Standortfaktor

Konkurrenz Der Streit um die Berliner NS-Gedenkstätten

Michael Naumann war zuweilen sprunghaft. Dennoch hat er es als Kulturstaatsminister verstanden, große Kulturangelegenheiten weit sichtbar durchs Dickicht der Politik zu schieben. Von Christina Weiss lässt sich das nicht wirklich sagen. Mit ihrer eher zaghaften Diskursfreudigkeit wird die 51-jährige Literaturwissenschaftlerin zuweilen eher selbst zur von der Kultur Geschobenen. Ihre Sache sind nicht die großen Würfe; eher die banalen Strukturreförmchen.

So auch Anfang dieses Monats, als sie ihr Konzept für die Berliner NS-Gedenkstätten präsentierte. Die Gedenkstätte Deutscher Widerstand, das Haus der Wannsee-Konferenz, die Stiftung Denkmal für die Ermordeten Juden Europas und die Stiftung Topographie des Terrors sollen unter einem Dach mit dem Namen "Stiftung der NS-Verbrechen" zusammengeführt werden. Jeder Erinnerungsort solle einen Leiter und einen wissenschaftlichen Beirat bekommen. Darüber, so das Konzept von Weiss, soll ein kaufmännischer und ein wissenschaftlicher Direktor thronen.

Doch wie das so ist mit der deutschen Erinnerungslandschaft: Was als unspektakuläre Präsentation beginnt, kann schon bald in einem geschichtspolitischen Diskurs abgleiten. So auch in diesem kalten Berliner März. Bald nach Weiss´ Statement meldeten sich namhafte deutsche NS-Forscher, darunter Götz Aly, Norbert Frey und Ulrich Herbert zu Wort und lenkten das Augenmerk von der Struktur auf den Inhalt.

Besonders Ulrich Herbert war es, der einen Ort vermisste, an dem eine "Gesamtaussage" zum Nationalsozialismus getroffen werde. Den Berliner Gedenkstätten mangele es an einer "integrierenden Perspektive". Zudem seien sie sträflich deutschland- und somit täterzentriert. All das, so Herberts Fazit, bedürfe einer grundlegenderen Reform. Wollten die Berliner Gedenstätten mit Yad Vashem oder dem United States Holocaust Memorial Museum mithalten, dann reiche ein neu geschaffener "Frühstücksdirektor" nicht aus.

Das saß. Und in der FAZ legte er sogleich nach. Unter der Überschrift Gut gemeint genügt nicht ging Herbert gar so weit, die Berliner Erinnerungslandschaft als "überkommen" abzutun. Schließlich, so die weitschweifig ausgeführte Meinung des Freiburger Historikers, stammten die Strukturen der Erinnerung aus den achtziger Jahren und seien inhaltlich wie formal weitgehend laienhaft - ein Resultat einer Bürgergesellschaft, die sich in Geschichtswerkstätten und Schülergruppen nach und nach die lokale Historie angeeignet hätte.

Derartige Projekte hat es in der Tat reichlich gegeben. Herbert, bis 1980 selbst Studienrat für Deutsch und Geschichte, mag da aus eigener Erfahrung sprechen. Für die zur Debatte stehenden Gedenkorte gilt das in weiten Teilen jedoch nicht. Berlin ist nicht Batzenhäusle im Breisgau. Die Gedenkstätte Deutscher Widerstand etwa geht zurück auf eine Initiative aus dem Jahr 1968. Ideengeber waren nicht irgendwelche Pennäler, sondern ein Kreis um die einstigen Widerstandskämpfer. Verantwortet hat sie damals der Historiker Friedrich Zipfel. Die Gedenkstätte Haus der Wannseekonferenz ist zwar in der Tat erst in den achtziger Jahren unter der Leitung von Gerhard Schoenberner eröffnet worden. Die Idee reicht jedoch weit zurück in die sechziger Jahre. Letztlich verdankt sich der Ort dem Engagement des Historikers und Holocaust-Überlebenden Joseph Wulf. Dass man schon jetzt über Ausstellungen streitet, die es, wie bei dem Ort der Information und der endgültigen Lösung für die Topographie des Terrors, noch gar nicht gibt, lässt zudem tief blicken.

Herberts Kritik macht aber dennoch auf ein bestehendes Defizit aufmerksam: Viele der Ausstellungen sind nicht mehr auf dem aktuellsten Forschungsstand. Unprofessionell sind sie damit noch lange nicht. Um dies zu ändern, bedarf es keines großen Wurfs, sie müssten inhaltlich umgearbeitet werden. Im Haus der Wannseekonferenz fängt man damit noch in diesem Jahr an.

Erinnerung ist ein Akt von Trauer und Scham. Jedes Land bedarf gemäß seiner Geschichte einer ganz eigenen Erinnerungslandschaft. Hier geht es nicht um "Konkurrenzfähigkeit", die die Süddeutsche Zeitung vermisst hatte, sondern um Angemessenheit. Dass sich in den Berliner Gedenkstätten nicht nur Geschichte, sondern immer auch Nachgeschichte spiegelt, erzählt viel vom Umgang und Nicht-Umgang mit der historischen Verantwortung im Land der einstigen Täter. Die Berliner Gedenkstätten sind somit nicht überholt sondern einzigartig.


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