Robert Zion
11.01.2013 | 20:16 19

Brief der Bürgermeisterin von Lampedusa

Schande Europas Übersetzung: Pro Asyl

Ein Blog-Beitrag von Freitag-Community-Mitglied Robert Zion

»Ich bin die neue Bürgermeisterin von Lampedusa. Ich wurde im Mai 2012 gewählt, und bis zum 3. November wurden mir bereits 21 Leichen von Menschen übergeben, die ertrunken sind, weil sie versuchten, Lampedusa zu erreichen.

Das ist für mich unerträglich und für unsere Insel ein großer Schmerz. Wir mussten andere Bürgermeister der Provinz um Hilfe bitten, um die letzten elf Leichen würdevoll zu bestatten. Wir hatten keine Gräber mehr zur Verfügung. Wir werden neue schaffen, aber jetzt frage ich: Wie groß muss der Friedhof auf meiner Insel noch werden? Ich bin über die Gleichgültigkeit entrüstet, die alle angesteckt zu haben scheint; mich regt das Schweigen von Europa auf, das gerade den Friedensnobelpreis erhalten hat, und nichts sagt, obwohl es hier ein Massaker gibt, bei dem Menschen sterben, als sei es ein Krieg.

Ich bin mehr und mehr davon überzeugt, dass die europäische Einwanderungspolitik diese Menschenopfer in Kauf nimmt, um die Migrationsflüsse einzudämmen. Vielleicht betrachtet sie sie sogar als Abschreckung. Aber wenn für diese Menschen die Reise auf den Kähnen den letzten Funken Hoffnung bedeutet, dann meine ich, dass ihr Tod für Europa eine Schande ist.

Wenn Europa aber so tut, als seien dies nur unsere Toten, dann möchte ich für jeden Ertrunkenen, der mir übergeben wird, ein offizielles Beileidstelegramm erhalten. So als hätte er eine weiße Haut, als sei es unser Sohn, der in den Ferien ertrunken ist.

Gezeichnet: Giusi Nicolini.«

Zusatz Robert Zion:
"Friede ist nicht Abwesenheit von Krieg. Friede ist eine Tugend, eine Geisteshaltung, eine Neigung zur Güte, Vertrauen und Gerechtigkeit."
(Baruch de Spinoza, europäischer Philosoph, 1632-1677)

Zweiter Zusatz [Originaltext]:
"L’appello di Giusi Nicolini, sindaco di Lampedusa

Sono il nuovo Sindaco delle isole di Lampedusa e di Linosa

Eletta a maggio, al 3 di novembre mi sono stati consegnati già 21 cadaveri di persone annegatementre tentavano di raggiungere Lampedusa e questa per me è una cosa insopportabile. Per Lampedusa è un enorme fardello di dolore. Abbiamo dovuto chiedere aiuto attraverso la Prefettura ai Sindaci della provincia per poter dare una dignitosa sepoltura alle ultime 11 salme, perché il Comune non aveva più loculi disponibili. Ne faremo altri, ma rivolgo a tutti una domanda: quanto deve essere grande il cimitero della mia isola?

Non riesco a comprendere come una simile tragedia possa essere considerata normale, come si possa rimuovere dalla vita quotidiana l’idea, per esempio, che 11 persone, tra cui 8 giovanissime donne e due ragazzini di 11 e 13 anni, possano morire tutti insieme, come sabato scorso, durante un viaggio che avrebbe dovuto essere per loro l’inizio di una nuova vita. Ne sono stati salvati 76 ma erano in 115, il numero dei morti è sempre di gran lunga superiore al numero dei corpi che il mare restituisce.

Sono indignata dall’assuefazione che sembra avere contagiato tutti, sono scandalizzata dal silenzio dell’Europa che ha appena ricevuto il Nobel della Pace e che tace di fronte ad una strage che ha i numeri di una vera e propria guerra.

Sono sempre più convinta che la politica europea sull’immigrazione consideri questo tributo di vite umane un modo per calmierare i flussi, se non un deterrente. Ma se per queste persone il viaggio sui barconi è tuttora l’unica possibilità di sperare, io credo che la loro morte in mare debba essere per l’Europa motivo di vergogna e disonore.

In tutta questa tristissima pagina di storia che stiamo tutti scrivendo, l’unico motivo di orgoglio ce lo offrono quotidianamente gli uomini dello Stato italiano che salvano vite umane a 140 miglia da Lampedusa, mentre chi era a sole 30 miglia dai naufraghi, come è successo sabato scorso, ed avrebbe dovuto accorrere con le velocissime motovedette che il nostro precedente governo ha regalato a Gheddafi, ha invece ignorato la loro richiesta di aiuto. Quelle motovedette vengono però efficacemente utilizzate per sequestrare i nostri pescherecci, anche quando pescano al di fuori delle acque territoriali libiche.

Tutti devono sapere che è Lampedusa, con i suoi abitanti, con le forze preposte al soccorso e all’accoglienza, che dà dignità di esseri umane a queste persone, che dà dignità al nostro Paese e all’Europa intera. Allora, se questi morti sono soltanto nostri, allora io voglio ricevere i telegrammi di condoglianze dopo ogni annegato che mi viene consegnato. Come se avesse la pelle bianca, come se fosse un figlio nostro annegato durante una vacanza.

Giusi Nicolini"

Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.

Kommentare (19)

El Patiperro 12.01.2013 | 13:08

Wenn so viele Menschen auf diese Art sterben müssen, ist das eines der vielen traurigen Beispiele für die fehlende Verantwortung für das Ganze bzw. für egoistisches Handeln.

Egoistisches Handeln offenbart immer mehr, dass es da keine Liebe und Fürsorge für andere Menschen (aber auch für Tiere und Natur insgesamt) gibt. Egoismus ist die Abwesenheit von Liebe oder anders herum Verantwortung setzt eine Grundhaltung von Liebe voraus.

Für Menschen, deren Geisteshaltung geprägt ist von Verantwortung, Bewusstheit und Liebe, sind diese Zustände nur schwer zu ertragen. Danke für die offenen Worte und ihr Engagement.

zelotti 12.01.2013 | 15:24

Komm mal klar, das Seltsame ist doch, dass diese Verhältnisse überhaupt nicht abschreckend auf die "Flüchtlinge" wirken. Im übrigen hat niemand außer ihnen selbst diesen Weg für sie gewählt. Die emotionale Erpressung funktioniert nicht, Wenn man den Weg öffnet, dann kommt es erst zu den gewagten Einreisen und Todesfällen. Im übrigen besorgt unbegrenzte Arbeitsmobilität nur das Geschäft der neoliberalen Globalisierung. Das haben schon Negri /Hardt verkannt als sie gerade in der Globalisierung der Arbeitsmigration eine Chance sahen. Tatsache ist, dass Arbeitsmigration der politischen Unterminierung der sozialen Sicherungssysteme durch die Arbeitgeberverbände dient und den sozialen Wandel in den Schwellenländern durch brain drain verhindert.

langweiler 12.01.2013 | 19:58

es ist eine Schande für dieMenschheit. Europa fischt beispielsweise den Senegalesen mit modernem Fanggerät die Fischgründe leer und dann wundert sich der friedensnobelpreisträger noch warum die Menschen fliehen, wenn für diese im Land keine Perspektiven mehr gibt, die nicht in die Kriminalität führen.

Europas Außengrenzen (somit auch von Deutschland) in Lampedusa wird von Frontex verteidigt

Oberham 12.01.2013 | 20:02

Danke! Das Schlimme - ich komm mir so vor, als müsste ich mich auch in dieses Gummiboot setzen (könnte ja dann den Stöpsel ziehen) - mit mir im Grunde 400 Mio Europäer - über unser Leichen könnten die Afrikaner dann trockenen Fußes unseren Kontinet übernehmen - verdient hätten sie ihn längst - mit ihrem Leid, ihrer Arbeit und ihren gestorbenen Kindern!

Das sehen Sie jetzt wahrscheilich wieder als zu larmoyant an - nur - wie ist das mit den Bilanzen - womit verdient man etwas?

In jedem Fall finde ich es schön, dass eine Wahlbeamte in Italien solche Briefe schreiben kann - das überrascht mit - vielleicht macht die Nähe zu all dem Wahn klug!

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Ehemaliger Nutzer 13.01.2013 | 00:17

kognitive Dissonanzen in der Politik haben immer hässliche Auswirkungen.

Hier ist es die Dissonanz: "wir müssen Leute die hier leben wie Menschen behandeln und ihnen gewissen Rechte gewähren" vs. "wir wollen nicht, dass wir diese Rechte Massen an Einwanderern und Elendsflüchtlingen gewähren müssen".

Also drückt man beide Augen fest zu bei der Grenzsicherung und schaut konzentriert in die andere Richtung, wenn die elendig ersaufen.

Es gäbe ganz sicher andere Möglichkeiten, aber warum sollte Poltik da genauer hinschauen? Verantwortung und Moral ist nicht die Sache von Parteikriegern, sieht man doch schon bei Merkel und bei dem Thema kann man keinen Blumentopf gewinnen...

Lethe 13.01.2013 | 13:46

Hanns Dieter Hüsch hat mal sinngemäß über Deutschland gesagt, dass die Stammtische seinetwegen von Überfremdung halluzinieren dürfen, aber erst, wenn dieses Deutschland hundert Millionen Nachfahren derer, die im zweiten Weltkrieg durch deutsche Schuld umgekommen seien, aufgenommen, versorgt, wo nötig ausgebildet und mit einer menschenwürdigen Perspektive ins Leben in Deutschland entlassen habe.

Ich denke, das dürfte die Lösung für Europa hinsichtlich der afrikanischen Einwanderer sein, wobei aufgrund der Kolonialgeschichte und des prktizierten Wirtschaftsimperialismus die Zahl "100 Millionen" ruhig deutlich höher ausfallen darf.

Wir müssen uns ändern. So einfach, so schwer ist das.

zelotti 14.01.2013 | 02:47

Unser Wohlstand resultiert aus Arbeit in einem hochindustrialisierten, international vernetzten Land. Leider werden die Gewichte zuungunsten des Faktors Arbeit verschoben, weil das Kapital international ist. Ethnische Konflikte und Diversifizierung sind nützlich und praktisch zur Entsolidarisierung der Arbeiterschaft. Statt gegenüber den Arbeitgebern die Interessen der Arbeitnehmer zu vertreten, dürfen Gewerkschaften Konflikte innerhalb der Arbeiterschaft ersticken und Toleranz zwischen den Menschen gleich welcher Herkunft fördern. Die Solidarität ist dahin. Man sieht es ja in den USA wo sich sublimierter Rassismus gegen universelle Krankenversicherung (=die Sozialpolitik des Kaisers) wendet, weil es eben schwierig ist in einem ethnisch diversifizierten Land Solidarität der Menschen zu schmieden ohne die es keine gesellschaftlichen Mehrheiten für sozialistische Politik gibt. Familie, das geht immer, auch bei den Konservativen, aber gesamtgesellschaftlichen Solidarität für Sozialpolitik, schwierig.

zelotti 14.01.2013 | 02:53

Früher entsolidarisierte man Menchen durch Nationalismus der Staaten gegeneinander, heute entsolidarisiert man die Menschen durch künstliche ethnische Diversifizierung und entwurzelnde Migration. Das Ziel ist immer das gleiche, Ablenkung von denen, die einstreichen, und ihr Geld dahin schieben, wo es am besten für sie ist. In den Villenvierteln und Yachthäfen bleibt man eh unter sich.

Frontex ist derzeit nichts als eine ineffiziente polnische EU-Behörde. Die Franzosen zeigen mit ihren Angriffen in Mali wie weit sie bereit sind, ihre Interessen militärisch wahrzunehmen.

Maia 28.09.2013 | 17:45

Schön, Eure Aller Beiträge zu diesem wirklich mutigen Brief der neuen Bürgermeisterin von Lampedusa.

Viel schöner wäre noch, wenn wir uns auf der praktischen Ebene nun austauschen würden und nicht auf einer frustierten oder überheblichen und abgegrenzten Ebene. Oder noch andere Themen mit reinmischen würden.

Wer spendet mit für die Bevölkerung von Lampedusa? Damit sie die Belastungen im Alltag, wo Europa ja gerne wegschaut, sich abgrenzt... vielleicht etwas besser bewältigen kann? Am besten wohl über die Bürgermeisterin von Lampedusa, Giusi Nicolini!

Dss wäre doch mal eine konkrete Tat.

DANKE