Sonnenscheinpolitik abgesagt

Kommentar Spannungen zwischen Seoul und Washington

"Wer auf der Matte schläft", lautet ein koreanisches Sprichwort, "der fällt nicht tief". Seit die Bush-Regierung von ihren Washingtoner Hochsitzen aus Kriegspläne im Mittleren Osten schmiedet, sinkt auch ihr Ansehen in Fernost. Ausgerechnet im "Frontstaat" Südkorea nehmen Proteste gegen die US-Politik im Lande an Heftigkeit zu. Wenn gar in der Metropole Seoul sich neben aufgebrachten Studenten engagierte Künstler und Kirchenmänner sowie wohl situierte Angestellte in politische Demonstrationen einreihen, dann ist etwas in Bewegung geraten. Das letzte Mal geschah dies 1987 auf dem Höhepunkt der Demokratiebewegung gegen das herrschende Militärregime.

Anlass des Unmuts über den transpazifischen Schutzpatron ist der Tod zweier Schülerinnen, die im Juni von einem amerikanischen Militärfahrzeug zermalmt wurden. Die beiden Todesfahrer bleiben auf freiem Fuß. Exkulpiert von einer US-Militärjury, nicht etwa einem südkoreanischen Zivilgericht. Folgerichtig fordern in Südkorea immer mehr Menschen zumindest eine Änderung des Stationierungsabkommens für die 37.500 GIs im Lande. Korea ist der einzige Ort, wo noch heute ein US-General in Personalunion als Kommandeur der dort stationierten US- und UN-Truppen sowie der südkoreanischen Streitkräfte in einem fremden Land residiert - eine Besonderheit Südkoreas als Resultat seines "Frontstaat-Charakters" seit dem Ende des Zweiten Weltkrieges.

Die derzeit grassierende amerikafeindliche Stimmung erklärt sich ist aus der Arroganz, mit der Washington strategische Belange auf Kosten Seouls durchsetzt. Was einst vielversprechend auf Entspannung zwischen beiden koreanischen Staaten hindeutete, wird seit dem Amtsantritt Bushs brüsk beiseite geschoben - vor allem die von Präsident Kim Dae Jung verfolgte "Sonnenscheinpolitik" gegenüber dem Norden, für die er den Friedensnobelpreis 2000 erhielt. Man erinnere sich, selten ist ein Staatsgast dermaßen abgekanzelt worden wie Kim anlässlich seines Amerika-Besuches im März 2001. Der neue Chef im Weißen Haus nannte Nordkorea ohne Umschweife einen Bedrohungsfaktor und einen "soft approach" vis-à-vis Pjöngjang naiv. Die "Sonnenscheinpolitik" geriet so auf die Verlustliste der Anti-Terror-Kampagne der USA, was in Südkorea bis heute auf heftige Kritik stößt. Als jüngst ein nordkoreanischer Frachter mit Scud-Raketen an Bord im Persischen Golf von US-Marines inspiziert wurde, sahen südkoreanische Medien und Politiker darin ein Manöver Washingtons, die wachsende anti-amerikanische Stimmung zu neutralisieren. Einseitig erklärte Bush Nordkorea zu einem Teil der "Achse des Bösen". Ebenfalls ohne vorherige Absprache mit Seoul beharrt Washington auf "Präventivschlägen" gegen "Schurkenstaaten", was die Lage auf der koreanischen Halbinsel nicht nur schwer belastet, sondern auch jeder vernünftigen politischen Kalkulation entzieht.

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