Der Zauberberg in Berlin

Bühne Dass Romane ins Theater gelangen, ist längst so normal, dass allenfalls Puristen daran noch Anstoß nehmen. Selbstverständlich darf gefragt werden, ob ...

Dass Romane ins Theater gelangen, ist längst so normal, dass allenfalls Puristen daran noch Anstoß nehmen. Selbstverständlich darf gefragt werden, ob es immer sinnvoll ist, sich bei der prosaischen Verwandten zu bedienen. Doch wie bei Dramen entscheidet über die Antwort nicht der Abgleich mit der Vorlage, sondern der Blick auf die Inszenierung und die Gründe, die sie zu erkennen gibt. Und wenn es gute Gründe sind, ist eine solche Anleihe nicht nur normal, sondern auch legitim.

Vom jungen Werther über Anna Karenina, den Schimmelreiter bis Fräulein Smilla und deren Gespür für Schnee finden sich im Programm des Berliner Maxim-Gorki-Theaters namhafte Beispiele aus verschiedenen Epochen. Seit vorigem Sonnabend steht auf demselben Spielplan auch Der Zauberberg in der Regie von Stefan Bachmann, der mit Carmen Wolfram auch die Spielvorlage erarbeitet hat. Gründe, warum die Wahl auf Thomas Manns Tausend-Seiten-Werk gefallen ist, sind durchaus erkennbar. Nur - die guten Gründe behält der Abend für sich.

Der Zauberberg handelt davon, dass: nichts passiert. Von Hamburg kommend, trifft der junge Schiffsbauingenieur Hans Castorp (Marek Harloff) im Schweizer Kurort Davos ein, wo sein Vetter im Sanatorium Berghof weilt. Vom verlangsamten Zeitmaß hoch über dem Meeresspiegel zunächst befremdet, gerät Castorp allmählich in den Sog der eigentümlichen Rituale und derer, die sich ihnen unterziehen (wie im Programmheft ohne Nennung von Rollen: Ruth Reinecke, Anja Schneider, Miguel Abrantes Ostrowski, Ronald Kukulies, Gunnar Teuber). So werden aus den geplanten drei Wochen sieben Jahre, aus dem Besuch der ärztlich angeratene Aufenthalt.

Die extreme Verlangsamung von Zeit zur "ausdehnungslosen Gegenwart" ist es, auf die in allen Vorankündigungen des Theaters hingewiesen wurde, und tatsächlich bemüht sich die Inszenierung sich um diesen Effekt, erfolgreich jedoch nur in jenen ersten, sich sogar auf der Digitaluhr hoch oben am Portal endlos dehnenden Minuten, während derer sich auf der Drehbühne sechs in Decken gehüllte Menschen auf sechs kargen Betten langsam im Kreise drehen und ansonsten: nichts passiert.

In der Premiere führte das sehr bald zu Unmut, und erbosten Zwischenrufen, in denen sich deutlich die Zumutung formulierte, die eine andere Zeiterfahrung bedeuten kann. Diese Wirkung verpufft jedoch, sobald der "normale" Theaterabend beginnt. Der ist zwar um ein eigenes Zeitmaß bemüht, übersieht jedoch, dass auf dem Zauberberg "Stillstand" außer subjektivem Zeitempfinden vor allem die objektive Beschreibung der bürgerlichen Gesellschaft meint - hier am Vorabend des Ersten Weltkrieges. Der zeithistorische Hintergrund jedoch ist restlos aus der Aufführung getilgt, und mit ihm jede zeit-kritische Dimension. Die kommt allenfalls in Form des kleinen Zimmerspringbrunnens vor, der als Sinnbild für Vergänglichkeit ebenso wie für Kleinbürgerlichkeit auf einem Sockel am rechten Rand der Bühne (Hugo Gretler) steht.

So stößt die Inszenierung besonders im Kontext einer Spielzeit auf, die - in Anlehnung an Heiner Müller - unter dem Motto "Korrekturen" steht und sich der Suche nach "Optionen zur Veränderung" widmen soll. Was das angeht, hat der Abend an sich selbst genug zu tun. Denn dass er, obschon nur zwei Stunden lang, schnell langweilig wird, ist nur ein Problem. Schwerer wiegt, dass Defizite einiger Darsteller zu Tage treten. Als Spieler gehören die meisten wohl nicht zur ersten, so doch zur Garde; hier aber, wo ihr Aktionsradius gegen null tendiert, wird offensichtlich, dass nicht alle sonderlich gute Sprecher sind.

Doch statt hier den inszenatorischen Hebel anzusetzen, kapriziert sich die Regie auf Gags wie den, dass die Handlung fünf Mal von vorn beginnt und Herr Albin jedes Mal die Hose runterlässt, wenn die Rede von seiner geladenen Pistole geht. Solcherlei bloß auf den Effekt gerichtete Regieeinfälle sorgen für Missfallen unabhängig von der Frage, ob die Vorlage ein Roman, ein Drama oder was auch immer war.

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