Radikale Freiheit der Neunziger

Urbanität Die Bremer Ausstellung „Im Inneren der Stadt“ zeigt, wie Kunst auf den öffentlichen Raum reagiert
Ausgabe 30/2015

Auf Brachen, in verwaisten Läden und anderen leerstehenden Gebäuden ist in Bremen seit Samstag die Ausstellung Im Inneren der Stadt zu sehen. Auch drei Kunsthäuser zeigen Werke, die sich mit dem öffentlichen Raum beschäftigen: die Gesellschaft für Aktuelle Kunst (GAK), das Studienzentrum für Künstlerpublikationen und das Künstlerhaus.

Im Schwerpunkt geht es um Irritationen alltäglicher urbaner Gewohnheiten, um die Grenze zwischen öffentlicher und privater Sphäre. Das sind Debatten, die in den 90er Jahren ihren Anfang nahmen. Das Künstlerhaus widmet sich etwa der Frage nach der Veränderung von Öffentlichkeit durch digitale und soziale Medien, das Studienzentrum zeigt Werke aus der eigenen historischen Sammlung, etwa Plakate und Aufkleber für den Straßengebrauch.

Der mitschwingende Verweis auf die 90er Jahre ist dabei kein Makel, sondern markiert hier eine Art von Freiheit. Bremen ist eine seltsame Insel, von der man gar sagt, dort herrschten noch immer die 80er Jahre. Was man aus anderen Städten als Gentrifizierung kennt, hat die Hansestadt bislang höchstens gestreift. Selbstverständlich wird auch in Bremen gerne ausgiebig über Mieterhöhungen gejammert. Obwohl Entwicklungen wie in Hamburg oder Berlin hier weitgehend unbekannt sind.

Die Zahl der Zugezogenen bleibt relativ übersichtlich. Die meisten neuen Bremer kommen jeweils im Oktober in die Stadt – zum Studium. Danach sucht, wer noch etwas werden will, schnell das Weite. In Bremen, der Stadt der kurzen Wege und schönen Badeseen, macht Arbeitslosigkeit Spaß, Karriere machen sollte man woanders. Außerdem ist es für Immobilienkonzerne schwer, etwa im angesagten Szenebezirk der östlichen Vorstadt, ganze Blocks aufzukaufen. Zusammenhängende Komplexe sind rar, jedes Häuschen gehört einer anderen Oma mit 68er-Hintergrund.

So kommt die Ausstellung weitgehend ohne Bezüge zu aktuellen Brennpunktthemen aus. Gerade diese Freiheit von einem realpolitischen Muss macht eine gewisse Radikalität möglich. So ist bei der GAK eine Rauminstallation aus Stahlrohren von Marcel Hiller zu sehen: Die Rohre liegen gebündelt quer über dem Boden, zu den Rändern hin schießen sie steil in den Raum. Wer seinen Weg durch die Ausstellung fortsetzen will, muss da irgendwie durch. Die Kunst steht im Weg. Wenn man drauf tritt, vibrieren die Seitenarme und machen Lärm. Aber so ein brachiales Ding hält die Gewalt eines Fußtrittes schon aus. Die Stadt ist schließlich immer ein ambivalenter Raum voller Hindernisse.

Einer ähnlichen Ästhetik folgt die Arbeit von Tim Reinecke. Von den mit Kieselsteinen besetzten Blumenkübeln, die in Städten oft die Plätze vor Behörden zieren, hat er Betonabgüsse gemacht. Eingepflanzt hat er – nicht in Erde, sondern flüssigen Beton – einige Büropalmen. Eine davon ist bereits gelb, es ist abzusehen, dass sie braun wird und stirbt. Was will man von einem Behördenmöbel auch anderes erwarten?

Einen ganz konkreten lokalpolitischen Rahmen hat die Großausstellung dann aber doch: Alle drei Kunstinstitute liegen auf oder direkt am Teerhof, einer sehr zentral gelegenen künstlichen Weserinsel. Die Bremer Kulturbehörde hat in der Vergangenheit oft mit Umzugsforderungen genervt. Anstatt der Kunst würden dort dann vermutlich ausgedorrte Büropalmen ihren Platz finden.

Info

Im Inneren der Stadt. Öffentlicher Raum und Frei-Raum GAK u. a. Bremen, bis 11. Oktober 2015

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