Mackie Messer in Honolulu

Kanonensong Die US Pacific Forces versuchen sich im ­Laienschauspiel an Bert Brechts "Dreigroschenoper" - in der Version eines homosexuellen US-Komponisten. Eine Revolution?

Es ist der 21. Mai 2010. Nahe Honululu, am Eingang von Fort Shafter, kontrolliert ein GI eine Taxikolonne. In den Wagen sitzen die Teilnehmer eines Symposiums über Brecht in Asien. Ihr Ziel: Das Theatergebäude des Militärstützpunkts. Der Anlass: Die US Pacific Forces geben heute eine Aufführung der Dreigroschenoper zum Besten, und zwar in der Fassung des homosexuellen US-Komponisten Marc Blitzstein, der einst vor das Komitee für unamerikanische Umtriebe zitiert worden war – seiner kommunistischen Aktivitäten wegen.

Nun kennen die ostdeutschen Mitglieder der International Brecht Society ähnliche Kultureinrichtungen von sowjetischen Truppen. Aber wäre es denen in den Sinn gekommen, das Stück eines Systemgegners aufzuführen? Anders die US Pacific Forces. Angeregt durch das Brecht-Symposium bieten sie nun die Blitzsteinsche Dreigroschenoper dar. Die Musiker und die meisten Darsteller sind Soldaten oder angehörige Musikpädagogen. Der erste Eindruck: Unverhohlene Spielbegeisterung, die in dieser Form nur ein Laientheater aufbringen kann. So weit, so gut – so brechtisch!

Ganz unbrechtisch ist, dass die Aufführung nach den Rezepten des Broadway aufgebaut ist, genau so, wie der Meister es immer befürchtet hatte. Mackie Messer und vor allem die Damen stellen mondänes Belcanto zur Schau. Die Story wiederum wird in ihrer ganzen Lustigkeit eins zu eins wiedergegeben, Verfremdungseffekte sucht man vergeblich, doch der Spielfreude tut das keinen Abbruch, im Gegenteil: Beim mit Spannung erwarteten Kanonensong gerät die Truppe völlig außer Rand und Band. Amerikaner mögen derlei gewohnt sein. In einer deutschen Kaserne könnten Lieder, in denen die Armee aus braunen oder blassen Rassen Beefstaek-Tartar macht, vielleicht illegal gegrölt, aber nicht als Kunstform dargeboten werden.

Der große Magen Amerika

Doch damit nicht genug. Nach der Aufführung bitten Regisseur und Ensemble die Brecht Society um Beurteilung der Aufführung. Die Deutschen kneifen. Es finden sich dafür zahlreiche Amerikaner, die enthusiastisch Lob spenden. Ensemblemitglieder erzählen, wie viel ihnen diese engagierte Arbeit bedeutet hat. Der in Gold getauchte Darsteller des Königsboten berichtet, dass er kürzlich vom Einsatz im Irak zurückgekommen sei und sich ganz mit der systemkritischen Aussage seiner Rolle identifiziere.

Na und, bohrt Regisseur Brett Haarwood nach, wie findet ihr denn nun, dass wir hier den Kanonensong aufgeführt haben? Das finden natürlich alle toll. Haarwood prahlt, dass darüber sogar mit der Generalität verhandelt worden sei, die gemeint habe, der Kanonensong könne ohne Weiteres dargeboten werden, da er ja keine Unwahrheiten über die Armee verbreite. Dass der Werbezettel das „revolutionary work“ Erwachsenen vorenthält, hat eher mit der starken Präsenz von Prostituierten zu tun.

Adorno, Horkheimer aber auch Brecht wussten schon, dass der große Magen Amerika alles und wirklich alles verdauen kann und dass das Verdauen von Kritik hier sogar wie ein Jungbrunnen wirkt. Diejenigen, die daraus ableiten, dass die Revolution wie der Sturm auf das Winterpalais stattfinden muss, sind aber auf dem Holzweg. Army, Police, CIA Co sind doch viel zu gut gerüstet! Sie kommt nur voran durch wachsendes Potential von Kritik und Selbstkritik. Insofern - Dank den Künstlern von Fort Shafter! Kritik und Selbstkritik bleiben aber eine narzisstische Spielwiese abgehobener Künstler und Intellektueller, solange sie unfähig sind, sie den großen, von TV- und Konsumfrust gefesselten Mehrheiten zu vermitteln.

Sabine Kebir ist freie Autorin und Publizistin in Berlin

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