Die Kunst der Fuge

VOM GESTERN ZUM HEUTE Agota Kristof im "Theater zum westlichen Stadthirschen"

Ein Mann bewegt sich bramarbasierend durch den matt beleuchteten Bühnenraum auf das Publikum zu und setzt sich an einen Tisch: "Ich schreibe", sagt Sandor (Dominik Bender), und Sandor schreibt, um endlich "seine Geschichte" zu erzählen. - Dunkel.

Mit Gestern nach dem Roman von Agota Kristof, zugleich Abschluss der Trilogie der Trennungen des Regisseurs Erick Aufderheyde, begibt sich das Theater zum Westlichen Stadthirschen, das wohl renommierteste Berliner Off-Theater, nach fast 20 Jahren der "Suche nach neuen Erzählformen für ein gegenwartsbezogenes Theater" paradoxerweise in die Vergangenheit. Und erst am Ende der Inszenierung, bevor das Licht zum letzten Mal erlischt, wird man dort angekommen sein, wo mit dem "Heute" der Gegenwart das Drama beginnen könnte.

Denn die Vergangenheit ist eine Zeitform, die dem Drama unbekannt ist. Was bekanntlich häufig zu dem Missverständnis führt, dass durch das Präsenz der direkten Rede der Gegenwartsbezug jedweden Dramas bereits garantiert sei, dem deshalb jeder beliebige "Inhalt" untergejubelt oder übergestülpt werden kann. So sind es zumeist jene Stücke und Inszenierungen, die ein Höchstmaß an "Gegenwart" behaupten, die diese am gründlichsten verfehlen.

"›Ich‹, sagte ich", sagt Sandor, als das Licht wieder angeht, und die grammatikalische Zumutung des Satzes zerstreut die Skepsis: Hier wird kein Roman für das Theater zurechtgebogen, sondern in der indirekten Rede der "untheatralische" Ich-Erzähler der Vorlage bewahrt. "›Ich‹, sagte ich", sagt Sandor. Aber wer ist Sandor? Denn außer dem Mann im grauen Anzug stehen im Lichtkegel von Punktstrahlern jetzt vier weitere Schauspieler, jeder in einem andersfarbigen Kostüm (Petra Peters), und sagen "Ich". In den kommenden knapp zwei Stunden wird jeder von ihnen ein "Ich" der Vergangenheit aufrufen und so kontrapunktisch einen (Farb-)Tupfer zu dem beisteuern, was schließlich Sandors Geschichte ergeben wird: Braun, Rot, Grün und Schwarz ergeben Grau.

Als Sandor noch ein Junge war, trug er einen anderen Namen und lebte in einem anderen Land. Den Mord an den Eltern fantasierend, ergreift er die Flucht. Seit 10 Jahren arbeitet er in einer Uhrenfabrik, stanzt "die immer gleichen Löcher in die immer gleichen Werkstücke" und träumt davon, ein angesehener Schriftsteller zu werden. Genauso lange trifft er sich mit Yolande (Alexandra Madincea), ohne jedoch vom Traum von "Line" lassen zu können.

Line (Silvina Buchbauer) nannte Sandor seine Freundin (und Halbschwester), als er noch Tobias (Patrick von Blume) hieß. Line (Sterica Theresa Rein) ist auch der Name der Frau, die er eines Tages im Bus trifft, mit dem er allmorgendlich zur Arbeit fährt. In ihr macht er die Frau aus, nach der er sich immer gesehnt hat. Und weil er an die Frau, nach der er sich immer gesehnt hat, als an "Line" denkt, nimmt er die Line, die er im Bus trifft, als dieselbe, mit der er befreundet war, als er noch jung war und Tobias hieß.

Von der Fantasie, die an dieser Begegnung entbrennt - und Fantasie bleibt, selbst wenn sie der Realität entsprechen sollte -, und ihrem Scheitern erzählt die Inszenierung. Dafür baut sie vor allem auf die Genauigkeit der Schauspielführung. Nach einer exakten Ordnung begegnen sich die Figuren in den unterschiedlichsten Konstellationen an den verschiedensten Stellen der Bühne (Isolde Wuttke), deren strenge Gliederung durch die Lichtdramaturgie (Urs Hildbrand) noch verstärkt wird, sodass selbst noch die Pfeiler der Fabriketage zu Orten der Begegnung werden. Nach und nach ergeben die einzelnen Stränge und Orte der Erzählung eine Logik, gleichsam eine "Melodie", die im Spiel der Geige (Eric Gradmann) ihr elegisches Echo findet.

Denn dass die Line aus dem Bus nicht bei ihm bleiben wird, ist spätestens klar, als sie darauf besteht, er möge sie endlich bei ihrem richtigen Namen nennen: Caroline. Und so sitzt am Ende Sandor mit Yolande an einem Tisch in einem gelb beleuchteten Kasten am hintersten Ende der Bühne, in einer Vase zwei Tulpen. Sandor erzählt von den beiden Kindern, die sie nach ihrer Hochzeit vor ein paar Jahren bekommen und denen sie die Namen Line und Tobias gegeben haben.

Dies ist die Stelle, an der mit dem "Heute" der Gegenwart das Drama beginnen könnte. Aber dafür ist es zu spät. Denn wie von "Line" hat sich Sandor auch von seinem zweiten Traum verabschiedet: "Ich schreibe nicht mehr", sagt er. - Dunkel.

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