Griff nach der Ordonnanz-Pistole

Schweiz Ein Volksbegehren über die „Heimabgabe“ von Waffen und Munition bewegt die Eidgenossen, weil zugleich eine aufgeregte Armee-Debatte eine Zerreißprobe heraufbeschwört

Die beiden letzten Referenden über ein Bauverbot für Minarette und die erleichterte „Ausschaffung“ von straffälligen Ausländern und Flüchtlingen haben dem Ansehen der Schweiz nicht viel gebracht. Mit dem am 13. Februar anstehenden Votum könnte sich – je nach dem, wie es ausgeht – großes Staunen oder Erleichterung über die mentale Verfassung der Schweizer in Europa einstellen. Entschieden wird über die Volksinitiative Für den Schutz vor Waffengewalt.

Dieses Begehren geht auf die Gepflogenheit der Schweizer Armee zurück, jedem Milizsoldaten – das waren zu Zeiten des Kalten Krieges über 400.000 – ein kriegstaugliches Sturmgewehr mit Schnellfeuerfunktion und eine Schachtel mit 24 Schuss scharfer Munition mit nach Hause zu geben. Die Waffen werden dann in Kleiderschränken, auf Dachböden oder unter Betten aufbewahrt. Einmal im Jahr muss jeder Milizsoldat zur obligatorischen Schießübung und bis zum Alter von 35 zu einer drei Wochen dauernden Reserveübung. Diese verlängerten Klassentreffen verschaffen der Armee viel Beliebtheit, sind das doch drei Wochen Zusatzurlaub, ohne von Familie, Chefs und Arbeitskollegen behelligt zu werden.

Die Schattenseite des Systems ist bekannt, wird aber kaum offen debattiert. Immer wieder regeln Milizsoldaten ihre Konflikte mit Ehefrauen, Schwiegermüttern oder Nachbarn per Sturmgewehr oder Ordonnanz-Pistole. Die waffenfreundliche Stimmung kippte 2007, als ein Soldat keine Angehörige oder Bekannte erschoss, sondern eine zufällig vorbei kommende Passantin – und zwar allein deshalb, weil ihm eine militärische Karriere verwehrt blieb. Sozialdemokraten, Frauenverbände, Friedensfreunde, Gewerkschafter und Polizisten sammelten danach Unterschriften für eine Initiative, um die „Heimabgabe“ von Armeewaffen und Munition abzuschaffen und den Erwerb von Privatwaffen einzuschränken – das Sturmgewehr aus dem Schrank sollte ins Zeughaus.

Es geht mit dem Referendum immerhin um etwa zwei Millionen Waffen. Je nach der Zahl von Kindern und Enkeln kommt schnell ein halbes Dutzend Gewehre in einer Familie zusammen. Die Gefahr, die von den privat gelagerten Beständen ausgeht, ist erheblich: 2009 waren bei 55 von 234 Tötungsdelikten Armeewaffen im Spiel. Größer ist nur die Zahl von Selbstmorden mit Gift und Medikamenten. Die statistischen Angaben sind indes lückenhaft. Bei wie vielen Fällen von schwerer Körperverletzung und Raub Armeewaffen benutzt wurden, hat das Bundesamt für Statistik nicht ausgewertet. Dass es trotz dieses großen Waffenhortes in privater Hand nicht häufiger zu Amokläufen kommt, ist der Grund, weshalb das Problem bisher als nicht-existent unter den Teppich gekehrt werden konnte.

Der Vorfall von 2007 aber ließ die Stimmung kippen. Das Initiativ-Komitee sammelte schnell 115.000 Unterschriften. Erfolgreicher waren nur dessen Gegner. Unter dem Dach der Interessengemeinschaft Schießen Schweiz (IGS) kamen 250.000 Unterschriften zusammen, die an der „Heimabgabe“ der Armeewaffen und einem liberalen Waffengesetz festhalten wollen. Träger der IGS sind robust patriotische Vereine vom Eidgenössischen Armbrustschützenverband über JagdSchweiz und den Verband Schweizer Vorderladerschützen bis zu proTell – Gesellschaft für ein Freiheitliches Waffenrecht. Sie wollen Schießen als Sport ebenso erhalten wie „Sicherheit und Freiheit.“ Ihre Parole: „ Mit der Wegnahme der persönlichen Waffe würde die Schweizer Bevölkerung den Armeeangehörigen das Vertrauen entziehen.“ Schließlich sehen die Schweizer Waffensammler ein „Kulturgut“ in Gefahr, wenn die Initiative Erfolg hätte – „historische Waffen gehören zum Kulturgut des Menschen wie Literatur, Gemälde oder Möbel.“

Die Umfragen sind nicht eindeutig. Die einen sehen eine klare Mehrheit für die „Heimabgabe“ – also gegen die Initiative –, weil die patriotischen Vereine die Landbevölkerung für ein Nein mobilisieren. Andere Umfragen rechnen mit einer Annahme der Initiative, da die Frauen mehrheitlich gegen die „Heimabgabe“ stimmen dürften. Einfach zu häufig werden untreue Geliebte und böse Schwiegermütter mit Armeewaffen getötet. Schützen, Jäger, Waffensammler und Soldaten übersehen diese Opfer und machen geltend, „die Initiative richtet sich gezielt gegen unsere Milizarmee“ und „attackiert unser freiheitliches Staatswesen“. Falls die Initiative siegt, weil Frauen mehrheitlich dafür stimmen, könnte dieser Triumph eine späte Rache für das ihnen bis 1971 verweigerte Frauenwahlrecht sein.

Rudolf Walther ist Schweiz- und Frankreich-Autor des Freitag

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