Ein dorniger Weg

Emanzipation Ein Hörbuch mit Liedern und Texten von Margarete Steffin

Zum 100. Geburtstag Margarete Steffins im März 2008 präsentierte die Schauspielerin Ute Kaiser ein Hörbuch, das einen Teil der 1991 veröffentlichten literarischen Texte enthält: Prosa, Gedichte, Briefe. Am Anfang steht Konfutse versteht nichts von Frauen, eine Parabel im Brecht-Stil, die 1940 bei den Vorbereitungen eines von beiden geplanten Dramas entstand. Das Stück wurde vielleicht deshalb nicht vollendet, weil Steffin 1941 in Moskau ihrer schweren TBC erlag. Es folgt ein autobiographischer Text, in dem Steffin ihren kindlichen Schrecken erzählte über ein Liebesverhältnis, das ihre Mutter im 1. Weltkrieg zu einem Soldaten unterhielt, während der Vater als vermisst galt.

Wie sich Frauen proletarischer Herkunft im spießig-verklemmten Feld der Sexualität, das nur mit brutaler männlich-sexistischer Sprache belegt war, überhaupt emanzipieren könnten - das wurde ein wichtiges Thema Margarete Steffins. Schönheit und Bedeutung ihrer kunstvollen Sonette bestehen darin, dass sie ihr eigenes Liebesverhältnis zu Brecht als eine Emanzipation von diesem konkreten sozialen Hintergrund beschrieb. Es gelang ihr aber nicht nur eine großartige Versprachlichung dieser Entwicklung, sondern auch des neuen Widerspruchs, in den sie sich begeben hatte: die Hoffnung, Brecht aus seiner Ehe mit Helene Weigel zu reißen, um ihn selbst dann aber hundertprozentig in Besitz zu halten.

Von diesem in sich selbst widersprüchlichen Wunsch konnte sie sich nicht, beziehungsweise nur ansatzweise befreien. Und weil viele Frauen auf dem dornigen Weg der Emanzipation ähnliches immer wieder erlebt haben, sind Steffins Gedichte und Briefe für und an Brecht so berührend. Allerdings sollte man ihren Texten - wie auch denen von Brecht - stets ein gewisses Maß an Fiktionalität zutrauen anstatt sie als pure Wiedergabe von Wirklichkeit zu begreifen.

Es ist keineswegs selbstverständlich, dass das immer beliebter gewordene Genre des Hörbuchs literarische Texte wirklich erschließt. Die hervorragend durchgearbeitete, bewusst schlicht gehaltene Interpretation der Schauspielerin Ute Kaiser schafft es sogar, Bedeutungen und Schattierungen von Steffins Texten hörbar zu machen, die sich beim Lesen nicht sofort erschließen. Dass ihr das vielleicht noch besser gelingt, wenn sie die Texte mit noch mehr Understatement vorträgt als auf der CD, suggerierte Ute Kaiser am 19. März im Literaturforum des Berliner Brecht-Hauses. Ihre eindrucksvolle Darbietung wird unterstützt durch sparsam-schnörkellose Kontrabass-Kompositionen von Achim Tang.

Wer aus der Textzusammenstellung nur das allbekannte idealtypische Konstrukt der gefühlvoll leidenden Frau und des kühlen männlichen Egoisten bestätigt sieht, sei auf das Gegenlesen von Brechts Sonetten und Briefen verwiesen wie auch auf Hartmut Reibers Steffin-Biografie Grüß den Brecht. (Freitag ??/ 2008 )

Eine Ahnung künftigen Rezeptionsgenusses, den der Vortrag von Texten beider Liebender vermitteln kann, wurde am 20. März im Brecht-Haus offenbar, als Antje Thiele und Michael Berndt Teile des lyrischen Dialogs vortrugen, ergänzt um Kommentare von Heidrun Loeper.

Margarete Steffin - Prosa Gedichte Briefe. Mit Ute Kaiser (Stimme) und Achim Tang (Kontrabass).nemu records. Köln 2008, 1 CD. 14,99 EUR

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Geschrieben von

Sabine Kebir

Publizistin
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