„Fashion is the message!“

Das zieht an! Mode, Trends und Hintergründe in der aktuellen Sonderausstellung des HNF Paderborn
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Unter dem Namen „Fashion Talks – Mode und Kommunikation“ steht die aktuelle Sonderausstellung im Heinz-Nixdorf-Forum in Paderborn ganz im Zeichen der Mode. Gemäß dem Motto: „You are what you wear.“

Das weltgrößte Computermuseum besticht beizeiten auch durch Ausstellungen, die auf den ersten Blick wenig mit Technik und Naturwissenschaften zu tun haben. Derzeit gewährt die Sonderausstellung „Fashion Talks“, arrangiert und ins Leben gerufen vom Museum für Kommunikation in Berlin, Einblicke in die Welt der Mode und ihrer sozialen Bedeutung für Individuum und Gesellschaft. Drei Thesen stehen im Vordergrund dieses vielseitigen und doch räumlich klar gegliederten Gesamtensembles.

Mode als essentieller Teil der Menschheitsgeschichte

Ein kleines Gedankenexperiment: Stellen Sie sich beim Bummel durch die Fußgängerzone vor, alle Menschen, Sie selbst eingeschlossen, wären nackt. Skurriles Kopfkino? Zurecht. Menschen sind es einfach nicht gewöhnt, FKK in der Öffentlichkeit zu betreiben. Seit ihrem Anbeginn hat die Menschheit sich der Kleidung bedient – aus funktionalen und moralisch-gesellschaftlichen Gründen heraus. Der Urmensch bedeckte seinen Körper mit Fellen erbeuteter Tiere, um sich vor Kälte zu schützen; Ureinwohnerstämme in südlichen Regionen der Welt pflegen teilweise noch heute ihre ganz urtümliche, spezielle Schmuck- und Farbentradition; in dem schier unüberblickbaren Dschungel von Modestilen und Trends versuchen vor allem Individuum des westlichen Kulturkreises immer wieder, eine eigene, authentische Identität zu finden und zu inszenieren. Funktionalität, Gruppenidentität, (Selbst-)Inszenierung. Die Ausstellung vermag alle drei Komponenten dieses Sinnkonstrukts zu verdeutlichen. Sie zeigt reflektierende und sensorische Kleidungsstücke, wie einen voll funktionierenden „Kommunikationshandschuh“ für Taubstumme und einen kunstvollen Mantel mit integrierter kugelsicherer Weste, sowie unterschiedliche Arten von Tarnkleidung. Dass Muster und Stoffe oft eine lange Tradition haben und immer wieder unter dem Einfluss soziokulturellen Wertewandels ihre Bedeutung für potentielle Trägergruppen verändern, zeigt unter anderem eine umfassende Darstellung und Erläuterung von „Klassikern“ wie dem Tweedmantel und dem legendärden englischen Karomuster. Wie stark sich Menschen mit Mode identifizieren und diese für sich modifizieren, zeigen eine umfassende Ausstellung verschiedenster Jeansmodelle und ein reflexiver Podcast, zu hören in einem ansonsten leeren Gang.

Mode als Statement – Statements aus der Modewelt

Kaum jemand kommt derzeit an den Begriffen der „Statement-Kette“ oder des „dezenten Understatement“ vorbei, um nur zwei Beispiele zu nennen. Auch wenn diese beiden Begriffe zwei vollkommen entgegengesetzte Pole persönlichen Stils darstellen, so haben sie doch eines gemeinsam: Sie sind Mode-Statements. Mode und Kommunikation. Der Untertitel dieser epochen- und stilübergreifenden Ausstellung verrät bereits den Fokus des Interesses – einen Hinweis auf ein beidseitiges Kommunikationsmodell, in dem sowohl „Sender“ als auch „Empfänger“ sich stets gegenseitig beeinflussen. Die Sender sind hier Designer und ihr professionelles Umfeld – die Empfänger Konsumenten und Benutzer im kommerziellen Zyklus. Zwischen ihnen stehen die Medien (Vermittler), die eine Kontaktaufnahme beider Parteien erst ermöglichen. Darauf weist beispielsweise eine Videoinstallation hin, in der die Vermarktung von Fashion in unterschiedlichen Epochen speziell durch die Übertragung von Modenschauen präsentiert und erläutert wird. Andersherum hat auch der Konsument zahlreiche Möglichkeiten, auf mediale Statements der Modeindustrie zu reagieren, individuell zu antworten. Beispiele hierfür sind Statement-Shirts und andere mit politisch ambitionierten Logos versehene Kleidungsstücke und Accessoires, welche in einer Reihe von Glaskästen ausgestellt sind.

Mode als Kunstform – Klassifizierung und Ambivalenz

Mode lässt sich ausdeuten und kreativ gestalten, sie ist Kunst. Das wird nicht immer nur auf exklusiven Modeschauen wie den verschiedenen Fashion Weeks evident, sondern auch im Kleinen, im eigenen Alltag. Ertappen Sie sich auch manchmal dabei, über einer besonders ästhetischen oder ausgefallenen Farbkombination oder über die vorteilhafteste Form eines Outfits zu grübeln, wenn Sie morgens vor dem Kleiderschrank stehen? Haben Sie schon einmal ein Shirt selbst entworfen und bedruckt beziehungsweise bedrucken lassen, um es selbst zu einem bestimmten Anlass zu tragen oder an jemanden zu verschenken? Dann sind Sie in guter Gesellschaft – im Grunde genommen sind Sie somit so ziemlich jeder. Sie machen Kunst, indem Sie Mode designen, kombinieren oder auch einfach nur tragen. Oder eher: Sie inszenieren sich mit dem stilistischen Mittel der Mode selbst als Kunstobjekt in den Augen Ihrer Umwelt. Wie aussagekräftig Mode in all ihren Ausprägung bezüglich des Charakters ihres Trägers ist, zeigt ein umfangreiches Schaubild in Überlebensgröße. Dort werden in schwarzer Schrift auf weißem Grund verschiedenste Motivationen aufgezeigt, sich für oder gegen einen Stil oder eine Marke zu entscheiden. Schlicht, einfach, und doch komplex. Wie jede Kunstform kennt auch die Mode eine große Zahl von Klassifizierungen und „Schubladen“, wie eine zunächst unscheinbare Kommode mit verschiedenen Symbolen bekannter Modestile und deren soziokultureller Kontexte verdeutlicht. Jede Schublade enthält einen Kleidungsstil, typische Symbole, einen in Dinge gefassten Zeitgeist. Hier lässt sich ganz klar eine für alle Kunstformen typische kontextuelle Einordnung, aber vielleicht auch eine Kritik an allzu starren Deutungskonzepten des Phänomens Mode ablesen. Eines machen die genannten Beispiele aber deutlich: Mode als Kunstform vereinigt eine Vielzahl von Bedeutungsebenen, sie diversifiziert aber auch auf jede erdenkliche Weise. Sie kann sowohl den Eindruck von Gemeinsamkeit als auch von Verschiedenheit erwecken, von Konformität und Devianz.

Für jeden Modeinteressierten, der schon immer auch einmal seine eigene Beziehung zu Fashion, Kleidung als Nutzwert und Medientrends verstehen und hinterfragen wollte, ist diese kostenlose Sonderausstellung im Paderborner Computermuseum sicher einen Besuch wert. Dafür sind noch einige Wochen Zeit – das kleine, aber informative Ensemble lockt noch bis zum 15. Juni 2014 mit seinen farbenfrohen Fashion-Statements.

Weitere Informationen finden Sie unter:

http://www.hnf.de/sonderausstellungen/fashion-talks-mode-und-kommunikation.html

Anna Katherina Ibeling

21:35 03.04.2014
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Geschrieben von

rebelcat86

- Master of Desaster ...äh Arts in Komparatistik - Kind der "Generation Praktikum" - Ironie on!
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