Die neue Architektur der Revolution

#GlobalChange Die Proteste in Peru, Brasilien und der Türkei beweisen: Die Revolution ist in vollem Gange. Horizontalität und Globalität sind ihre Merkmale. Und ihre schärfsten Waffen.
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Foto: cuentalo.es

Der Sommer 2013 hat gezeigt: Die #GlobalChange-Bewegung – vom Arabischen Frühling über die Indignados bis Occupy – ist weder tot noch gescheitert. Sie hat sich transformiert, ihr Kostüm gewechselt und neue Territorien erobert. Die neuen revolutionären Feldversuche finden in Istanbul, Lima, Sofia, Rio de Janeiro statt. Man teilt Taktiken und Meme, kommuniziert über die gleichen Kanäle und baut im Hintergrund an einem transnationalen Widerstands-Netzwerk, das bei Bedarf reaktiviert werden kann.

Totgesagte leben länger – dabei begannen die Proteste eher niederschwellig: In Istanbul wehrten sich Anwohner_innen gegen den neoliberalen Umbau ihrer Stadt; die Passe-Livre-Bewegung oder “Essigrevolution” in Brasilien entzündete sich an der Fahrpreiserhöhung um 20 Centavos und mündete in der Forderung nach kostenloser Nutzung öffentlicher Verkehrsmittel; in Lima organisierten sich Student_innen, um gegen die Bildungsreform der Regierung zu protestieren; in Bulgarien zog die Wut über höhere Strom- und Wasserrechnungen Zehntausende vor das Parlamentsgebäude.

Erst die gewaltsame Niederschlagung der Proteste durch die Staatsmacht und die damit einhergehende Erkenntnis, dass das Demokratieverständnis des kapitalistischen Staates sich darauf beschränkt, seine Subjekte alle vier Jahre zum Kreuzchen-Machen aufzufordern, aber ansonsten ruhig zu stellen, machten vielen Menschen klar, dass mit diesem Staat nicht viel Demokratie zu machen ist.

Die Bewegungen weiteten sich innerhalb weniger Tage über soziale und analoge Netzwerke aus, knüpften landesweite und internationale Verbindungen und stellten eine der wichtigen Ingredienzien revolutionärer Bewegungen des 21. Jahrhunderts her: Globalität, und damit verbunden: Solidarität. Das Gefühl, nicht alleine im Gas zu stehen, nicht alleine den Knüppel in den Rippen zu spüren, nicht alleine für das gute Leben zu kämpfen – sondern mit Millionen anderen, weltweit. Die brasilianische Flagge taucht nicht zufällig auf dem Taksim Square auf, und in den Straßen Rios sang man nicht ohne Grund “Brasil va a ser otra Turquia”. Dazu passt, dass die zwei beliebtesten brasilianischen Facebook-Seiten zu Beginn der Proteste Seiten des OccupyGezi-Netzwerks waren, auf denen man sich austauschte und Informationen teilte. Darüber hinaus konnte man zurückgreifen auf die Techniken und das Wissen der 2011/2012er-Proteste: In Peru beispielsweise war das beliebteste Twitter-Hashtag – #TomaLaCalle (“Geh auf die Straße”) – von den spanischen Indignados von 2011 übernommen worden, die portugiesische Übersetzung – #VemPraRua – wurde bald darauf zum beliebtesten Hastag der brasilianischen Netzwerke.

Neben dem Bewusstsein für die globale Vernetzung der Kämpfe zeigt auch ein weiteres Merkmal, wie sehr die Bewegungen vom #GlobalChange-Spirit der Jahre zuvor beeinflusst sind: Die politische Macht wird nicht bekämpft oder negiert, sondern transformiert: Statt sich mit der bloßen Kritik an den Gebrechen der alten Struktur – Korruption, die kapitalistische Durchdringung demokratischer Prozesse, ein autoritärer Regierungsstil, die Angst der Elite vor Basisdemokratie – zu begnügen, bauen die Bewegungen an alternativen Strukturen im Hier und Jetzt: Asambleas, horizontale Arbeitsplena, dezentrale, fließende Netzwerke, gegen Parteien, ohne Führung, schnell, virtuell, sozial, dezentral und dynamisch: “We convene. We do not lead.”

Die Architektur ist nicht gänzlich neu, aber sie ist neu in ihrem Verbreitungsgrad. Vor allem ist sie aber gefährlich – für den Staatsapparat, für die großen Kapitalmonopole. Wer nicht verstanden hat, warum die Polizeien dieser Welt so brachial auf friedliche Demonstrant_innen einschlugen, findet hier die Antwort. Der Staat wusste schon immer schneller, von wem er angegriffen wird. Dezentraler Protest, horizontal organisiert – hier können keine Köpfe abgeschlagen, keine Zentren ausfindig gemacht werden. Eine anarchistische Utopie. Ein staatlicher Albtraum.

12:01 12.09.2013
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Geschrieben von

RLF

Mission: Kapitalismus aufbrechen.
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