Gräberpiste

Kommentar Die Sahara entlässt ihre Geiseln

Es ist unwahrscheinlich, dass wir jemals genau erfahren, wer hinter der ein halbes Jahr andauernden Geiselnahme von zunächst 30 - später noch 14 - Touristen aus Mitteleuropa in der Sahara steckte und noch weniger, welche Kräfte mit welchem Einsatz an ihrer Befreiung mitgewirkt haben. Sicher ist nur, dass die Sahara, die als einer der letzten Orte auf Erden galt, in der Fremde von der Toleranz traditioneller autochtoner Kulturen profitieren konnten, diesen Ruf verloren hat. Wer künftig die schwarz phosphoreszierende Einsamkeit der einzigartigen Gebirgsformationen durchrasen will, muss sich auf eine Art von Pauschaltourismus einlassen. Das bedeutet nicht mehr und nicht weniger, als sich einem Führer anzuvertrauen. Damit wird zwar äußerlich immer noch ein recht folkloristisches Bild dieser Kultur entstehen, doch wird man davon nur noch soviel zu sehen bekommen, wie algerische Ordnungskräfte mit vertretbarem Aufwand absichern können. Die sogenannte "Gräberpiste" gehörte nicht dazu. Zwei Soldaten kamen bei der Befreiung der ersten Geiselgruppe ums Lebens - ein Opfer, das nicht ständig abgefordert werden darf. Auch der deutsche Steuerzahler wird nicht endlos für die Risiken von Abenteuertouristen aufkommen wollen.

Weniger neu als für die Weltöffentlichkeit ist es für die Bewohner der Sahara selbst, dass ihr mit vielen afrikanisch-animistischen Elementen durchsetzter Islam seit Jahren von zugewanderten Islamisten bedrängt wird. Zwar konnte die algerische Regierung bislang Attentate auf Erdölbasen und Erdölleitungen verhindern. Aber die von enormen Militäreskorten begleiteten Transporte technischer Ausrüstungen zeigen, dass die Gefahr solcher Anschläge tatsächlich existiert. Es ist vor allem die Bevölkerung der Oasen, deren Lebensform in den vergangenen Jahren durch islamistische Infiltration der Gruppe für Predigt und Kampf eines gewissen Hassan Hattab bedroht war - sie soll auch für die Entführung der Touristen verantwortlich sein. Vieles spricht dafür, dass diese Gruppe seit dem Ende des Taleban-Regimes zum Auffangbecken flüchtiger al Qaida-Kämpfer wurde und darüber hinaus sowohl mit Briganten aus Mali und Niger als auch mit Organisationen fusionierte, die Menschen aus Zentralafrika nach Europa schmuggeln.

Wer 14 Touristen in der heißen Jahreszeit ernähren und medizinisch betreuen kann, verfügt sowohl über finanzielle Reserven als auch über große Erfahrung, was das Überleben von Fremden in dieser durch und durch lebensfeindlichen Umwelt angeht. Dass die Entführer ebenso wie die Vermittler der Befreiungsaktion Muslime sind, sollte denen, die sich immer noch ein allzu pauschales Bild des Islam machen, zu denken geben. Die ebenso erfreuliche wie erstaunliche Rettung der Geiseln erfolgte in einem bislang einzigartigen Zusammenwirken zwischen Staaten und legalen, halblegalen sowie illegalen Formationen. Sie war nur möglich, weil es dabei ein Höchstmaß an gegenseitigem Entgegenkommen gab.

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Ihre Freitag-Redaktion

02:00 22.08.2003
Geschrieben von

Sabine Kebir

Publizistin
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Ausgabe 25/2021

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