Provokante Gesten statt Verständnis

Vertriebene Die Benennung von Erika Steinbach für das "Zentrum gegen Vertreibung" war eine aufschlußreiche Provokation der Polen. Da braucht man sich nicht zu wundern

Die Öffentlichkeit fällt immer wieder auf sich selbst herein. Lässt sie ein Thema eine Weile ruhen, betrachtet sie es als erledigt und tut höchst erstaunt, wenn dann doch noch etwas schwelt. Die heftige Debatte um die Stiftung „Flucht, Vertreibung, Versöhnung“ ist so ein Beispiel. Es war bekannt, dass Polen diesem Vorhaben bestenfalls mit Neutralität begegnen würde. Und es war auch bekannt, dass diese Hinnahme nicht als Zustimmung der Polen zu deutschen Positionen zu werten war.

Die Einigung über dieses Zentrum war ein mühsam erreichter Kompromiss, der aber offenbar nicht auf der deutschen Einsicht basierte, dass die Schmerzen des Anderen mitgefühlt werden müssen, um auf dem Pfad der Versöhnung voran zu kommen. Denn hier tat man so, als könne man mit genau den Leuten weitermachen, die den östlichen Partner immer wieder brüskierten: Mit Erika Steinbach zum Beispiel, die der Vertriebenenverband ohne Rücksicht auf das bereits zerschlagene Porzellan für den Stiftungsrat des Dokumentationszentrums nominieren will.

Im 70. Jahr des Überfalls auf Polen, dem Beginn des Zweiten Weltkriegs, ist das Trauma aber längst nicht bewältigt. Zu tief waren die Wunden, zu groß die Verbrechen. Die verbalen Hiebe aus den Reihen der Vertriebenenverbände rissen die sich vorsichtig schließenden Wunden wieder neu auf. Wer die Oder-Neiße-Grenze immer noch in Frage stellt, kann mit polnischem Entgegenkommen nicht rechnen, auch wenn – wie im Falle Steinbach – die Aussage wieder zurückgenommen worden ist. Dieser Schritt musste wie ein Kalkül wirken. Vor allem, weil Steinbachs spätere Zustimmung zur Osterweiterung der EU im Bundestag mit der ausdrücklichen, schriftlich hinzugefügten Ausgrenzung Polens einhergegangen ist.

Steinbachs verbales Bekenntnis zu Versöhnung unter diesen Umständen als Fortschritt zu begreifen, wäre zuviel verlangt von den Polen. Auch wenn die Vertriebenenchefin immer wieder Gesprächsbereitschaft betont, im Gegensatz zu ihren Vorgängern im Amt. Es kommt aber auf die konkreten Schritte an, auf das, was einer tut oder nicht tut, wie er reagiert. Und Worte wie „Erpressung“ oder „Verantwortungslosigkeit“, die die Vertriebenen im Streit um Steinbachs Nominierung Polen gegenüber immer wieder im Munde führen, sind wohl kaum geeignet, Versöhnung zu fördern.

Hinter diesem Vokabular verbirgt sich immer noch die selbstgerechte Überzeugung, der Andere sei am Zug, man selbst habe ja schon genügend Schritte weg von den ursprünglichen Positionen getan. Um zu versöhnen braucht es aber Verständnis für Gefühle, Befindlichkeiten, für historische Zusammenhänge und private Schicksale vor allem jener, die nicht im eigenen Umfeld lebten. Das war der Grund, warum das geplante „Zentrum gegen Vertreibung“ durch die Vertriebenenverbände, durch den Bereich „Flucht und Versöhnung“ ergänzt wurde und einer (hoffentlich) neutralen Institution wie einem historischen Museum unterstellt worden ist.

Diesen Kompromiss durch die Nominierung besonders exponierter Figuren bewusst zu konterkarieren, muss von Polen als provokante Geste gewertet werden. Sie wird jene beflügeln, die ihrerseits weiter fundamentale Vorbehalte gegen Deutschland formulieren. Kein gute Aussicht für ein Europa, das in der gegenwärtigen Wirtschaftskrise mehr als je zuvor mit einer Stimme sprechen will.



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