Anatol in Berlin

Bühne Nichts droht so jäh in Kitsch abzugleiten wie die öffentliche Erörterung der Liebe, weil Gefühle, Stimmungen, Emotionen, die unter dem Begriff ...

Nichts droht so jäh in Kitsch abzugleiten wie die öffentliche Erörterung der Liebe, weil Gefühle, Stimmungen, Emotionen, die unter dem Begriff firmieren, heilig gesprochen oder dem Klischee geopfert werden. Der bildliche Beweis für diese These begegnet uns Tag für Tag im Fernsehen und im Kino. Zur selben Form von Öffentlichkeit gehört auch das Theater, und wie bei den anderen Medien dreht sich ein Gutteil der Produktionen um das heikle Thema Liebe.

Im Wissen um die Kitsch-Falle versuchen scheinbar avancierte Inszenierungen nun, die Gefühlswelt möglichst weiträumig zu umgehen - mit dem Resultat, dass sie sich von der Lebenswirklichkeit oft so weit entfernen wie der Kitsch. Wie man sich diesem Dilemma erfolgreich stellen kann, führt eine kleine und mit 80 Minuten kurze Inszenierung vor, mit der Luk Perceval seinen Abschied als Hausregisseur der Berliner Schaubühne einleitet, da er im Sommer als Chefregisseur ans Hamburger Thalia Theater geht.

Anatol ist ein Stückwerk aus sieben Einaktern, in denen die Hauptfigur amouröse Abenteuer erlebt und sich dabei zusehends in widersprüchliche Gefühle wie Bindungsangst und Trennungsschmerz verstrickt. Als Korrektiv und Stimme der Vernunft steht ihm sein Freund Max zur Seite. So sah es zur vorletzten Jahrhundertwende der Arzt und Autor Arthur Schnitzler vor, den der Zeitgenosse Sigmund Freud als literarischen Doppelgänger beschrieb. Schnitzlers dramatischem Erstling hat Perceval nun eine neue Dramaturgie verliehen. Markanteste Änderung: die Hauptfigur ist nun weiblich. Anatol wird von Jule Böwe gespielt, die diversen erotischen "Eroberungen" dafür von zwei Männern: Bruno Cathomas und André Szymanski. Doch auch wenn Namen gestrichen, die Worte Mann und Frau der Besetzung angepasst, Personalpronomen geändert wurden, bleibt die Vertauschung durchgängig bemerkbar, weil Gesprochenes und Sprecher nicht zueinander passen wollen - etwa wenn Cathomas zögerlich und unter Tränen den fehlenden Mut zur Liebe gesteht. Das Befremden darüber gilt nicht dem Darsteller, der sämtliche Register des Schmierentheaters zieht, sondern jenem Denken (auch des Stücks), das dieses Verhalten als "weiblich" qualifiziert.

Einzig Max ist mit Thomas Bading männlich besetzt und daher vor solchen Verwechslungen gefeit. Befremden löst er trotzdem aus: Die Stimme der Vernunft trägt elegante Abendgarderobe (Kostüme: Ilse Vandenbussche) und das akkurat gefaltete Taschentuch in Händen - Fremdkörper auf einer Bühne, die mit einem Augenzwinkern Archetypen des Kitsches zitiert: Von der Decke baumeln hunderte silberne Glitzerschlangen, und auf dem Flügel am äußersten linken Rand steht als Stundenglas ein kleiner funkelnder Big Ben (Bühne: Katrin Brack).

Ausdrucksmöglichkeiten auf ihren Gefühlskern hin zu befragen - so ließe sich die Strategie des Abend beschreiben, die sich durch sämtliche Ebenen zieht. Das meint piepsend vorgetragene Verdi-Arien ebenso wie den Umgang mit dem Text. Den lässt Perceval am abschließenden Hochzeitsmorgen beginnen, um in einer Rückblende Situationen anzusteuern, die Anatol und seine Geliebten in verschiedenen Konstellationen, aber fast immer an der Rampe zeigen. Der Reigen endet schließlich dort, wo er begonnen hatte: bei Anatols Schritt in eine ungewisse Zukunft. Auf der Bühne stellen sich die Darsteller zu einer Dreiergruppe auf, die Max mit glitzernden Girlanden zum Stilleben drapiert. Das kitschverdächtige Bild jedoch wird widerrufen durch den Text, der widerstreitende Gefühle, Stimmungen und Emotionen als kakophonische Endlosschleife präsentiert. Abgewürgt wird sie, als das Licht im Saal erlischt. "Heute" beteuert Anatol ein letztes Mal im Dunklen, und aus Jule Böwes rauer Stimme klingt weder Glück noch Unglück, sondern Sehnsucht nach Echtheit des Gefühls. Und weil diese Sehnsucht das Gegenteil von Kitsch ist, stellt im selben Augenblick der winzige Big Ben das Funkeln ein.

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