Hammel am Himmel

Algerien Der Süden sucht sein Heil zwischen Terrorgefahr und Konsumfreuden. Eindrücke einer Transsahara-Tour
Sabine Kebir | Ausgabe 26/2016 1
Hammel am Himmel
Der Marktplatz in der Wüstenstadt Ghardaia gehört zum Weltkulturerbe

Foto: Imagebroker/Imago

Eine Schulklasse aus der Sahara besucht Algier. Auf ihrem Programm steht der berühmte Zoo von Ben Aknoun. Die Kinder sind irritiert, weil immer wieder ein fliegender Hammel am Himmel erscheint, mit dem ihre Mitschülerin Chaula auf geheimnisvolle Weise kommuniziert. Befremdlich sind auch deren freundschaftliche Beziehungen zum pensionierten Zoodirektor, der die Klasse führt und der dem Hammel so ähnlich sieht. Chaula weiß über die Lebensweise der Tiere fast so viel wie der Direktor. Beide sagen stets, dass auch Tiere Rechte hätten und gut behandelt werden müssten. Gilt das auch für das Lamm, das jede Familie zum Schaffest opfert? Immerhin werden einmal im Jahr innerhalb einer Stunde gut vier Millionen Schafe geschlachtet. Eine enorme volkswirtschaftliche Verschwendung, könnte man meinen. In anderen islamischen Ländern genügt zum gleichen Anlass die reichliche Fleischmahlzeit. Schließlich erzählt der Zoodirektor der schockierten Lehrerin noch, dass seine Frau und seine Kinder vor Jahren bei einem Überfall geschächtet wurden.

So beginnt ein Spielfilm, den mein Mann, der Regisseur Saddek el-Kebir, in diesem Sommer drehen wird. Er spielt auf vielerlei Weise auf das „schwarze Jahrzehnt“ an, wie die Algerier den in den 90er Jahren wütenden Bürgerkrieg zwischen einer islamistischen Guerilla und den staatlichen Sicherheitskräften nennen. Weder haben die von Präsident Bouteflika einst versprochenen Prozesse gegen die Drahtzieher dieses Unheils stattgefunden noch gab es eine öffentliche Aufarbeitung wie im Südafrika der Post-Apartheid-Zeit.

Daran liegt es wohl, dass die bösen Geister des Bürgerkrieges noch nicht gebannt sind. Immer wieder flammt Gewalt auf, besonders in den saharischen Regionen des Südens. Laut offizieller Erklärung sind die tausende Kilometer langen Grenzen zu Libyen, Niger und Mali daran schuld. Hier können – trotz scharfer Überwachung durch die bestgerüstete Armee Nordafrikas – immer wieder dschihadistische Kräfte einsickern. Doch gibt es auch andere Gründe für fehlende Stabilität. Die Menschen im Süden fühlen sich gegenüber dem Norden benachteiligt. Sie organisieren Widerstand, der auch für eine „islamistische Infiltration“ anfällig sein kann.

Farmen in der Wüste

Kulturell unterrepräsentiert – etwa in den algerischen Medien – ist der Süden auf jeden Fall. Deshalb sollen die Schüler in Saddeks Film auch wirklich aus der Sahara stammen, egal wie hoch der Aufwand für Anreise, Unterbringung und eine 24-stündige Betreuung während der Dreharbeiten sein wird. Für das Casting muss also in den Süden gefahren werden, in Städte, die ich schon seit mehr als 30 Jahren nicht mehr gesehen habe. Die dreispurige Transsahara-Route, auf der man von Algier bis Tamanrasset durchstarten kann, steht für den Stolz, wie er die ersten Jahre nach der Unabhängigkeit von 1962 prägte. Der Stolz und die Straßen sind inzwischen brüchig geworden. Immer wieder muss man die Geschwindigkeit drosseln oder Umleitungen nehmen. Neben der Trasse sieht man wie zum Trost einen sechsspurigen Highway entstehen, für den über Täler und Wadis Brücken gebaut werden, die gigantischen Aquädukten ähneln. So etwas können sich weder Tunesien noch Marokko leisten, dafür muss man viel Erdöl exportieren und gut verdienen. Die Ölrendite hat die Regierung auch genutzt, um die lange asketisch ausgerichtete, sozialistische in eine Konsumgesellschaft zu überführen. Das geschah auf neoliberaler Basis, doch bei Erhalt sozialstaatlicher Elemente wie hoher Subventionen für unproduktive Arbeitsplätze. Ich bin gespannt, was dieser Wandel im tiefen Süden bewirkt hat.

In der alten Handelsmetropole Ghardaia, einer ersten Zwischenstation, hatte die Staatswirtschaft nie so recht Fuß gefasst. Hier gab es – begünstigt durch viel Schwarzhandel – zu allen Zeiten ein vielseitiges Warenangebot. Eher entsagungsvolle Verhältnisse herrschten dagegen im staatlichen Hotel El Djanub, dessen Direktion – wie bei den meisten Herbergen im Süden – einst Personal aus der Küstenregion Kabylei überlassen wurde. Angeblich, weil nur Kabylen bereit waren, Touristen Wein auszuschenken. Lange schon gibt es keine Touristen mehr, und der Alkoholausschank ist in den meisten Regierungsbezirken verboten oder dank absurder Preise zum Erliegen gekommen.

Trotz zauberhafter Architektur ist eine Nacht im El Djanub bis heute eine Prüfung. Das wohl noch nie erneuerte Mobiliar ist wegen mangelhafter Reinigung von klebrigem Schmutz überzogen, die Armaturen sind verkalkt. An den Fenstern hängen nur teilbefestigte Vorhänge, die Tischdecken sind fleckig, die Kellner aus dem Norden gelangweilt. Trotz akzeptabler Küche gibt es nur eine Handvoll Gäste.

Im Glück des Augenblicks

Am nächsten Morgen nehmen wir die neue Autobahn nach Timimoun. Hier fährt es sich anders als vor 35 Jahren über die alte Kolonialstraße. Sie war so schmal, dass entgegenkommende Fahrzeuge Herzbeklemmung hervorriefen. Damals war die Tour eine Fahrt durch 600 Kilometer eintönige und steinige Wüste links und rechts. Jetzt kommt man an Versuchsfarmen vorbei, die durch künstlich angelegte Wäldchen vor den unvermeidlichen Sandstürmen geschützt sind und mit Solarenergie Wasser aus der Tiefe fördern. Spät, aber nicht zu spät bereitet sich das Land darauf vor, sich auch aus der Sahara zu versorgen, da die Anbauflächen im Norden schrumpfen – dem Wohnungsbau und beispiellosen Ausbau des Straßennetzes weichen.

Unterwegs in den Süden passiert man wie überall im Land alle hundert Kilometer Gendarmerieposten, an denen jedes Auto strengen Kontrollen unterzogen wird. Hinter El Golea werden auch unsere Papiere geprüft. Es stellt sich heraus, dass ich als Ausländerin diese Regionen überhaupt nicht bereisen darf. Da ich jedoch als Ehefrau eines Algeriers identifiziert bin, der ja traditionell mit seiner Frau machen darf, was er will, entschließen sich die jungen Gendarmen nach hinlänglichem Zögern, uns weiterfahren zu lassen – unter der Auflage, mich in Timimoun bei der dortigen Gendarmerie zu melden.

Die aus dunkelrotem Lehm errichtete Stadt ist nicht wiederzuerkennen. Ihre Fläche wuchs um das Vierfache. Das kurz nach der Unabhängigkeit vom französischen Stararchitekten Fernand Pouillon errichtete Hotel Guerrara wurde bestechend schön grunderneuert, gehört jetzt zur Kette Saint Georges und somit weiter dem Staat. Hier kommt dem Gast der Ehrgeiz regionaler Gastfreundschaft zugute, wovon algerische Familien gern Gebrauch machen. Früher gab es in Timmimun nur Zwiebeln zu kaufen. Jetzt erscheint mir das Warenangebot mit dem des Nordens identisch.

Obwohl wir in den letzten Tage immer wieder unser Rendezvous mit dem Mann, der uns Kinder für ein Casting vorstellen wollte, bestätigt hatten, bekommen wir kein Kind zu sehen außer der 13-jährigen Tochter des mutmaßlichen Agenten. Sie ist begeistert, einen Regisseur kennenzulernen. Der aber ist weniger begeistert und verkündet, gleich am nächsten Tag nach Adrar weiter zu fahren, dort soll es ein seriöser vorbereitetes Treffen geben.

Am Ortsausgang hält uns wieder die Gendarmerie an. „Nach Adrar wollen Sie? Das geht nur, wenn wir Sie begleiten dürfen.“ Nach einiger Diskussion können wir unbegleitet weiterfahren. Von Adrar besitze ich noch alte Fotos, die zeigen, wie unter die sandigen Wege zwischen den Häusern Kanalisationsrohre gelegt wurden. Heute ist das eine pulsierende Stadt mit Gebäuden im malischen Stil. Das Hotel Touat befindet sich freilich in demselben desolaten Zustand wie das Djanub in Ghardaia. Dafür treffen wir einen engagierten Animateur, der uns seine jugendliche Amateurtheatertruppe vorstellt und sich mit seinen Schauspielern das Filmprojekt erläutern lässt. Dann führt jeder ein persönliches Kabinettstückchen vor. Und als wir hören, dass die Truppe jeden Sommer im Norden gastiert und demnächst zu einem Theaterfestival nach Kroatien fährt, sind wir sicher, die Richtigen gefunden zu haben.

Auch in Adrar gibt es nun alles, was man zum Leben braucht, sogar ein bisschen mehr, zugleich aber herrscht die souveräne Gelassenheit alter Oasen. Auch hier wird man wohl kaum jemanden finden, der nicht über Missstände klagt. Sicher nicht zu Unrecht. Und doch erscheint mir Algerien als das wohl glücklichste Land Nordafrikas.

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06:00 13.07.2016
Geschrieben von

Sabine Kebir

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