Dinosaurier im Angebot

Die letzten "Aristokratien" der Industriearbeit werden geschleift DaimlerChrysler und VW im Abwicklungsgeschäft der Deutschland AG

Bis vor kurzem konnten die Arbeiter der großen deutschen Automobilkonzerne mitleidig auf Arbeitslose, Hartz-IV-Kandidaten sowie prekarisierte Billiglöhner herabsehen. Im Ursprungs-Sektor der fordistischen Industrien schienen zumindest die Kernbelegschaften auch in der Globalisierung sozial sakrosankt zu bleiben. Deshalb eine gewisse Bereitschaft der jeweiligen gewerkschaftlichen Funktionsträger und Betriebsräte, sich zusammen mit ihrer Klientel als relativ privilegierte Klasse von Globalisierungsgewinnern mit den weniger begünstigten Lohnabhängigen zumindest passiv zu entsolidarisieren, um die alte Deutschland AG auf Weltebene als soziale Minderheitsveranstaltung fortsetzen zu können. Jetzt zeigt sich, wie illusionär diese Haltung war. Die letzte "aristokratische" Bastion der traditionellen Industriearbeit wird geschleift. Was in allen anderen Bereichen längst Normalität ist, erreicht auch die Autokonzerne: Werksschließungen, Auslagerung zentraler Segmente der Produktion nach Fernost oder Osteuropa, massenhafter Abbau von Arbeitsplätzen, drastische Lohnkürzung.

Als Opel den Anfang machte mit dem Beschluss, die Belegschaft um nahezu ein Drittel zu verringern, gab es noch einen kleinen Aufstand, der allerdings schnell verpuffte. Werksschließungen wurden durch Lohnverzicht vorläufig vermieden. Das radikale Sparprogramm bei Opel schrieb man mit mehr als einem Hauch von Antiamerikanismus den wildwest-kapitalistischen Manieren des Mutterkonzerns General Motors zu. Inzwischen trifft es mit dem massiven Angriff auf die Kernbelegschaften bei Daimler und VW das Herzstück der Deutschland AG selbst. Das Sparprogramm des designierten Daimler-Chrysler-Chefs Zetsche ist mindestens so radikal wie bei Opel. Und bei VW stehen 10.000 Beschäftigte ebenso wie der berühmte Haustarifvertrag zur Disposition; der neue Geländewagen der Golfklasse wird zwar noch in Wolfsburg gebaut, aber zu Lohnkonditionen, die bereits 20 Prozent unter diesem Tarif liegen.

Abgewickelt wird indes nicht nur die korporatistische Volksgemeinschaft in einem ihrer letzten Reservate. Die Welt AG von DaimlerChrysler erweist sich immer mehr als Flop; die Zukäufe Chrysler und Mitsubishi blieben Fässer ohne Boden. Deshalb wurde der vermeintliche große Macher Jürgen Schrempp als Versager in die Wüste geschickt. Und VW? Das Unternehmen gilt erst recht als Krisenkonzern. Der Absatz stagniert, die Gewinne sinken; in Spanien, in den USA und sogar im Gelobten Land China drohen Milliardenverluste. Die Krise der dritten industriellen Revolution lässt die globale Kaufkraft schmelzen, so dass überall riesige Überkapazitäten entstehen. Deshalb sind Realinvestitionen längst unrentabel geworden. Wesentlich ist in der Globalisierung ohnehin nicht die Produktion von Waren, sondern das "Investment" in rein zirkulative Prozesse - in den Kauf und Verkauf von Unternehmen und Unternehmensteilen selbst. Weil unter diesen Umständen mangels Realakkumulation die Differenzgewinne auf dem "Unternehmensmarkt" entscheidend geworden sind, kommt es darauf an, andere Unternehmen gewinnbringend auszuschlachten, statt selbst ausgeschlachtet zu werden.

Während die Deutsche Bank nach 80 Jahren bei Daimler ausgestiegen ist und die Konzerne anderer Branchen sich rapide entflechten, um mit gefüllter Kriegskasse die Konkurrenz auf dem Ausschlachtungsmarkt zu überstehen, will man in einigen Chefetagen deutscher Autokonzerne das gleiche Ziel offenbar umgekehrt durch neue Überkreuzbeteiligungen erreichen. So kauft sich Porsche spektakulär mit 20 Prozent als "weißer Ritter" zum Schutz gegen feindliche Übernahmen bei VW ein; und trotz Dementis geht das Gerücht, dass vielleicht auch DaimlerChrysler bei dieser national-familiären Allianz unterzuschlüpfen gedenkt. Während man dem bislang privilegierten Segment der Arbeitnehmerschaft den Korporatismus aufgekündigt hat, soll er auf der Kapitalseite aus Furcht vor den Hedgefonds teilweise gerettet werden. Aber das könnte sich ebenso als Illusion erweisen wie die Hoffnung der Kernbelegschaften und ihrer Funktionäre, sie würden in die Globalisierung mitgenommen und weiterhin fordistisch gefüttert.

Im Abwicklungsgeschäft der Deutschland AG sind gerade die Dinosaurier Daimler-Chrysler und VW fette Brocken, deren Zerlegung zirkulative Milliardengewinne verspricht. Auch das Kapital kann nicht ungestraft in den nationalen Korb zurück flüchten. Das werden VW-Piëch und Porsche-Wiedeking noch zu spüren bekommen.


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Geschrieben von

Robert Kurz

Publizist und Journalist
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