren. Stimmts? Kommt, seid ehrlich.
Macht Eure Workshops von mir aus, baut die üblichen Strukturen auf aus Wissenden und Mitläufern, wenn Ihr das wollt. Besser und demokratischer, durchschaubarer und transparenter wäre etwas anderes. Die Infos, die auf euren Workshops an die Teilnehmer, wohlgemerkt handverlesene, weiter gegeben werden, könnt Ihr wunderbar in ein kurzes Video packen. Gebt die Funktion „Beitrag erstellen“ frei und wir reden drüber. Alle zusammen. Das ist so richtig demokratisch. Wenn es denn gewollt ist. Verlinkt es auf den Seiten der Bundesländer, also den „Offiziellen“. Was ist schon „inoffiziell“? Schließlich sind wir ja alle dabei. Wir verlinken es auf den inoffiziellen Seiten weiter. Alles kein Problem. Ein Problem sind Workshops für Auserwählte.
Überlegts Euch. Hier waren schon ganz viele Menschen sehr aktiv. Wenn Ihr die nicht braucht. Ok.
Ihr schafft das!!!!! <<

Ein weiteres Mitglied fühlt sich durch die ominöse Oberinstanz "Aufstehen" an "Big Brother" bzw. Gerorge Orwells "Animal Farm" erinnert und postet:

>> Problem 1: Es fehlen Erfahrungen mit Bewegungen. Problem 2: Es fehlt Transparenz. Wer hat sich eigentlich hier selbst ermächtigt, zu bestimmen, welcher Beitrag zum Aufbau der Bewegung / der Gruppen usw. frei geschaltet und welcher unter Verschluss gehalten wird? Die demokratische Legitimation ist momentan der Schwachpunkt der Bewegung. Die ersten kritischen Analysen der Aufbau-Arbeit, die sicherlich schon in Arbeit sind, werden der Bewegung die Spitze abbrechen. Kleiner Zweizeiler:
"Alle sind gleich!" tönt es von oben.
Wie in George Orwells Schweinekoben!
https://www.youtube.com/watch?v=YGCo5Tva39s
<<

13:36 09.09.2018
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