KZ - Gedenktag

Natzweiler-Struthof In Vergessenheit geratene Orte des Grauens
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Der Ort des Grauens, Natzweiler–Struthof, F – 67 130 Natzwiller,... Département Bas-Rhin(67) ist ein weitgehend vergessenes Lager der Nazis. Es wird selten erwähnt bei der Aufzählung des Grauens. Das Konzentrationslager Natzweiler-Struthof war ein Straf-Arbeitslager der Nazis nahe dem Ort Natzweiler, heute Natzwiller im Elsass, etwa 55 Kilometer südwestlich von Strassbourg , 8 Kilometer vom Bahnhof Rothau entfernt, auf einem Gipfel der Vogesen in 800 Metern Höhe. Es liegt zwischen Molsheim und Sélestat.

Im September 1940 machte der SS–Oberführer und Geologe Blumberg die Stelle in den Vogesen ausfindig, an der sich eine Ader mit seltenem roten Granit befindet. Im Auftrag des Reichsführers SS Heinrich Himmler und Oswald Pohl, dem Leiter des SS-Wirtschafts-und Verwaltungs-Hauptamtes, wurde daraufhin beschlossen, in 800 Meter Höhe am Nordabhang des Mont-Louise ein Konzentrationslager für 4000 Gefangene zu errichten. Blumberg war bei den Deutschen Erd-und Steinwerken (DEST) angestellt, einem SS-Betrieb, der von Himmler 1938 gegründet worden war. Die Firma war auf den Abbau von Steinen spezialisiert und setzte Deportierte für die härtesten Arbeiten ein.

Der rote Granit von Natzweiler-Struthof sollte auf Wunsch von Hitlers Architekt Albert Speer für den Bau des “Deutschen Stadions” in Nürnberg verwendet werden. Am 1. Mai 1941 begann der Bau des Konzentrationslagers, am 21. und 23. Mai kamen in zwei Transporten die ersten Deportierten aus Sachsenhausen an. Mit rund 7000 Gefangenen war das Lager Ende des Jahres 1944 deutlich überfüllt. Etwa 52.000 Personen aus ganz Europa sowie den nahegelegenen Gefängnissen in Epinal, Nancy, Belfort, Besançon und Dijon wurden dorthin sowie in die Aussenlager deportiert. Allein aus Frankreich kamen 6.800 meist aus rassistischen oder aus politischen Gründen Gefangene. Von den 6.800 Franzosen gehörten 60% der französischen Résistance an und wurden entweder von der SS, der SIPO, des SD, der Geheimen Feldpolizei oder der Abwehrleitstelle “Ast” in Dijon, Abteilung Gegenspionage ( Leiter: Sonderführer–Z Walter Kähni) nach Natzweiler–Struthof deportiert. 22.000 Inhaftierte starben in Folge von Entkräftung, Kälte, Mangelernährung und lagerbedingten Krankheiten, oder sie wurden direkt ermordet. Die Gefangenen mussten bei kargen Mahlzeiten in den umliegenden Steinbrüchen für Speers geplante Monumentalbauten körperlich schwer arbeiten. Die dadurch verursachte Todesrate betrug fast 40 %. (Zum Vergleich KZ Struthof 66,5%, KZ Auschwitz 57%, KZ Mauthausen 52,5%, KZ Neuengamme 50%, KZ Sachsenhausen 42%, KZ Bergen-Belsen 40%, KZ Buchenwald 25 %). In Struthof starben allein im Jahre 1941 87 % der Gefangenen innerhalb der ersten sechs Monate. Im Jahre 1942 waren es “nur noch” 60% der Deportierten, die innerhalb des ersten halben Jahres starben.

Darüberhinaus wurden Gefangene auf mehrere Arten ermordet: Durch Genickschuss, in der Gaskammer, sowie durch Erhängen. Beim Erhängen gab es zwei Varianten: Bei geheimer Hinrichtung wurde die Person auf einen Schemel gestellt, der dann weggestossen wurde. Das Genick brach und der Tod trat sofort ein. Bei öffentlichen Hinrichtungen mussten sich die Todeskandidaten auf eine Falltüre stellen. Der Strick um den Hals wurde bereits vorher angezogen, sodass das Genick nicht brach. Die sich langsam öffnende Falltür verursachte dann einen schrecklichen Erstickungstod, der sich über mehrere Minuten hinziehen konnte. Natürlich wurden wie in fast allen Konzentrationslagern grausame Menschenversuche durch SS – Ärzte an den Gefangenen durchgeführt. Es wurden Typhuserreger injiziert und mit den Kampfstoffen Senfgas experimentiert.

Aus Dijon wurden im Jahre 1944 107 Frauen und Männer der Widerstandskämpfer der Gruppe Réseau Alliance eingeliefert, die in Natzweiler-Struthof sofort durch Genickschüsse und den Strang ermordet wurden. Die noch existierenden Einlieferungscheine beweisen eindeutig, dass diese Widerstandsgruppe von der Dienststelle “Ast” der Abwehrleitstelle der Wehrmacht in Dijon, Abteilung Gegenspionage in das Konzentrationslager überstellt wurden. Von derselben Dienststelle wurden vier britische Frauen, Mitglieder des britischen Geheimdienstes, nach Natzweiler-Struthof zur sofortigen Hinrichtung überstellt. Als Angehörige der Special Operations Executive (SOE) von der Gegenspionage der Dienststelle “Ast “ in Dijon enttarnt, wurden sie am 6. Juni 1944 mit Phenolspritzen ermordet Nach der Befreiung Frankreichs 1944 existierte das KZ – Natzweiler-Struthof auf dem Papier der deutschen Behörden weiter als Stammlager der vielen Aussenlager, die zwischen Südhessen und im gesamten Bereich Baden und Württemberg errichtet wurden. Die Häftlinge wurden auf sogenannte Todesmärsche geschickt, um sie den herannahenden alliierten Truppen zu entziehen. Es kam dabei auch zu Massenexekutionen an Gefangenen, die nicht mehr gehen konnten.

In zehn Aussenstellen des KZ Natzweiler–Struthof sollte von 1944 an zwischen Hechingen und Rottweil im dortigen schwäbischen ‘Jura’ Ölschiefer im Tagebau gebrochen, in Mailer geschichtet, verschwelt und so zu Öl umgewandelt werden. Öl war knapp. Um nur einige der zahlreichen Aussenlager zu benennen: KZ Bissingen, KZ Erzingen, KZ Dormettingen, KZ Schömberg bei Balingen, KZ Haslach im Kinzigtal, wo alleine 210 Häftlinge ermordet wurden. Zahlreiche Massengräber zeugen heute noch von den grausamen Verbrechen und dem elenden Sterben der Häftlinge der KZ – Aussenlager von Natzweiler-Struthof. Das KZ Echterdingen wurde ab dem November 1944 auf dem Fliegerhorst Echterdingen eingerichtet. Im Jahre 1945 wurde auch dieses Lager aufgelöst. Zurück blieben nur Massengräber. Ein weiteres Aussenlager befand sich in Geislingen/Steige, wo die Häftlinge für die Württembergische Metallwarenfabrik ( WMF) arbeiten mussten. Die Aufseherinnen wurden im KZ Ravensbrück ausgebildet. Bei Anrücken der Alliierten wurden diese Häftlinge in das KZ Dachau “evakuiert”. Daneben gab es noch zahlreiche andere KZ Aussenlager von Natzweiler-Struthof: KZ Neckarelz, KZ Bruttig-Treis an der Mosel, KZ Mannheim-Sandhofen, KZ Aussenlager Spaichingen bei Tuttlingen, die in einem zehntägigen Marsch in das Allgäu deportiert wurden. Nur etwa die Hälfte der Deportierten überlebten den Todesmarsch, sowie dem KZ Aussenlager Heppenheim, deren Insassen ebenfalls nach Dachau deportiert wurden.

Der damalige Lagerkommandant, der schon vor Natzweiler– Struthof und danach im KZ- Bergen-Belsen Kommandant verschiedener Konzentrationslager war, war die sogenannte Bestie von Bergen-Belsen, SS–HauptsturmführerJosef Kramer. Er wurde am 10. November 1906 in München geboren und wurde am 13. Dezember 1945 von den Alliierten hingerichtet. Seine NSDAP Mitgliedsnummer war 753.597. Er kam aus einfachen Verhältnissen, zog mit seinen Eltern nach Augsburg und wurde Elektriker. Er war in einem Warenhaus angestellt und arbeitete auch als Buchhalter. Von 1925 – 1933 war er praktisch arbeitslos. Am 20. Juni 1932 trat er in die SS ein (Mitgliedsnummer 32.217). Vom November 1934 bis Juni 1936 arbeitete er im KZ Esterwegen in der Kommandantur. Danach kehrte er nach Dachau zurück, wo er im Schreibdienst eingesetzt wurde. Danach war bis 1938 im KZ Sachsenhausen in der Adjudantur beschäftigt und stieg dann zum Leiter der Poststelle auf. Erst im KZ Mauthausen bei Linz in Österreich stieg er erstmals in den direkten Lagerdienst auf. Nach einer Station in Auschwitz absolvierte er die Schulung zum Lagerführer im KZ Dachau. Danach erst wurde er im KZ Natzweiler-Struthof als Schutzhaftlagerführer eingesetzt. Im Jahre 1942 stieg er zum Lagerkommandanten auf. Im Frühjahr 1943 erhielt er das Kriegsverdienstkreuz 2. Klasse. Er erhielt im Jahre 1945 das Kriegsverdienstkreuz erster Klasse, wurde aber bei der Befreiung des Konzentrationslagers verhaftet und von einem britischen Militärgericht zum Tode verurteilt. Das Urteil wurde am 13. Dezember 1945 durch den britischen Henker Albert Pierrepoint vollstreckt.

Der Leiter der Abteilung Gegenspionage in der Dienststelle AST der Spionageabwehr der Wehrmacht war Sonderführer-Z Walter Kähni und enger Freund des Chefs des SD im Reichssicherheitshauptamt (RSHA), SS-Brigadeführer Walter Schellenberg. Sie waren vor dem Krieg beides Rechtsanwälte, Schellenberg am Landgericht Saarbrücken und Kähni am Landgericht Konstanz. Beide wurden für ihre Verbrechen nie belangt. Walter Kähni (ATB-Verbindungsname 'SPATZ‘) tauchte bis 1948 unter und konnte eine beachtliche Nachkriegskarriere in der Bundesdeutschen Justiz und in der Politik machen, Walter "Schelle" Schellenberg sagte als Kronzeuge der Anklage im Nürnberger Kriegsverbrechertribunal gegen den Chef des RSHA SS-Obergruppenführer Ernst Kaltenbrunner aus. Angeblich verstarb er 1953 in Turin, was eine Lüge ist. Er wurde Geheimdienstchef des argentinischen Präsidenten Juan Domingo Peron und arbeitete künftig sehr eng mit der CIA zusammen. Der Chef der Geheimen Feldpolizei in Dijon war SS-Oberführer Wilhelm "Willi" Kriechbaum. Er war es auch, der die Wehrmachtsstammakte von Walter Kähni „reinigte“ und selbst hoher Beamter bei der Organisation Gehlen, dem späteren BND, wurde.

Quellen:

1. Deutsche Dienststelle für die Benachrichtigung der nächsten Angehörigen der deutschen Wehrmacht (WASt)Berlin AZ: II D 223/1155/10

2. Musée municipale de Natzwiller, Département Bas-Rhin)

3. Gedenkstätte im KZ Natzweiler-Struthof

4. Musée de la Résistance et Déportation Belfort und Besançon

5. Zeitgeschichtliche Dokumentation von Rainer Kahni: "TOSCA“

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Auszug aus dem Buch TOSCA von Monsieur Rainer

15:19 07.05.2014
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Rainer Kahni

Rainer Kahni besser bekannt unter dem Namen Monsieur Rainer ist Journalist und Buchautor. Er ist Mitglied von Reporters sans frontières.
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Rainer Kahni

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