Killerblicke

Lookism und Frauen Vorsicht, das weibliche Auge schießt scharf - Friendly Fire voraus!

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Als Frau ständig mit Blicken ausgezogen zu werden, verunsichert gewaltig. Der ständig prüfende Beauty-Scanner-Blick, der bei Geschlechtsgenossinnen zu jeder Zeit zum Einsatz kommt, ist allerdings auch nicht viel besser – wenn nicht sogar schädlicher für das weibliche Selbstbewusstsein.

Wenn ich durch eine Fußgängerzone gehe, mit der Bahn fahre, mich auf Feiern herumtreibe oder einfach nur die Leute aus dem Straßencafé beobachte, mutiere ich gedanklich häufig von einem sachlichen Dr. Jekyll zu einem umtriebigen Dr. Hyde. Zumindest, wenn ich anderen Frauen hinterhersehe. Ja, ich wette, Frauen schauen anderen Frauen genauso oft hinterher wie ihre dafür verrufenen besseren Hälften, wenn nicht sogar häufiger. Man kann also nicht sagen, Frauen seien nicht voyeuristisch, sie folgen oft nur einem anderen Fokus. Ein paar Worte der Erklärung.

Natürlich erfinde ich das Rad nicht neu, wenn nun die Unterschiede des 'männlichen' Blicks (ausgehend vom heterosexuellen Mann) gegenüber dem 'weiblichen' (ausgehend von der ebenso heterosexuellen Frau) auf den weiblichen Körper und seine Erscheinung noch einmal beschreibe. Es handelt sich dabei nur um Alltagsbeobachtungen, die es wert sind, hin und wieder bewusst in Erinnerung gerufen zu werden. „Lookism“ ist – wie in einschlägiger (auch feministischer) Forschung immer wieder betont wird – ein Problem, das sowohl Männer als auch Frauen etwas angeht. Letztere sind dennoch noch stärker betroffen, unabhängig von Ethnie, Alter und Einkommen. Denn jede(r) hat einen „Look“, nachdem er bei jeder Gelegenheit, wo er auf andere Menschen trifft, beurteilt, übervorteilt oder diskriminiert werden kann.

Zurück zur (selbstironischen) Reflexion. Der soziale Vergleich – der Grund, warum wir andere Menschen vergöttern, gleichstellen oder herabsetzen – ist manchmal so untergründig wie oberflächlich, unterbewusst und voreilig bewertend. Wer hat sich schon nie beim Betrachten einer fremden Person – nehmen wir hier eine weibliche – Gedanken gemacht, die er oder sie niemals so aussprechen würde? Der Unterschied ist, dass „er“ meistens eher freundliches (oder sexuelles) Interesse in seinem Blick bekundet, „sie“ hingegen vor allem Negatives an der Erscheinung der Anderen sieht oder eine andere Frau um ihrer Äußerlichkeit willen auf ein Podest hebt und Neid oder Ehrgeiz empfindet, so zu werden wie sie.

Es hat seine Gründe, warum auf einmal wieder so viele Mädchen Topmodel werden wollen oder auf ein Cover kommen – die Vorbilder sind einfach zu verlockend. Traumfrauen, wie sie die Realität nicht hervorbringen kann. Traumfrauen, die der Maßstab für Menschen in der realen Welt sind – ohne Photoshop und unendlich Zeit, an ihr Äußeres zu denken. You lose. Zu oft ertappe ich mich bei Gedanken wie: „Für diese Beine würde ich morden.“/“Wie bekommt man einen so perfekten Bauch?“/“Wäre ich ein Typ, würde ich mich sofort in sie verlieben.“ Ohne Neid geht’s nicht. Neben manchen Zeitgenossinnen fühlt man sich eben wie ein Epic Fail der Natur. Andere dagegen.... haben es „schlechter“ getroffen. Zeit für ein wenig Selbstlob? „Was hat die denn da an?“/“Cellulite-Alarm!“/ „Puh, absolut falscher Hosenschnitt!“/ „Haben manche Leute keinen Spiegel zu Hause?“

Man spricht seine Gedanken nicht aus und hasst im nächsten Moment seine eigene Intoleranz. Man hofft, dass das Objekt des Spotts es nicht gemerkt hat, leider sind die Mitmenschen nicht so stumpf und simpel gestrickt, wie wir es uns manchmal vorstellen. Fakt ist: Wer von Kopf bis Fuß kritisch auf Fehler gescannt wird, dem entgeht das so wenig, wie es mir entgeht und mich auf der Straße schneller gehen lässt, wenn ich es bemerke. Sie haben es sicher auch schon gespürt, liebe Leserinnen und Leser.

Es spricht nichts gegen Neugierde, Hinschauen ist das Normalste der Welt. Entscheidender in Bezug auf Lookism ist die Frage, wie man eine andere Person betrachtet – als interessantes Unikat, als Mensch, oder doch nur als Objekt der Begierde, Illusion oder Person zweiter Klasse. Blicke können Beziehungen schmieden und Freude machen – sie können aber auch töten. Ich habe mir sagen lassen, Frauen sollen darin besonders gut sein.

Katherina I.

Der soziale Vergleich, der im Artikel mehrmals aufgegriffen wird, ist ein einschlägiger Begriff in der soziologischen sowie kulturwissenschaftlichen Körperbild- und Körperpolitikforschung. Lookism, also die Diskriminierung anhand der äußeren Erscheinung, gehört mittlerweile zu den Säulen des gängigen Feminismus und wird dort als ebenso schädlich erachtet wie z.B. Rassismus und Sexismus.

Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

rebelcat86

- Master of Desaster ...äh Arts in Komparatistik - Kind der "Generation Praktikum" - Ironie on!
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